Der mysteriöse Tod des schwedischen Königs

«Heimfahrt der Leiche Karl XII.» Ein Gemälde von Gustaf Cederström. Foto: Fine Art/Heritage/Getty Images

Es ist gegen halb zehn Uhr abends, als ein Mann den neuen Schanzgraben gegenüber der Festung Fredriksten inspiziert. In dem Bollwerk nahe der norwegischen Stadt Fredrikshald haben sich die Einheimischen verschanzt. Die Leuchtkugeln, die von dort abgefeuert werden, illuminieren den nebelverhangenen Himmel notdürftig, Geschütze donnern. Was treibt den Mann an?

Wagemut oder schlicht Leichtsinn? Jedenfalls besteigt er den Wall, um selbst mit Hand anzulegen, während er mit seinen Offizieren plaudert. Kurze Zeit später bricht er, von einer Gewehrkugel in den Kopf getroffen, zusammen. Er ist auf der Stelle tot. Es ist niemand anderes als der schwedische König Karl XII.

Der Abend des 11. Dezember 1718 ist in die Geschichte eingegangen. Er markiert den Anfang vom Ende der Grossmacht Schweden und den endgültigen Aufstieg Russlands. August Strindberg wird später schreiben, Karl XII. sei der «Ruin Schwedens» gewesen.

Karl war ungestüm, risikofreudig und sehr stur

Doch was genau bei der Belagerung im Südosten Norwegens passierte, darüber gingen schon damals die Meinungen auseinander. Noch heute streiten Historiker, Ballistiker und interessierte Laien über die Frage: War es Mord oder tragischer Zufall, was hier vor fast genau 300 Jahren geschah?

Ein Historien-Krimi, der auch durch die bisher drei Exhumierungen des in der Stockholmer Riddarholmskirche bestatteten Leichnams nicht gelöst werden konnte.

Während man nach den Exhumierungen von 1746 und 1917 auf Mord plädierte, wollte man 1859 eindeutig eine gegnerische Kugel für den Tod des schon zu Lebzeiten mehr gefürchteten als verehrten Herrschers verantwortlich machen. Beide Annahmen hatten ihre Fürsprecher und haben sie immer noch.

König Karl XII auf einem Gemälde von Johann Heinrich Wedekind. Foto: Wikipedia

Dass jemand im Krieg fällt, ist nichts Ungewöhnliches, vor allem nicht für Karl XII., den Voltaire einmal den «Löwen des Nordens» nannte. Andere sprachen vom «Schwedischen Meteor» – weil er sich mit seiner Armee so schnell bewegen konnte – oder vom «König Eisenkopf». Karl, von klein auf ungestüm, risikofreudig und eben auch sehr stur, scheute zwar die Frauen wie der Teufel das Weihwasser.

Im Gegensatz zu anderen Herrschern aber ging er dem Kampf nie aus dem Weg; seit der Thronbesteigung 1697 galt er als todesmutiger Anführer. Was mit ein Grund für die Siege seines zahlenmässig oft weit unterlegenen Heeres in den langen Jahren des «Grossen Nordischen Krieges» war, der seit dem Frühjahr 1700 zwischen Dänemark, Sachsen und Russland auf der einen und Schweden auf der anderen Seite um die Ostseeherrschaft tobte.

Die Verfechter der Mord-These können einige Motive für einen Anschlag vorweisen. So wäre es durchaus möglich, dass die Kugel von einem Soldaten aus den eigenen Reihen abgefeuert wurde, der des Krieges müde sich nach Frieden sehnte. Ein anderer Beweggrund aber wiegt schwerer: Natürlich gab es einen Personenkreis, der von Karls Ableben profitierte.

Allen voran der Erbprinz Friedrich von Hessen-Kassel, der dann ja auch dem 36-jährigen Karl als König folgte. Gerüchte, er stünde hinter dem Mordkomplott, kursierten bald danach und wurden erst recht befeuert, als sein Adjutant André Sicré 1722 im Fieberwahn gestand, der vermeintliche Mörder zu sein. Eine Aussage, die er später widerrief.

Die Wunde rechts ist kleiner als die andere

Entscheidend in der Diskussion um den mysteriösen Tod im Zwielicht des 11. Dezember ist die Frage, aus welcher Richtung das Geschoss gekommen, in die Schläfe Karls XII. eingedrungen und wo es wieder ausgetreten ist.

Von links, wie es neben den Offizieren, die sich zum Zeitpunkt des Vorfalls im Schanzgraben aufhielten, auch der Leibarzt des Königs, Melchior Neumann, in seinem Untersuchungsbericht zu Protokoll gab? Oder von rechts, wie man nach der ersten Exhumierung 1746 festhielt? Nicht zuletzt deshalb, weil die Wunde an der rechten Schläfenseite wesentlich kleiner als die linke ist. Was man noch heute auf den Fotos der Autopsie von 1917 gut erkennen kann.

Warum aber ist dies von so zentraler Bedeutung? Jörg-Peter Findeisen schreibt in seiner umfangreichen Biografie Karls XII.: «Ein Einschuss von links sprach für ein feindliches Geschoss von den norwegischen Bastionen, ein Treffer in die rechte Schläfe aus Nahdistanz schloss einen gezielten Schuss aus den eigenen Reihen nicht aus.»

Der Schädel des Königs. Foto: Wikipedia/Algot Key-Åberg, Otto Mattsson

Die Angelegenheit wird aber noch verworrener. Da ist der Hut Karls, den André Sicré nach dessen Tod nach Stockholm brachte. Die Einschusslöcher darin führten einen Historiker wie Otto Haintz in den Fünfzigerjahren zu der Schlussfolgerung: «Sollte der König den durchschossenen Hut wirklich getragen haben, dann hätte der Schuss von rechts her sein Haupt durchbohrt.»

Jörg-Peter Findeisen erwähnt in seinem Buch hingegen Ragnhild Hatton, die in den Achtzigerjahren den Hut als Beleg anführte, der König sei von links und damit von gegnerischen Soldaten erschossen worden. Natürlich immer vorausgesetzt, dass der König ihn tatsächlich getragen hatte: Manchen galt und gilt er auch als Fälschung.

Neuere Berechnungen legen nahe, dass selbst ein Schuss von links nicht zwingend der Attentatsthese widersprechen muss. Und als ob das alles nicht schon genug wäre, ist da noch die Frage nach der Munition. Welches Projektil erklärt das Ausmass von Karls Wunde, von der Augenzeugen damals berichteten, sie sei so gross gewesen, «dass man drei Finger hineinlegen konnte»? Eine Bleikugel? Ein Geschoss aus geschmiedeten Eisenkugeln?

Oder doch ein Spezialprojektil, wie es seit dem Fund eines bleigefüllten Messingknopfes 1924 immer wieder diskutiert wird? Das Rätsel um den Tod Karls XII. bleibt bis auf Weiteres ungelöst.