Orangina: Die abenteuerliche Geschichte einer Limonade

Wie die Erfindung eines Spaniers erst zum Kulturgut in Algerien und später zum Lieblingsgetränk der Franzosen wurde.

Die bauchige Flasche war schon ganz am Anfang das Erkennungsmerkmal von Orangina. Foto: Getty Images

Orangina ist eines der populärsten Süssgetränke Frankreichs, und auch in der Schweiz wird Orangina gerne und oft getrunken. Während Coca-Cola die globalisierte Welt repräsentiert, stellte sich Orangina stets als Symbol französischer Lebensqualität dar. In Spanien, der Schweiz und Algerien kann dies aber auch anders gesehen werden. Für Algerier war Orangina in erster Linie ein algerisches Getränk, für viele sogar eine Art algerisches Kulturgut. Tatsächlich nimmt Algerien einen wichtigen Platz in der Geschichte von Süssgetränken ein, da die Marke Hamoud Boualem in Algier bereits 1878 mit dem kommerziellen Verkauf einer Limonade aus Zitrusfrüchten mit dem Namen La Royale begann. Damit ist La Royale acht Jahre älter als Coca-Cola und sogar 15 Jahre älter als Pepsi.

Die abenteuerliche Geschichte von Orangina begann jedoch weder in Frankreich noch in Algerien, sondern in Valencia, wo ein spanischer Apotheker, Dr. Agustin Trigo Mirallès, 1933 ein Getränk erfunden hatte, das er 1935 an einer Messe in Marseille als Naranjina vorstellte. Der Franzose Léon Beton, Besitzer einer Orangerie in der Nähe der algerischen Kleinstadt Boufarik, und wohl auch ein Vertreter der Mineralquelle Eglisau AG degustierten dort diesen Orangina-Vorfahren.

In der angespannten finanziellen Situation nach der Weltwirtschaftskrise suchte Beton nach Möglichkeiten, seine Orangen in Frankreich zu verkaufen. An der Messe mischte er einen Löffel Naranjina, Zucker und Mineralwasser mit einem ätherischen Öl aus einer kleinen gläsernen Ampulle, die der Flasche als Korken diente. Beton war sowohl vom Getränk als auch von der körnigen, orangenförmigen Flasche begeistert. Bei seiner Rückreise nach Algerien hatte er eine Geschäftsidee und eine Flasche Naranjina in seinem Gepäck.

Drei Kriege überlebt

1936 liess Beton, mit Mirallès’ Einverständnis, eine algerische Version von Naranjina unter dem Namen Orangina, soda de Naranjina patentieren: Die auffällige Flasche blieb, aber der komplizierte Mischvorgang fiel weg. Unabhängig von Beton stellte die Mineralquelle Eglisau AG ab 1935 eine Naranjina-Version auch unter dem Namen Orangina her; aus Orangen aus Valencia und ursprünglich in bauchigen Flaschen, aber mit merklich anderem Logo.

Orangina-Werbung von 1953. Foto: PD

Der Spanische Bürgerkrieg und der Zweite Weltkrieg durchkreuzten die geschäftlichen Pläne von Mirallès und Beton. 1947 übernahm Jean-Claude Beton, Léon Betons Sohn, das Familienunternehmen und eröffnete 1951 eine Fabrik in Boufarik. Orangina wurde schnell zu einem populären Getränk im Maghreb und traf den Zeitgeist der Nachkriegszeit in Frankreich. 1953 kreierte der französische Künstler Bernard Villemot ein perfektes, schlichtes Poster für Beton mit einer Orangenschale in der Form eines Sonnenschirms auf blauem Hintergrund. Villemots ikonische Werbung versprach Sonne und Sorgenfreiheit in jedem Glas Orangina.

1954 begann der algerische Unabhängigkeitskrieg, was Orangina jedoch nicht nur Schaden brachte. Der Firmenlegende nach kehrten französische Soldaten, die in Algerien Orangina kennen und lieben gelernt hatten, mit ihrer neuen Vorliebe nach Frankreich zurück. Andere Franzosen folgten ihrem Beispiel, und diese neue Popularität schwappte auf andere französische Kolonien und auf die Nachbarländer über. Damit kam Betons Orangina in die Schweiz.

Vom französischen zum globalen Getränk

Beton, der Algerien 1956 verlassen hatte, wurde gegen Ende des Krieges klar, dass er die Fabrik in seiner Geburtsstadt aufgeben musste: Im Jahr 1962 zog der Firmensitz von Boufarik nach Marseille. Falls die Familie Beton damit die algerischen Wurzeln von Orangina kappen wollte, gelang ihr das nur bedingt. Aus der Sicht des neuen algerischen Staates blieb Orangina ein algerisches Getränk. Im Rahmen der Verstaatlichungswelle von französischem Besitz wurden 1963 die Rechte über Orangina der Firma Orangina Algérie zugesprochen; jedoch erhob ein paar Jahre später auch die Société des Eaux Minérales de Saïda Anspruch darauf.

Beton seinerseits betonte, dass Orangina nie verstaatlicht worden sei und wehrte sich gegen lokale Fälschungen. Mit dem Aufkauf durch Pernod Ricard im Jahr 1984 wurde Orangina von einem hauptsächlich frankofonen zu einem wahrhaft internationalen Getränk, mit einer Milliarde verkauften Flaschen im Jahr 1993. Weitere Wechsel in der Führung – von Pernod Ricard zu Cadbury Schweppes im Jahr 2000, zu Lion Capital & Blackstone 2006 und schliesslich zu Suntory 2009 – hinderten die Erfolgsgeschichte von Orangina nicht.

Erst 2003, 41 Jahre nach der Unabhängigkeit, eröffnete Orangina im Beisein von Jean-Claude Beton eine Fabrik in Algerien, aber obwohl Orangina seither wieder legal in Algerien produziert werden darf, konnte die ehemalige Beliebtheit des Getränks in seinem ursprünglichen Heimatland nicht wiederhergestellt werden. Die lange Selbstdarstellung als Symbol Frankreichs scheint Orangina in Algerien ein Hindernis zu sein, und dank des langen Rechtsstreits nehmen manche Algerier Orangina als Symbol für missglückte Dekolonisierung wahr. Algerier trinken heute lieber Pepsi, Coca-Cola und die Limonaden von Hamoud Boualem.

Literatur zum Thema:

  • Jean-Claude Beton / Gilles Brochard: L’aventure de l’orange. Paris: Denoël, 1993.
  • Tristan Donovan: Fizz: How Soda Shook Up the World. Chicago: Chicago Review Press, 2014.
  • Thierry Lefebvre: Un pharmacien espagnol à l’origine d’Orangina. In: Revue d’Histoire de la Pharmacie. Nr 348 (2005). 595f.
  • Claire Moyrand: Hamoud Boualem, le goût de l’Algérie depuis 1878. In: Histoire d’entreprises. Nr. 7 (Juli 2009). 44-49.
  • Benjamin Roger: Orangina, la boisson qui a secoué l’Algérie. In: Jeune Afrique. 22.08.2013.

11 Kommentare zu «Orangina: Die abenteuerliche Geschichte einer Limonade»

  • John sagt:

    TriNaranjus war auf unseren Spanien (Katalonien-) Reisen in den 60er und 70er Jahren unser Lieblingsgetränk. Es gab dort damals auch einen Spruch: „Coca Cola assesina – TrinNaranjus al poder“ – etwas anti-kolonialistisch / katalonisch angehaucht und mehr gegen Madrid als die Amerikaner gerichtet.

  • Figlestahler, Peter sagt:

    Meinte den E-Mal-Wechsel zwischen Frau Studer und Herrn Bertschy von Orangina Eglisau – nicht Herrn Engler. Sorry!

  • Figlestahler, Peter sagt:

    Die bauchige Flasche, gemäss Bildlegende Erkennungsmerkmal von Orangina,
    gibts, zumindest in Frankreich, nirgends – zB in Supermärkten – zu kaufen, da die Flasche aus „Glas“ ist. Orangina gibts nur in Pet-Flaschen. Auch in Bistros, wo die bauchige Glasflasche, verwendet wird, kann man sie, wenn leer getrunken, auch nicht einfach mitnehmen. Nicht erlaubt. Die Anzahl der Flaschen, die ein Lokal erhält, wird vom Lieferanten „genauestens kontrolliert“, was immer das heisst. – Den E-MailWechsel zwischen Frau Studer und Herrn Engler könnte man übrigens hier veröffentlichen. Interessiert evtl den einen oder anderen Leser. Besten Dank vorab.

  • Bertschy Arnold sagt:

    Sehr geehrte Frau Studer

    Ich bin gerne bereit mit Ihnen über Orangina zu sprechen.
    Die Redaktion hat meine e-mail

  • Figlestahler, Peter sagt:

    Zwei Anmerkungen:
    1) Neben den Limonaden von Hamoud Boualem trinken die Algerier heute vor allem die Softdrinks von IFRI, dem führenden Getränkehersteller, aus der Kabylei.
    2) Die Markenrechte am originalen spanischen Orangina (TriNaranjus) wurden 2017 von den valencianischen Urhebern zurückgekauft, laut örtlicher Tageszeitung Las Provincias.

    • djazair sagt:

      Schön zu sehen das auch jemandem Ifri aufgefallen ist!! Nebenbei gesagt, ist weder Pepsi noch Cola nur annähernd so beliebt wie die heimmischen Marken. Und auch in der Diaspora, Kanada und Frankreich sind diese Marken stark vertreten natürlich speziell bei den Algeriern. Um auf Cola zurückzukommen, sollte man mal vom Getränk Selecto gehört haben welches auch von dem Rapper Rim’K (ehemalige Gruppe 113) immer wieder als Immitation Coca Colas bezeichnet wird. Hmm fragt sich nun was gab es zuerst…

  • Bertschy Arnold sagt:

    Orangina aus Eglisau hat sowohl mit Spanien als auch mit Frankreich etwas zu tun. Das „Eglisauer-Orangina „ wurde nach dem Rezept einer Lizenz aus Spanien hergestellt.
    Nachdem J-C Beton die spanischen Markenrechte übernommen hatte, musste auch in Eglisau auf die neue Rezeptur und die neue Kugelflasche umgestellt werden. Die Umstellung und Einführung des „neuen“ Orangina war nicht ganz einfach, aber schliesslich sehr erfolgreich.
    Arnold Bertschy, ehemaliger Verkaufsdirektor

    • Gerhard Engler sagt:

      Danke für die Information. Ich verstehe immer noch nicht, warum das frühere CH-Orangina einen ganz anderen Geschmack hatte als das heutige und warum man trotz dieses enormen Unterschiedes den gleichen Namen verwendete.

      • Nina Studer sagt:

        Lieber Herr Bertschy,

        herzlichen Dank für diese enorm interessante Antwort! Das „Eglisauer-Orangina“ und seine Verbindungen zum Orangina von Beton faszinieren mich, aber leider ist es wirklich schwierig, an Informationen zu kommen.

        Wären Sie eventuell offen für ein paar Fragen meinerseits?

  • Gerhard Engler sagt:

    Für mich bleibt eine offene Frage: Hat das Eglisauer Orangina wirklich etwas mit dem Spanisch/Algerisch/Französischen Orangina zu tun oder ist das nur zufällig der gleiche Name? Bis ca. 1985 gab es ein Orangina aus Eglisau, das geschmacklich nichts mit dem heutigen Orangina zu tun hatte. Auch Schriftzug und Flasche waren völlig verschieden. Ich gehe davon aus, dass das CH-Orangina nur zufälligerweise den gleichen Namen hatte, aber sonst eine komplett andere Enstehungsgeschichte hatte. Und eigentlich bin ich froh, dass das CH-Orangina durch das französische ersetzt wurde, welches geschmacklich um Welten besser ist.

  • Kurt Perotto sagt:

    Orangina ist auch in Thailand erhaeltlich

Kommentar

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