Londons vergessene Findelkinder

Mädchen im Foundling Hospital 1941. Die Institution war bis Anfang der 1950er-Jahre in Betrieb. Foto: Felix Man (Getty Images)

Hunderte von Babys, tote und lebendige, lagen jährlich in den Strassen Londons – vor den Häusern Wohlhabender, neben Abwasserkanälen oder auf Abfallhaufen. Ihre Mütter hatten im 18. Jahrhundert keine Wahl: Eine Schwangerschaft brachte eine unverheiratete Frau in eine existenzielle Krise, sodass die Kinder verschwinden mussten. Denn London entwickelte sich damals durch die Landflucht von einer Stadt zu einer Metropole, deren Einwohnerzahl sich im 18. Jahrhundert auf 900’000 fast verdoppelte. Hier kümmerten die Nöte des Einzelnen niemanden. Im Gegensatz zum Kontinent nicht einmal die katholischen Kirchenleute, die damals in England nichts mehr zu suchen hatten.

Wäre da nicht der reiche Kolonialist Thomas Coram (1668–1751) gewesen, der als junger Schiffsbauer in Massachusetts ein Vermögen gemacht hatte. Er konnte das alltägliche Elend auf den Londoner Strassen nicht verkraften und schritt zur Tat, wie die Historikerin Helen Berry in ihrem neuen Buch «Orphans of Empire» schreibt («Die Waisen des Weltreichs»). Mit der Hilfe des Künstlers William Hogarth und des deutschen Komponisten Georg Friedrich Händel eröffnete Coram 1741 ein Waisenhaus für die verlorenen Londoner Babys. Das Elend ging den beiden ans Herz, wie William Hogarth etwa in seinem Druck «Gin Lane» dokumentierte. Händel gab regelmässig Benefizkonzerte seines «Messias» in der Hauskapelle, um Geld zu sammeln. 18 Buben und 12 Mädchen kamen als erste in das «Foundling Hospital», wie Coram seine Institution für Findlinge nannte.

Der Zufall entschied über das Schicksal

Der Begriff war nicht ganz korrekt, denn die Mütter mussten die Kinder persönlich abgeben. Der Ansturm war so gross, dass das Los über die Aufnahme entschied mit einer Chance von 50 Prozent. Wer Pech hatte, kam zurück in die Gosse. Im glücklichen Fall stand die Mutter vor einem schweren Schicksal. Sie durfte zu dem abgegebenen Kind keinen Kontakt mehr aufnehmen, auch wenn sie lebenslang Gewissensbisse plagten.

Nachdem die Babys getauft und medizinisch betreut waren, kamen sie zu Pflegeeltern aufs Land, wo sie ein paar Jahre bleiben konnten, bis sie zurück in das Waisenhaus mussten und von dort als Lehrlinge in Gewerbebetriebe abgegeben wurden. Für viele Kinder war das die Rettung; andere erlebten jedoch die Hölle, sei es bei den Pflegeeltern oder in der Lehre. Zahlreiche Todesfälle sind dokumentiert. Historikerin Berry warnt allerdings mit Recht vor moralischen Urteilen. Vorstellungen von einem Sozialstaat, wie er heute selbstverständlich ist, hatte niemand.

Stofffetzen als Erinnerung an die Mutter

Am schlimmsten wurde es, als sich die Politik einmischte. In den Jahren 1756 bis 1760 unterstützte das Parlament das Findelhaus finanziell. Es musste in den vier Jahren um die 15’000 Kinder aufnehmen, was zu chaotischen Zuständen führte; ein Drittel der Sozialwaisen überlebte diese Zeit nicht. Erst als die Verantwortung an die private Wohltätigkeit zurück ging, entwickelte sich das Hospital wieder gedeihlich – bis in das frühe 20. Jahrhundert.

Thomas Coram (1668–1751), Kolonialist und Philanthrop. Foto: Getty Images

Wie häufig in solchen Fällen war die Begeisterung der Obrigkeit für das Sozialprojekt von Beginn weg ambivalent. Thomas Coram musste sich 17 Jahre lang gedulden, bis er von König George II. die Erlaubnis erhielt, sein Hospital zu gründen. Dem Projekt standen moralische Bedenken entgegen: Man befürchtete einen Zerfall der Sitten, wenn Mütter beliebig Kinder auf die Welt brachten, ohne sich um sie kümmern zu müssen.

Das Foundling Hospital ist heute ein Museum, das die Schicksalsgeschichten der Kleinen dokumentiert. Es steht in Bloomsbury, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Russel Square, mitten in London. Am meisten berühren den Besucher kleine Erinnerungen, meist Stofffetzen, welche die Mütter ihren Kindern mitgaben, wenn sie ins Hospital kamen. Die Souvenirs dienten der Identifikation der Kleinen und versicherten den Müttern, dass ihre Kinder auf ihrem Lebensweg wenigstens ein kleines Andenken an ihre Herkunft hatten.

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