Ein Palast in Stockholm, ein Schloss im Aargau

History Reloaded

Wohltätige Grossindustrielle: Wilhelmina von Hallwyl um 1902. Foto: Hallwylska Museet/Wikipedia

Wie ein Stück Aargau nach Stockholm kam und wie ein Stück Schweden in den Aargau gelangte, lange bevor es die Ikea in Spreitenbach gab – davon handelt diese Geschichte. Der Schweizer Adelige und Generalstabsoffizier Walther von Hallwyl (1839–1921) heiratet 1865 die ebenso reiche wie resolute Schwedin Wilhelmina Kempe (1844–1930); er hat sie nach dem Tod seiner ersten Frau in der Kur in Bad Homburg kennen gelernt. Hier beginnt die schweizerisch-schwedische Geschichte dieses interessanten Ehepaars. Mit Folgen bis heute.

Graf Walther und Gräfin Wilhelmina von Hallwyl ziehen bald nach Schweden, wo der Schweizer in der Firma seines Schwiegervaters in der Direktion mitwirkt. Diese Ljusne-Woxna AB ist damals das grösste Holz- und Eisenhandelshaus Schwedens. Der Schweizer Walther von Hallwyl nimmt die schwedische Staatsbürgerschaft an und leitet fortan allein die Familiengesellschaft.

Ein Palast mitten in der Stadt

Um 1896 ist die Familie von Hallwyl-Kempe eine der reichsten von ganz Schweden. Sie kauft sich ein heruntergekommenes Viertel am Stockholmer Hafen gegenüber der Altstadt, lässt die Bretterbuden niederreissen und vom besten Architekten Schwedens einen Palast im Stil der italienischen Renaissance und spanischen Gotik erstellen: mit 40 Zimmern auf 2000 Quadratmetern, mit zwei Salons, Waffenraum, Billardzimmer, Fitnesskammer und Raucherraum im orientalischen Stil, mit Leitungswasser, Haustelefon, Essensaufzug und Heissluftheizung, mit Steinway-Flügel, antiken Tapeten und edler Gemäldesammlung. Im ganzen Haus ist Elektrizität verfügbar, eine Novität damals in Stockholm.

1898 ist der Palast bezugsbereit, der nach seinen Erbauern benannt ist und noch heute «Hallwylska Palatset» heisst. Walther von Hallwyl ist zu dieser Zeit nicht nur ein international tätiger Geschäftsmann, sondern sitzt auch als Abgeordneter im schwedischen Parlament, während seine Frau antike Gemälde, Möbel und Porzellan zusammenkauft.

Walther und Wilhelmina hören von den Misserfolgen von Walthers Bruder Hans von Hallwyl. Ebenfalls auf grossem Fuss lebend, liest sich dessen Vita als unglaubliche Abfolge von Misserfolgen. Nach dem Konkurs von Hans kaufen die reichen Schweden dessen Schloss Hallwyl im Aargau, lassen es aber während dreier Jahrzehnte ungenutzt – bis interessanterweise die Schwedin Wilhelmina Freude am Schloss im entfernten Seetal findet.

«Die Schwedin» verschafft sich ein Ferienschloss

Sie ordnet mit Experten das hallwylsche Familienarchiv, lässt das Schloss am Hallwilersee von einem schwedischen Fachmann archäologisch untersuchen und dann ab 1913 unter riesigem Aufwand renovieren, wiederum unter Beizug eines schwedischen Architekten. Die neugotischen Umbauten ihres Schwagers lässt «die Schwedin», wie sie im Seetal genannt wird, rückbauen, sie macht aus dem Schloss wieder eine mittelalterliche, trutzige Wasserburg. Die Familie wohnt in der Folge noch immer in Schweden, verfügt aber über einen mehr als standesgemässen Feriensitz in der Schweiz.

Wasserschloss Hallwyl beim Hallwilersee. Foto: iStock

1921 stirbt Walther von Hallwyl in Stockholm, und Wilhelmina macht sich an das grosse Verschenken, in der Schweiz wie auch in Schweden. Das ganze Inventar von Schloss Hallwyl mit über 500 wertvollen Möbelstücken und Kunstwerken vermacht sie dem Landesmuseum in Zürich, das Familienarchiv übergibt sie dem Staatsarchiv Bern, dann richtet sie die Hallwyl-Stiftung ein und alimentiert sie reichlich, damit diese das Schloss Hallwyl der Öffentlichkeit zugänglich machen kann.

In Stockholm verschenkt sie den Hallwyl-Palast mit den 40 Zimmern dem schwedischen Staat, samt kostbarer Kunst- und Porzellansammlung. Noch heute befindet sich ein Museum im Palais, eben das «Hallwylska Museet» im «Hallwylska Palatset». Sie tragen den Namen des Schweizer Adelsgeschlechts, während der schwedische Einfluss im Aargau fast nur noch in der Ikea sichtbar ist.

Literaturhinweis: Andreas Z’Graggen; Adel in der Schweiz; NZZ Libro; 2018.

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