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Menschsein im 2007

Hugo Stamm am Samstag den 30. Dezember 2006

In diesen festlichen Tagen hauen die Reichen und Schönen in St. Moritz – und in anderen mondänen Ort – auf den Putz, dass sich die Balken und biegen und die Fassade der Nobelherberge Palace blättert. Es wird der entfesselte Hedonismus zelebriert. Im Kings Club, der Disco des Palace, kostet eine Flasche Dom Perignon 1400 Franken, wie Hannes Nussbaumer im heutigen Tages-Anzeiger berichtet. Die Privatjets starten und landen im nahen Flughafen wie nervöse Bienen. Die „Schnee“-Konzentration im Urin ist höher als auf den Pisten, wie frühere Abwasserproben gezeigt haben. Ohne Pelz geht Frau nicht aus. Die Diskussion um das Leiden der Pelzlieferanten hat St. Moritz noch nicht erreicht. Die Edelboutiquen werden gestürmt, als gehörte Gold zum Notvorrat im drohenden 3. Weltkrieg.

Am Jahresende wird das eigene Ego noch einmal auf dem Hochaltar des Konsumtempels zelebriert. Der homo sapiens des 21. Jahrhunderts hat ein Glaubensgen entwickelt, das ihn selbst als Messias erkennen lässt. Jeder sein eigener kleiner Gott. Und je protziger der Auftritt, desto heller der Gottesglanz.

Die Reichen und denen, die sich wie Reiche verhalten, möchte ich vor ihrem champagnernassen Übergang ins neue Jahr auf ein kleines Detail ihres Verhaltens aufmerksam machen. Wer sich in Gesellschaft in Szene setzt, will auffallen und gesehen werden. Doch wenn alle sich auf das Gesehenwerden konzentrieren, schaut keiner mehr. Also sieht keiner die neue Freundin mit den Model-Massen, das teure Collier, den Rolls, den braunen Teint von den Südsee-Ferien…

Laut Hegel ist die geistige Anstrengung, die Welt zu begreifen, die wirksamste Kraft der Veränderung. Ein Blick auf das silvesterliche St. Moritz zeigt zwar, dass sich die Welt verändert. Aber kaum im hegelschen Sinne einer geistigen Veränderung. Das „Gottesgen“ steht dem Geist im Weg.

Diese evolutionäre Entwicklung ist offenbar an mir vorbei gerauscht. Ich vermag einfach keine Freude am Prunkvollen zu empfinden. Manchmal komme ich mir schon fast asozial vor. Der Blick für die Fassade ist bei mir unterentwickelt. In intellektueller Bescheidenheit suche ich lieber das Nahe, Direkte, Authentische. Vielleicht bin ich blöd. Oder beschränkt. Oder einfach nur noch ein bisschen menschlich? Zu meiner Entschuldigung hoffe ich, dass das Menschliche im neuen Jahr nicht als unmenschlich bewertet wird.

In diesem Sinn ein Prost auf ein 2007, in dem wir hoffentlich nicht ganz vergessen, dass wir besser nicht Gott werden wollen.

Und allen Bloggern ein herzliches Dankeschön für die vielen Emotionen, die Ihr mit Euern zum Teil wunderbaren Kommentaren ausgelöst habt. Einiges in der Netzdiskussion mag virtuell sein, die Gefühle sind echt.

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