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Wie kam Jona aus dem Bauch des Wals?

Hugo Stamm am Donnerstag den 12. September 2013
Pieter Lastman (1583–1633): Jonas und der Wal (1621).

Pieter Lastman: Jonas und der Wal (1621).

Das Buch Jona im Alten Testament ist für Christen eine Knacknuss. Es erzählt die sonderbare Geschichte von Jona, der von Gott in die Stadt Ninive entsandt wurde, die im heutigen Irak liegt. Der Prophet sollte den Bewohnern eine Strafe Gottes ankündigen und sie zur Umkehr bewegen. Doch Jona nahm ein Schiff nach Spanien, segelte also in die falsche Richtung. Da schickte Gott einen Sturm über das Meer, der das Schiff zu kentern drohte. Jona wurde für die Bedrohung verantwortlich gemacht und über Bord geworfen. Ein grosser Fisch verschluckte den Propheten und spuckte ihn nach drei Tagen unverletzt unweit von Ninive wieder aus.

Kaum eine andere Geschichte der Bibel wird kontroverser diskutiert. Es ist offensichtlich, dass man bei der Interpretation der Episode in Teufels Küche kommt. Nimmt man sie wörtlich, springen einem die Widersprüche förmlich an. Interpretiert man sie metaphorisch, wird es nicht viel einfacher.

An Jona beissen sich Gläubige wie Bibelforscher die Zähne aus. Sicher ist nur eines: Plausible Antworten werden die einen wie die anderen nicht finden. Für viele Kritiker ist das Jona-Buch gar das Paradebeispiel dafür, dass die Bibel nicht von Gott inspiriert sein kann.

Die meisten Bibelforscher sind sich einig, dass die Geschichte falsch datiert ist. Bei der historischen Einordnung kann etwas nicht stimmen. Die Bibel beschreibt Ninive als Königssitz. Ninive wurde aber erst etwa um 700 v. Chr. Residenzstadt, also viele Jahre nach der Zeit von Jona. Somit fällt die biblische Geschichte bereits in sich zusammen.

Liberale Christen nehmen das Buch von Jona als Gleichnis. Gott hat den Propheten, der in die falsche Richtung segelte, auf den richtigen Weg zurückgebracht, argumentieren sie. Eigenartig ist allerdings, dass die Bibel die Frage offen lässt, weshalb Jona Richtung Spanien gesegelt ist. Im Schiff geirrt hat er sich wohl kaum. Manche Bibelforscher glauben, dass er sich um den Auftrag drücken wollte, weil er nicht verstanden hatte, dass Gott eine «sündige Stadt» zur Umkehr bewegen wollte, deren Bewohner ja nicht zu den auserwählten Israeliten gehörten. Zu diesem Schluss kann man gelangen, weil sich Jona später in Ninive sehr seltsam verhielt und sich sogar umbringen wollte.

Man könnte das Buch Jona auch als Randnotiz abtun, die alle Elemente eines Märchens enthält. Quasi als Sage in der Bibel. Das ist aber nicht zulässig, denn Jesus selbst kommt auf Jona zu sprechen und gibt ihm eine besondere Bedeutung. Jesus vergleicht die dreitägige Reise Jonas im Bauch des Wals mit seiner eigenen Wiederauferstehung nach drei Tagen. Somit kommt Jona eine grosse Symbolkraft zu.

In noch grössere Erklärungsnot stürzt die biblische Geschichte jene Christen, für die die Bibel das authentische Wort Gottes ist. Zu ihnen gehören radikal-konservative Katholiken und Mitglieder von Freikirchen. Sie suchen krampfhaft nach plausiblen Erklärungen für Jonas Reise im Bauch des grossen Fisches, der eigentlich nur ein Wal sein kann. (Dass ein Wal kein Fisch ist, konnten die Verfasser des Alten Testaments nicht wissen, Gott aber schon.)

Gewisse Freikirchen erklären tatsächlich, dass es möglich sei, drei Tage im Bauch eines Wals zu überleben. Die freikirchliche Website Jesus.ch schreibt dazu: «Es ist bekannt, dass ein Mann namens James Bartley einen und einen halben Tag im Bauch eines Wals überlebte, bevor er gerettet wurde. Die Anatomie dieser Säugetiere bietet ausreichend Sauerstoff, um ein Überleben zu ermöglichen.» Sauerstoff im Bauch eines Wals? Das wäre dann wohl doch ein anatomisches Wunder.

Doch wer ist James Bartley, der angeblich die Walattacke überlebt hat? Der amerikanische Fischer soll 1892 bei den Falklandinseln von einem Potwal verschluckt worden sein. Seine Kameraden hätten den Wal erlegt und Bartley befreit, wird berichtet. Belege dafür gibt es nicht, die Geschichte klingt eher wie eine Fischerlegende. Unwahrscheinlich ist ausserdem, dass ein Wal die lange Strecke nach Ninive in drei Tagen schaffen würde. Und: Woher sollte der Wal wissen, dass Jona nach Ninive reisen wollte? Und: Wie sollte er wissen, wo Ninive liegt? Fragen über Fragen.

Zweifel an dieser Interpretation kamen auch den Verfassern des Artikels auf der Seite Jesus.ch. Sie bieten eine alternative Möglichkeit an: «Es könnte auch sein, dass Jona im Bauch des Fisches starb und dass Gott ihn nach drei Tagen zum Leben zurückbrachte. Das wäre mit den Lehren der Schrift nicht unvereinbar, da von mindestens acht weiteren Auferstehungen berichtet wird. Doch das wird in der Erzählung nicht angedeutet und Jona könnte überlebt haben.» Hätte Gott an Jona ein Wunder der Auferstehung vollbracht, so fragt sich, weshalb es dann nicht erwähnt wird. Es wäre ein entscheidendes Element in der Geschichte des Propheten.

Zweifel hegen die Freikirchler auch bei dieser Erklärung. Selbst wenn es keine physikalischen Erklärungen geben sollte, schreiben sie, sei «das noch kein Grund, die Geschichte abzulehnen.» Ihre Begründung: «Auch hier geht es letztlich nicht um die Frage, ob diese Geschichte wahr sein könnte oder nicht, sondern es geht um Gott selbst. Wenn es einen Schöpfer gibt, der Erde, Menschen und Universum geschaffen hat, ist es für ihn ein Leichtes, eines seiner Geschöpfe in einem Wal überleben zu lassen. Selbst ein Fass mit Salzsäure wäre für ihn kein Problem. Gott ist grösser, als die von ihm erschaffenen Naturgesetze.» Bei dieser Antwort stellt sich die Frage, warum es Gott nicht gelungen ist, eine befriedigende Antwort auf die unlogische Geschichte zu geben.

Mit dem Universalargument der Freikirchler lassen sich alle Widersprüche mit einem Strich aufheben. Bei der radikalen Form des Glaubens ist das Denken nur erlaubt, bis es auf Widersprüche stösst. Ab einem gewissen Punkt werden Fragen gefährlich und gern verdrängt. Damit wird der menschliche Geist eingeschränkt, die Freiheit beschnitten.

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