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Der «Gottkönig» als tragische Figur

Hugo Stamm am Samstag den 7. Februar 2015
Hugo Stamm

Der Dalai Lama hat seinen Lebensmut noch nicht verloren. Foto: Reuters

Basel steht an diesem Wochenende im Bann eines «Gottkönigs»: Tendzin Gyatsho, der 14. Dalai Lama und 79-jährig, füllt zweimal die St.-Jakobs-Halle, die 6500 Personen fasst. Der buddhistische Mönch, der 1959 im Alter von 23 Jahren vor den Chinesen aus Tibet flüchten musste, jettet seit Jahrzehnten wie ein Superstar durch die Welt und verzaubert mit seinen Unterweisungen ein Millionenpublikum. Selbst hochrangige Politiker buhlen um seine Gunst und sitzen dem Nobelpreisträger ergeben zu Füssen. Wie ist das Phänomen zu erklären?

Eigentlich ist der Mönch ein Anti-Star, sein Leben eine einzige Tragödie. Er sollte sich von seiner Bestimmung her von der Welt abkehren und sich ganz auf seine spirituelle Entwicklung konzentrieren. Die Vertreibung aus Tibet und seine Verfolgung durch die Chinesen zwingen ihm aber eine Rolle auf, die so gar nicht seinem Wesen entspricht. So verwandelt sich seine Mönchsklause oft in einen Privatjet, sein Kloster sind Stadien und Hallen. Eine paradoxe Situation, lebt er doch vom Stigma, ein Heiliger und Märtyrer zu sein. Sein Leiden macht ihn im Westen zu einem Popstar. Ein Schicksal, das ihn eigentlich in die Flucht vor seinen Fans treiben müsste.

Der tragische Held muss es auf seiner Mission «Free Tibet» erdulden, dass das spirituell und esoterisch interessierte Publikum seine übersinnlichen Sehnsüchte ungefiltert auf ihn projiziert. Er kämpft für sein geschundenes Volk und predigt Bescheidenheit und Demut, sein Publikum lebt aber im Wohlstand. So erfüllt die Galionsfigur eine tragische Alibifunktion. Sein Leiden für Tibet wird als Event zelebriert, denn seine Mission, Tibet von der Knechtschaft Chinas zu befreien, ist längst gescheitert. Doch der «Ozean der Weisheit» bleibt in seiner Rolle gefangen, er muss die Erwartungen seiner Fangemeinde weiterhin erfüllen. Er ist ein Getriebener; gejagt von den Chinesen, verfolgt von seinen Verehrern. Dabei sind Personenkult und Mitleid für einen Mönch eigentlich eine Pein. Kein Wunder lacht der Mönch manchmal selbst dann unmotiviert vor sich hin, wenn er über das Schicksal Tibets spricht.

Seine Fans lassen sich bei der Verehrung ihres spirituellen Idols kaum beirren. Es irritiert sie nicht, dass der Dalai Lama noch immer sein politisches Orakel – einen Mönch mit angeblich seherischen Fähigkeiten – befragt, um Handlungsanweisungen zu bekommen. Der «Gottkönig» unterhält sich zwar gern mit hochrangigen Wissenschaftlern über die Quantentheorie, ist aber gleichzeitig im magischen Denken verhaftet. Sein Publikum übersieht auch, dass die tibetischen Klöster bis in die Neuzeit Feudalsysteme waren und die patriarchale Mentalität zur Unterdrückung der Frauen führte. Geduldet vom Dalai Lama.

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