Die alten Dämonen wachen wieder auf

Zwei Orangemen im Gespräch. Foto: Charles McQuillan (Getty Images)

Im Sommer 1690 besiegte der protestantische König Wilhelm III. von England seinen Rivalen Jakob II. in der Schlacht am Fluss Boyne in Irland. Damit wurde die irische Insel während dreier Jahrhunderte britisches Hoheitsgebiet.

Seither ist der 12. Juli, der Tag der Schlacht, den britischen Loyalisten in der Provinz Ulster heilig, die irischen Nationalisten wiederum ignorieren die Niederlage ihrer Vorväter. Allerdings nur, wenn sie das tatsächlich können, denn an diesem Tag zelebrieren die radikalen Unionisten, die Orangemen, in Nordirland ihre Macht oder ihren Widerstand gegen die Republik – je nach Standpunkt. Mit Pauken und Fahnen ziehen sie durch die katholischen Wohngebiete und wollen damit ihre Treue zur englischen Krone beweisen.

Das wird auch diesen Sommer wieder so sein, Schlägereien und eingeschlagene Fensterscheiben inklusive.

Der irische Konflikt zwischen Unionisten und Nationalisten führte während Jahrhunderten zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, die erst mit dem Karfreitagsabkommen von 1998 mehr oder weniger ein Ende nahmen. Mehr noch: Damals wurde sogar die Grenze zwischen der Republik und den sechs nordirischen Grafschaften aufgehoben. Wer heute von einem Landesteil in den andern fährt, den erinnern nur die unterschiedlichen Verkehrsschilder an den Wechsel vom irischen in das britische Hoheitsgebiet.

Die Schlacht hat man nicht vergeblich gewonnen

Mit dem Brexit steht diese offene Grenze nun vor der Schliessung: Grossbritannien hat sich für einen eigenständigen Weg und damit für bewachte Grenzen entschieden. Doch die Briten müssen in Nordirland erkennen, wie eng sie mit ihren Nachbarn verknüpft sind. Denn die Dämonen der Vergangenheit melden sich zurück: Die nordirischen Katholiken sehen dafür jetzt ihre Chance für eine Vereinigung mit der Republik gekommen, weil niemand neue Grenzbäume will – auch die protestantischen Unionisten eigentlich nicht.

Da sie sich der Republik jedoch wenig verpflichtet fühlen, würden sie eine neuerliche Grenzschliessung wohl oder übel akzeptieren, solange die britische Souveränität gewahrt bleibt. Die Schlacht am Boyne hat man ja nicht vergeblich gewonnen.

Dublins Strategien

So wehren sich diese Unionisten nun mit allen Mitteln gegen eine Vereinigung mit der von ihnen abgrundtief verachteten Republik. Das ist der Hintergrund der laufenden, nordirischen Regierungskrise, die nun seit Jahresbeginn andauert und aus der kein Ausweg in Sicht ist, denn Unionisten und Loyalisten blockieren sich gegenseitig.

Brexit und nordirische Uneinigkeit: Von dieser Entwicklung will auch die Republik selbst profitieren. So entwickelt die Regierung in Dublin bereits Strategien, wie der Norden möglichst schmerzlos zu integrieren wäre – eine wohlfeile, aber illusorische Idee.

Ein anderer Brennpunkt der britischen Geschichte macht London mit dem Brexit ebenso zu schaffen: die iberische Südspitze Gibraltar. Im Frieden von Utrecht vom 11. April 1713, der hauptsächlich zulasten der Spanier ging, erhielt die englische Krone den Affenfelsen zugesprochen. Die spanischen Niederlande etwa wechselten an Österreich, das Königreich Neapel an das Herzogtum Mailand. Am meisten profitierten jedoch die Briten: Französische Kolonien in Nordamerika wie Neufundland oder die Hudson Bay kamen in ihren Besitz. Gibraltar war eine kleine Aufmerksamkeit obendrauf, von strategischer Bedeutung zwar, ansonsten ziemlich obsolet.

Auch dort ist die Grenze dank der britischen EU-Mitgliedschaft heute offen – fragt sich nach dem Brexit nur wie lange. Zumal Spanien formellen Anspruch auf das Gebiet erhebt und bei der letzten Krise vor vier Jahren den Schulterschluss mit Argentinien suchte.

Womit die Falkland-Inseln, wiewohl nicht Teil der EU, ebenfalls wieder zur Disposition stehen.