Des Kaisers Rückkehr in den Thurgau

History Reloaded

Napoleon III. im Jahr 1852: Gemälde von Franz Xaver Winterhalter. Foto: Getty Images

Napoleon III., der Kaiser Frankreichs, führt 1865 sein Land, das er modernisiert hat, mit harter Hand. Oppositionelle lässt er reihenweise verhaften oder versetzt sie in Strafkolonien. Sein Feind Victor Hugo bezeichnet ihn konsequent als «Napoléon le petit».

Doch Kritik und Häme lässt der 57-jährige Kaiser hinter sich, als er im August 1865 mit seiner Frau in die Schweiz reist. Dorthin, wo er seine wilden Jugendjahre verbracht hat: Von 1815 bis 1838 lebte er hauptsächlich im Schloss Arenenberg in Salenstein am Bodensee. Kein Wunder, spricht der französische Kaiser astreinen Thurgauer Dialekt. Jetzt ist er inkognito als «Graf von Pierrefonds» unterwegs, um offizielle Empfänge zu vermeiden.

Die kleine Tour de Suisse Napoleons beginnt in der Ostschweiz. Die «Thurgauer Zeitung» sendet einen Reporter zum Bahnhof in Konstanz, von wo dieser ungewöhnlich blumig von der Ankunft des Kaisers berichtet: «Da kam er, zwar etwas gebückten Hauptes, aber sehr gesund und frisch aussehend, wir möchten fast sagen blühend. Scharfen Auges und freien Blickes, den Stempel des Herrschers auf der Stirne tragend, steigt er in den Wagen.»

Der «blühende» Kaiser Frankreichs weilt vom 18. bis am 21. August im Schloss Arenenberg. Als er es vor 27 Jahren verlassen musste, hatte er beim Abschied gesagt: «Ich scheide mit Schmerzen von euch; wenn ich aber wiederkomme, soll Freude walten.» Das tut es! Bollerschüsse annoncieren den freudigen Besuch, der Salensteiner Männerchor bringt ein Ständchen dar, eilig errichtete Triumphbögen schmücken die Strassen, ein grosses Feuerwerk erhellt den Nachthimmel. Eine Spazierfahrt mit dem Dampfboot Arenenberg führt den hohen Gast nach Schaffhausen, wo ihn ein Kadettenkorps im «Kronenhof» empfängt.

Napoleon III. freut sich, «den Ort der glücklichen Jugendzeit» wiederzusehen; vor zehn Jahren hat er, der Thurgauer Ehrenbürger, das Schloss Arenenberg zurückgekauft. Jetzt füllt er auf der Schlossterrasse die Kelche seiner Gäste eigenhändig mit Champagner. Volksnah schüttelt er die Hände des jubelnden Publikums, spricht mit Gästen in bestem Thurgauer Dialekt und verteilt kaiserliche Auszeichnungen.

Schürzenjäger und Herzensbrecher

Vielleicht hat es in der Menschenmenge junge Menschen, die dem Kaiser sehr ähnlich sehen. Als junger Prinz kannte er zwischen Schaffhausen und Konstanz alle zwielichtigen Lokale. Ein badischer Freiherr berichtet in seinen Memoiren, dass sorgende Mütter damals ihre Töchter versteckten, sobald dieser Prinz in der Nähe auftauchte. Louis-Napoléon war ein notorischer Schürzenjäger und Herzensbrecher.

Schloss Arenenberg mit dem Napoleonmuseum bei Salenstein oberhalb des Bodensees. Foto: Keystone

So ging er etwa mit Maria Anna Schiess aus Allensbach eine Liaison ein. Bald war sie von Louis-Napoléon schwanger. Den gemeinsamen Sohn nannte sie Bonaventur, was so viel heisst wie «schönes Abenteuer». Doch der Prinz machte sich ohne Anerkennung der Vaterschaft davon. Zurück blieb nur ein alter Kupferring, den Louis-Napoléon der Anna geschenkt haben soll und der bis heute von den Nachkommen Bonaventurs aufbewahrt wird. Die Geschichte des unehelichen Sohns des Prinzen verbreitete sich rasch. Vielleicht jubeln im August 1865 weitere uneheliche Kinder ihrem Vater, dem Kaiser Frankreichs, zu.

Die «Konstanzer Zeitung» schwingt sich angesichts des kaiserlichen Besuchs zu poetischen Höhen empor: «Wie ein unberechneter Komet kam er blitzeschnell mit Dampfesflügeln dahergefahren, einen Schweif von Hofleuten und Mouchards hinter sich herziehend, und ist, nachdem man sich kaum vom Erstaunen erholt hatte, ebenso geschwind wieder verschwunden, einen Goldregen über Arenenbergs Umgebung sprühend (…)» Tatsächlich lässt der Kaiser fast «Gold regnen», indem er drei Kirchgemeinden mit insgesamt 30’000 Franken zugunsten der Armen beschenkt.

Ein Unfall beendet die Reise

Weiter geht Napoleons Reise zum Kloster Einsiedeln, das ihm und seiner Mutter einst Zuflucht geboten hat. Der Kaiser beschenkt das Kloster mit einem vergoldeten Kronleuchter – er hängt noch heute in der Kirche von Rothenthurm. Dann reist er nach Thun, wo er einst seine militärische Ausbildung genossen hat. Dort besichtigt er das Übungsfeld der Offiziere auf der Allmend sowie die neue Kaserne.

Die so freudvolle Reise endet allerdings unglücklich: Als beim Bahnhof Neuchâtel die Lokomotive pfeift, scheut ein Pferd des Kaisertrosses und brennt durch. Drei Gesellschaftsdamen erleiden Bein- und Armbrüche. Die sorgenlosen Ferien in der Schweiz sind auf einen Schlag vorüber.

Literatur: Gügel, Dominik; Egli, Christina (Hg.): Menschen im Schloss. Lebenswelt um 1900 auf dem kaiserlichen Gut Arenenberg. Frauenfeld/Stuttgart/Wien 2006.

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