Wo James Bond sich inspirieren liess

History Reloaded

Gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt: Quartiermeister Q führt in «Golden Eye» eine Geheimwaffe vor. Foto: Alamy Stock Photo

«Nicht anfassen, das ist mein Mittagessen!»

Bei James Bonds Quartiermeister Q ist nie sicher, ob das Sandwich echt ist oder explodiert, wenn einer hineinbeisst. Qs Labor gleicht einem Museum für Agentenausrüstung, eine Erfindung des James-Bond-Schöpfers Ian Fleming und der Filmindustrie.

Doch es ist mehr dran an den Gerätschaften als gedacht. Beinahe wäre eine Absurdität des englischen Geheimdienstes in den Annalen der Geschichte verschwunden, die zeigt, dass die Abteilung Q des MI 6 wohl nicht nur der Fantasie entsprungen ist: der Ausstellungsraum der «Special Operations Executive», kurz SOE, im Londoner Natural History Museum.

Sondertruppe für Sabotageakte

Die Sondertruppe wurde 1940 von Winston Churchill geschaffen für Sabotageakte in Deutschland und in besetzten Gebieten. Sie galt als seine Geheimarmee. Weil ihr Hauptquartier in der Baker Street lag, wurden ihre Mitglieder auch als «Baker Street Irregulars», als Baker-Street-Spezialeinheit bezeichnet nach den Hilfsdetektiven, durch die Sherlock Holmes Informationen bekam.

Die SOE konnte wegen der Geheimhaltungsstufe mit unorthodoxen Mitteln operieren, anders als der offizielle Geheimdienst, der Secret Intelligence Service – Bond-Fans als   MI 6 bekannt. Der sprach sich wiederholt gegen die SOE aus, die er für ein Stümperkommando hielt.

Die SOE wurde in den Neunzigerjahren bekannt, als die Regierung Geheimakten aus dem Zweiten Weltkrieg freigab. Doch dass es die Abteilung XVb gab, ebenjenen Raum im Natural History Museum, wurde zufällig 2004 aufgedeckt: Paul Clark, ein Experte für Einsiedlerkrebse, ging dem Hinweis seines Vaters nach, der einst geheime Versorgungsflüge für die französische Résistance unternommen hatte.

Clark recherchierte im Museumsarchiv und stiess auf Fotos eines im Krieg geschlossenen Gebäudeflügels mit einer geheimen Spionageausstellung. Angehende Detektive sollten sich hier über den «State of the Art» der Ausrüstung informieren. Zugleich war die Sammlung ein PR-Instrument für die Einheit, die ständig ums Fortbestehen kämpfen musste.

Fotos von König George und Königin Elisabeth belegen, dass sie der Einladung der SOE folgten, ein Eintrag im Tagebuch des Diplomaten Bruce Lockhart bezeichnete die Ausstellung als «good show».

In sechs Räumen wurden nach Themen geordnet Exponate aus so aufregend klingenden Bereichen wie «Brandsätze und Sprengladungen» oder «Tarnung von Sprengstoffen» gezeigt: als Kohle oder Brennholz getarnte Bomben, die unters Brennmaterial von Zügen gemischt werden konnten, explodierender Tierdung – je nach Einsatzgebiet den Exkrementen von Pferden, Eseln oder Kamelen nachempfunden; auch Attrappen in Obst- und Gemüseform, um sie unter echte Lebensmittel zu schmuggeln.

Bestellungen per Katalog

Zu den absurderen Erfindungen gehörten in ausgestopfte Ratten eingenähte Sprengsätze und Schuhe, die Barfussabdrücke hinterließen, um den Feind zu verwirren. Auch neue Maschinenpistolen, Revolver und Haftminen sowie Schwimmausrüstungen und mit Fallschirm abwerfbare Miniaturmotorräder waren zu sehen.

Aus der Tarnabteilung kamen detaillierte Nachbildungen von landesspezifischer Kleidung – es sollte kein Spion auffliegen, nur weil seine Kragenknopflöcher horizontal genäht waren wie in Großbritannien üblich und nicht vertikal wie auf dem Festland. Unglaublicherweise hielt die SOE einen illustrierten Katalog der verfügbaren Gadgets bereit, aus dem die Agenten direkt bestellen konnten.

Ob sie auf der Bestellkarte ihren Decknamen oder ihren Klarnamen angeben mussten, ist nicht überliefert. Natürlich war die Ausrüstung wichtig, doch mussten die Agenten auch ein Sondertraining absolvieren, um ihre Tarnidentität zu verinnerlichen und auch als Gefangene und bei Folter aufrechterhalten zu können.

Neben körperlichem Training, Schiessübungen und einer Fallschirmausbildung stand daher Schauspielunterricht auf dem Lehrplan. Der ehemalige Filmkritiker Paul Dehn entwickelte dafür ein Training, das einen 96-stündigen Probeeinsatz unter Realbedingungen vorsah, heute würde man wohl Live Action Roleplay dazu sagen.

Filmindustrie und Geheimdienst beeinflussten einander

Bei allen Vorbehalten der SOE gegenüber war der MI 6 von dieser Methode begeistert und übernahm sie ins eigene Ausbildungsprogramm. Dehn schrieb später die Drehbücher zur Bond-Verfilmung «Goldfinger» (1964) und der Adaption des Romans «Der Spion, der aus der Kälte kam» von John le Carré (1965).

Der Stuckateur Walter Bull, der führend an der Entwicklung der explodierenden Kohle beteiligt war, arbeitete später als Szenenbildner für Stanley Kubricks «2001: Odyssee im Weltraum» (1968). Der Leiter dieser Ausbildungseinheit war James Ernest Elder Wills, der spätere künstlerische Leiter der Produktionsfirma Hammer Films, die sich in den Sechzigerjahren mit Horrorfilmen wie etwa der Dracula-Reihe mit Christopher Lee einen Namen machte.

Wills schrieb zudem das Drehbuch für den Film «Against the Wind» (1948), einen Thriller über die SOE, für den er damals von der Kritik wegen des vermeintlich so absurden Einfalls einer Spezialeinheit verlacht wurde.

Es dauerte beinahe 50 Jahre, bis die Kritiker eines Besseren belehrt wurden, offenbar beeinflussten Filmindustrie und Geheimdienst einander mehr, als es sich der gemeine Filmfan träumen liess.

Ob auch Ian Fleming von der Ausstellung wusste, ist nicht klar, doch war er als persönlicher Assistent von Admiral Godfrey dessen Kontaktmann zu den Geheimdiensten, auch zur SOE. Nach dem Krieg und Churchills Wahlniederlage 1945 wurde die SOE 1946 aufgelöst. Den MI 6 gibt es bis heute.

1 Kommentar zu «Wo James Bond sich inspirieren liess»

  • R Meyer sagt:

    Was soll daran so speziell sein?
    Das einfachste ist der Alltag. Der kann nicht dauernd auf die letzte Schraube kontrolliert werden, sonst kollabiert er.
    Also ist ist eventuell ein spezieller Kugelschreiber unter Millionen wesentlich gefährlicher als jede Atombombe…

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