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Ist Krankheit eine Strafe Gottes?

Hugo Stamm am Dienstag den 1. März 2011
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Wenn Gebete nicht nützen, wird eine psychische Krankheit schnell als Strafe Gottes empfunden und verschlimmert das Leid der Betroffenen: Jesus und Freud.

Das Kerngeschäft der Glaubensgemeinschaften sind Transzendenz und Jenseits. Für viele ist das Leben im Diesseits eine mühsame Zwischenstation auf dem Weg ins Heil. Trotzdem sind die Geistlichen gezwungen, sich mit den Sorgen und Nöten der Menschen im irdischen Dasein auseinanderzusetzen. Denn leidende Menschen tun sich schwer, den religiösen Codex einzuhalten. Das körperliche und psychische Wohl liegt ihnen in Krisenzeiten näher als das jenseitige.

Die Geistlichen kümmern sich bei ihrer Seelsorge also nicht nur um übersinnliche Fragen, sondern leiten die Gläubigen auch bei Alltagsthemen an. Doch da ist vor allem psychologisches Geschick gefragt, religiöse Rezepte helfen meist wenig. Liberale Seelsorger haben keine Mühe, Gott auf der Seite zu lassen, wenn es um Eheprobleme, Suizidabsichten oder Budgetschwierigkeiten geht. Strenggläubige Dogmatiker hingegen betrachten auch irdische Belange aus der religiösen Warte. Krankheit hat für sie vor allem eine religiöse Komponente. Sie ist eine Strafe Gottes, eine Prüfung oder ein Wink mit dem Zaunpfahl, das Leben zu ändern.

Wie fragwürdig dieses Syndrom ist, zeigt sich exemplarisch bei radikalen Freikirchen und esoterischen Gruppen. Nehmen wir beispielsweise psychische Krankheiten wie Psychosen, speziell Depressionen. Erkrankt ein Gläubiger einer fundamentalistischen Gemeinschaft daran, betet zuerst die ganze Gemeinde für ihn. Hilft das Ritual nicht – wieso sollte es auch, wenn beispielsweise ein kindliches Trauma die Depression ausgelöst hat? -, versucht es der Pastor mit einer Teufelsaustreibung. Dieses Angst einflössende Prozedere verstärkt aber in der Regel die Depression.

Religiöse Therapien für psychische Probleme sind deshalb meist kontraproduktiv. Der Depressive muss nicht nur seine schwere Krankheit ertragen, sondern er glaubt auch, Jesus habe ihn verlassen und bestrafe ihn. Dadurch wird seine Depression zu einer doppelten Belastung, und die Heilungschancen werden erschwert.

Ähnlich verhält es sich bei esoterischen oder spirituellen Bewegungen. Diese interpretieren Krankheiten als übersinnliche Blockade. Als Therapie verordnen sie spirituelle Rituale. Erfahren sie keine Linderung ihrer Krankheitssymptome, befürchten sie, beim Erleuchtungsprozess stecken zu bleiben.

Es ist deshalb wichtig, klare Grenzen zwischen säkularem Leben und Glaubenswelt zu ziehen.

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