Margaret Thatcher und der Neoliberalismus

Sie nannte sich konservativ und war stolz darauf: Margaret H. Thatcher, hier mit Norman Tebbit, einem ihr eng verbundenen Minister. Foto: Peter Jordan (Getty Images)

Ab und zu macht die Geschichte Tempo. Ohne dass es den Zeitzeugen gross auffällt, rutschen Gesellschaften auf eine andere Bahn. So geschah es 1979: Gleich mehrere Ideen wurden plötzlich konkret und begannen, die Welt zu verändern: der Islamismus; ein neues China; die Öko-Bewegung. Und auch: der sogenannte Neoliberalismus. Ein Standpunkt wurde zu einer Kraft.

Denn 1979 trat Margaret Thatcher als Premierministerin von Grossbritannien an, und die entschlossene Tory-Politikerin startete sogleich damit, das Rezeptbuch von liberalen Ökonomen wie Milton Friedman und Friedrich A. von Hayek anzuwenden. Sie senkte die Spitzensteuern. Sie privatisierte Staatskonzerne wie BP, BT, British Airways und British Gas, sie brachte Sozialwohnungen und Bahnstrecken auf den Markt. Sie baute beim Arbeitnehmerschutz ab, sie beschnitt die Möglichkeiten der Gewerkschaften. Sie bekämpfte vor allem die Inflation und wagte dafür hohe Arbeitslosenraten.

Mehr Freiheit, weniger Staat

Kurz: Margaret Thatcher setzte voll darauf, dass England wohlhabender werde, wenn man Firmen, Konsumenten und Arbeitnehmer sich selber überlässt. «Der menschliche Fortschritt wird am besten erreicht, indem man den freiesten Rahmen für die Entwicklung individueller Talente schafft», sagte sie einmal.

Mehr Freiheit, weniger Staat: So war nun der Zeitgeist. So lautete der Slogan, mit dem auch die Schweizer FDP 1979 in den Wahlkampf zog – und prompt ein Spitzenergebnis erzielte.

Konservativ, nicht neoliberal

Es läge also nahe, genau vier Jahrzehnte danach anhand der Thatcher-Ära eine Bilanz des Neoliberalismus zu ziehen. Aber das geht nicht. Erstens verzerrten äussere Faktoren die Entwicklung; gewisse Erfolge hatten nichts mit der Politik in England zu tun, gar nichts, sondern mit dem Ölpreis oder der Weltkonjunktur.

Zweitens drückte selbst eine Maggie Thatcher die Chicago-Doktrinen nicht lupenrein durch: Das staatliche Gesundheitssystem etwa tastete sie nicht an. Sowieso hätte sie sich selber nie als liberal bezeichnet, schon gar nicht als neoliberal. Sie nannte sich konservativ und war stolz darauf.

Die Händlerstochter aus Mittelengland wünschte sich eine moralische Gesellschaft, in der jeder so viel Verantwortung übernimmt wie möglich, für sich wie für alle. Mit ihren christlich-viktorianischen Werten tickte sie anders als die Lobbyisten, die sich später auf sie beriefen, obwohl sie bloss noch Deregulierung wollten; anders als jene Markt-Ideologen, für die mehr Effizienz einfach weniger Staat bedeutet.

«Eine moralische Gesellschaft»

«Wir wollen eine Gesellschaft, in der die Menschen frei sind, ihre Entscheide zu treffen, um Fehler zu machen, um grosszügig und mitfühlend zu sein», hat sie einmal gesagt. «Dies ist, was wir als moralische Gesellschaft verstehen. Nicht eine Gesellschaft, wo der Staat für alles verantwortlich ist.»

Als sie kam, stand ihr Land an einem Abgrund. Bei der Produktivität und beim Wachstum befand sich Grossbritannien 1979 am Ende aller ernsthaften Industriestaaten. Die Teuerung: atemberaubend. Die Arbeitslosigkeit: erschreckend. Great Britain hiess allgemein «the sick man of Europe», der kranke Mann Europas.

Inflation, Arbeitslosigkeit, Wachstum

Frank Bösch: Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann. C.H. Beck, München 2019.

Dann aber legte Thatcher keineswegs eine klare Erfolgsstory hin. Die Inflation stieg nochmals an – sie kam erst 1982 unter Kontrolle. Die Arbeitslosigkeit verdoppelte sich kurzfristig – sie war während der ganzen Thatcher-Ära höher als zuvor. Das Wirtschaftswachstum sackte in ihren ersten beiden Jahren ab – um dann tatsächlich an Fahrt zu gewinnen (zu den wichtigsten Wirtschaftsdaten der Thatcher-Ära).

Nachweisbar nachhaltig erscheint heute, vier Jahrzehnte später, nur eine Wirkung ihrer Politik: Die Schere zwischen Arm und Reich öffnete sich in der Thatcher-Ära drastisch. Diese Entwicklung beschäftigt das Land bis heute.

Auf der anderen Seite stand Grossbritannien nach Thatchers Abgang 1990 wieder als konkurrenzfähiges und produktiveres Land da – es folgte ein 15 Jahre langer Aufschwung. Dass die Tory-Politikerin nach den Sechzigerjahren dem Kapitalismus eine Menge Selbstachtung zurückgab: Hier wurzelt tatsächlich, dass der sogenannte Neoliberalismus dann so viel Einfluss gewinnen konnte.

16 Kommentare zu «Margaret Thatcher und der Neoliberalismus»

  • hans sagt:

    sie hat auch gesagt, there is no such thing like society, oder nicht? es gäbe nur familien und individuen. mir ist aufgefallen, dass das bei der mafia auch so ist, also eine clan-wirtschaft und clan-gesellschaft.

  • Patrick Zubin sagt:

    England als das Mutterland der industriellen Revolution verlor zuerst nach dem zweiten Weltkrieg ihre Kolonien. Dann verlor England nach Margaret Thatcher auch noch ihre Industrie.

    • Marcel Senn sagt:

      Zubin: Dafür kreierte Thatcher mit Beratung von Milton Friedman und F.A. von Hayek ab 1986 ein globales Finanzcasino mit Sitz in London. Banker anstelle Coal Miners.
      Und seither ist das System auch viel krisenanfälliger geworden.
      Das Problem bei der Kohleförderung war damals, dass die Kapitalrenditen immer mehr zurückgingen, dazu die äusserst renitenten Gewerkschafter damals und darum wurde in dem Bereich dann in Folge fleissig abgebaut um anstelle eine Finanzindustrie aufzubauen, die hohe Renditen versprach und in den 90ern auch oft einfuhren mit Performances tw. über 100% pa

  • Nick Berger sagt:

    Margaret Thatcher war eine grosse Staatsfrau. Sie war eine gradlinige und integre Person und eine ganz aussergewöhnliche Politikerin, der Grossbritannien und die freiheitliche Welt insgesamt viel zu verdanken haben. Schade, dass ihre historische Bedeutung hier nicht genügend gewürdigt wird. Liegt es daran, dass sie eine Frau war?

    • Frank Lauer sagt:

      Sicher nicht. Denn objektiv betrachtet hat sie Grossbritannien runtergewirtschaftet. Ein zweites Mal gewählt wurde sie auch nur, weil sie im Falkland-Krieg Stärke demonstrieren konnte. Ohne den Krieg wäre nach der ersten Amtszeit nämlich Schluss gewesen. Langfristig haben die massiven Privatisierungen dem Land enorm geschadet. Unter anderem musste die mangels Investitionen völlig marode Bahn mit grossem finanziellem Aufwand wieder verstaatlicht werden. Merke: Neoliberalismus ist nur für Reiche gut. Und die Frau kann sich noch so lange als Konservative gesehen haben, gelebt und ausgeübt hat sie den Neoliberalismus.

  • Ronnie König sagt:

    Mag sein, dass sie selbst ja nicht neoliberal war, aber in ihrem Kielwasser kamen eben genau solche Übeltäter dann zum Zug! Ohne sie wäre es anders gekommen, aber auch nicht verhindert worden. Tatsache ist, es gab auch gute Begleiterscheinungen. Unter dem Strich war sie aber nicht wirklich von Nutzen für das Land und die Bewohner. Es ist daher müssig darüber zu diskutieren wie viel neoliberal und wie viel konservativ da jemand war.

  • Nadine Binsberger sagt:

    Dank Thatcher wissen wir heute, dass die ganzen Markttheorien bzgl. Effizienz und Optimum etc. nicht stimmen, dass sogar das Gegenteil wahr ist. Aber: wenn niemand auf solche Ideen gekommen wäre, dann hätten wir es auch nicht ausprobieren müssen und wir wären schon lange auf dem Entwicklungsweg, den wir nun endlich beginnen sollten: unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft und unsere Umwelt so gestalten, dass es uns allen gut geht, ohne dass unsere Lebensgrundlagen ausgebeutet oder zerstört oder existenziell gefährdet werden.

  • Claire Deneuve sagt:

    Schön auch die Bilder wie sie 1990 unter Tränen die Downing Street verlassen musst, abgesägt von ihren eigenen Parteifreund, weil selbst die dieses egozentrische hartherzige Weibsbild mit ihrer verfehlten und asozialen Politik nicht mehr ertragen haben!
    Von den 11 Volksbefragungen die seit 1973 im UK stattfanden, fand übrigens keine einzige während der Regentschaft Thatcher statt. Eine ehemalige Hausfrau lässt sich doch nicht vom Mob dreinreden!
    Thatchers ebenso starrköpfige Schmalspurkopie May werden wir vermutlich auch bald unter Tränen die Downing Street verlassen sehen.

  • Marcel Senn sagt:

    Die Thatchere hatte doch einfach historisches Glück, dass eine unfähige und unbeliebte Militärjunta im fernen Argentinien zur Ablenkung von den inneren Problemen einen Feind von aussen generierte und im April 1982 die Falkland Inseln besetzte und Thatcher entgegen den Ratschlägen ihrer Berater die britische Armada in den Südatlantik schickte und die militärisch schwachen Argentinier relativ schnell besiegen konnte und dann als starke eiserne Kriegsherrin ihr Image aufpolieren konnte.
    .
    Ohne diesen glücklichen Zufall des Schicksals wäre sie mit ihren produzierten bis zu 14% Arbeitslosigkeit 1983 nie und nimmer wiedergewählt worden und der Welt wäre der Big Bang 1986 erspart geblieben.
    Seither haben wir regelmässig grössere Finanzkrisen & Crashes!
    Das Erbe der Maggie Thatcher!

  • Lorena sagt:

    Ja, der Sozialismus wäre halt schon viel besser, gället Sie Herr Pöhner , mal abgesehen von den mehr als 100 Millionen Toten, den er in Russland und China gefordert hat.

    • adrian wehrli sagt:

      Ach bitte nicht immer dieses unselige Totschlagargument. Ich würde mich selber sehr liberal bezeichnen, sogar neoliberal. Aber das Soziale darf nicht aus den Augen gelassen werden. Nur eine abfderung nach Unten erlaubt sprünge nach Oben.

    • Luigi Rotta sagt:

      Der Sozialismus hatte seine Opfer „im Inland“, während der Kapitalismus seine Toten mit seinen Kriegen um Lebensraum und Märkten und seiner Kolonialisierung ins Ausland auslagerte.

      Zu den Opfern des Sozialismus zählen Sie doch bitte auch all die Opfer des britischen Neoliberalismus dazu. Denn ohne sozialistische Gratiserziehung wäre eine Krämerstochter wie Margaret Thatcher nie zu dem geworden, was sie wurde. Sie wäre ganz einfach eine Krämerstochter geblieben, die sich keine höhere Schulbildung hätte leisten können.

      Und damit ihr aus diesem Humanpool keine Konkurrenz erwächst hat sie als eine ihrer ersten Amtshandlungen die kostenlose Schulbildung zu Tode gespart.

    • Peter sagt:

      Vielleicht sollten Sie mal all die Toten aufrechnen, die durch den Imperialismus gewisser Länder und die Ausbeuterei durch „Unternehmer“ weltweit verursacht wurden liebe Lorena. Denn auch wenn Sozialismus nicht das Gelbe vom Ei ist, weder das „Auswechseln“ von nicht-genehmen Regierungen noch die heutige grenzenlose Ausbeutung von Arbeitnehmern gehen ohne Tote ab. Stichworte FoxConn, Fabrikkollaps in Bangladesh, Selbstmorde, auch in der Schweiz etc. Aber Hauptsache das Portefeuille floriert und die Boni und Dividenden sprudeln.

    • Ruth Brüderlin sagt:

      Was haben jetzt die Toten in Russland und China mit der Thatcherin zu tun? Ich checke den Zusammenhang nicht und bitte um Aufklärung.

      • Frank Lauer sagt:

        Lorena meint wohl wir sollen die „Freuden“ des Neoliberalismus geniessen, weil alternativlos, weil sonst Stalinismus.

  • Shekina Niko sagt:

    Mir fehlt in dem Beitrag der Hinweis, dass der Aufschwung UKs stark der Mitgliedschaft bei EG/EU zu verdanken ist. Diese Mitgliedschaft hatte Thatcher mit einem massiven „Britenrabatt“ ausgehandelt. Insgesamt summierte sich der in der EU sehr umstrittene Rabatt zwischen 1985 und 2014 auf über 111 Milliarden Euro. Auch dank Angela Merkels 2005 gemachtem Kompromissvorschlag ist UK bis heute Nutzniesser von diesem Rabatt.

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