Die Grande Nation der Revoluzzer

Feuer in Paris: Eine Gelbweste bei einer brennenden Barrikade in der Nähe der Champs-Elysées, 8. Dezember 2018. Foto: Kiran Ridley (Getty Images)

«Die Freiheit führt das Volk»: Das berühmteste Bild von Frankreich zeigt eine Barrikade. Eugène Delacroix erotisierte in seinem Monumentalgemälde allerdings nicht – wie viele glauben – den Sturm auf die Bastille von 1789, sondern ein Ereignis, das eine Generation später stattfand: die Julirevolution des Jahres 1830. Damals beendete ein Aufstand von Handwerkern und Studenten die Herrschaft der Bourbonen endgültig und fegte Charles X. vom Thron.

Aufstand von 1830: Eugène Delacroix, «La liberté guidant le peuple». Quelle: Wikimedia Commons

1848 stürzte der nächste Volksaufstand einen König, danach begannen die Behörden unter Präfekt Georges-Eugène Haussmann, breite Achsen durch die verwinkelte Altstadt zu schlagen: Das sollte dem Militär den Aufmarsch gegen Rebellen erleichtern. Paris verdankt seine grandiosen Boulevards auch der Aufmüpfigkeit seiner Bürger, nur änderte auch das wenig. Im Jahr 1870 wurde das Zweite Empire durch einen Sturm der Bevölkerung auf die Nationalversammlung besiegelt; dann folgte mit dem Aufstand der Pariser Kommune 1871 der nächste Streich.

Könige kann man auch köpfen

Die Gelbwesten von heute revoltieren also vor einer mächtigen Blaupause gegen Emmanuel Macron. Von den Ölgemälden des 19. Jahrhunderts bis zu den Youtube-Filmchen moderner Banlieue-Schlachten gehört die Barrikade zum Abbild des Staatswesens in Frankreich. Dass Politik auf der Strasse gemacht wird oder dass man Könige auch köpfen kann, lernt hier jedes Kind in der Schule.

Aufstand von 1848: Horace Vernet, «Combat dans la Rue Soufflot». Quelle: Wikimedia Commons

Und so wirken Demonstrationen in Frankreich nicht bloss temperamentvoller als in den Nachbarländern: Häufiger flackert hier auch der Funke des Umsturzes. In Grossbritannien, den USA, Deutschland oder der Schweiz haben selbst die allergrössten Kundgebungen ein Ziel innerhalb der gewählten Ordnung: Abrüstung, AKW, Arbeitsbedingungen, #MeToo, «I have a dream». In Frankreich jedoch drehen sie sich fast zwangsläufig auch um die Regierung – beziehungsweise um deren Sturz.

Franzosen machen vielfältig Krawall

Das zeigte der Aufstand von 1968 musterhaft: Er wurde in Paris nicht nur besonders heftig, sondern auch besonders umstürzlerisch. Für einen Tag lang verzog sich Präsident Charles de Gaulle, bang geworden, sogar zu den französischen Besatzungstruppen in Deutschland.

Ewiger Aufstand: Honoré Daumier, «L’Emeute», zwischen 1849 und 1870. Quelle: Wikimedia Commons

Die Intellektuellen deuten das Ganze dann jeweils gern als sozialen Kampf, links eingefärbt: unten gegen oben, benachteiligt gegen privilegiert. Doch die Franzosen machen vielfältiger Krawall. Schon 1968 tobten im Quartier Latin eher Kulturkämpfe innerhalb der Bourgeoisie als Klassenkämpfe. Und angesichts der «gilets jaunes» erinnert sich heute jeder geschichtsbewusste Citoyen an die Poujadisten: Das war eine Bewegung, bei der Kleinbürger und Bauern schon in den 1950ern ländliche Strassen und Plätze besetzten und dann sogar erstaunliche Wahlerfolge erzielten; mit dabei ein gewisser Jean-Marie Le Pen.

Recht auf résistance

Dass sich jetzt also im Nu das Pflegepersonal oder die Schüler einem Aufstand wütender Autofahrer anschlossen, dass am vergangenen Wochenende Menschen mit rechten Forderungen neben Menschen mit linken Forderungen demonstrierten – dies zeigt, wie virulent der Revolutionsgeist in Frankreich ist. Er kann sich an einer Benzinsteuer entzünden und dann die Nation erfassen.

Aufstand von 1968: Studenten auf dem Boulevard Saint-Germain. Foto: Bruno Barbey, Flickr Creative Commons

Widerstand ist anerkannt, und an den Betroffenen liegt es, zu entscheiden, ab welchem Punkt er gar zur Pflicht wird: Die «résistance à l’oppression» sei ein unveräusserliches Recht der Bürger, hielten die Revolutionäre in der berühmten Erklärung der Menschenrechte von 1793 fest. «Wenn die Regierung die Rechte des Volkes verletzt, ist der Aufstand für das Volk und für jeden Teil des Volkes das heiligste aller Rechte und die unverzichtbarste aller Pflichten.»

Der hohe Thron

Dass gesellschaftliches Unbehagen rasch in zielgerichtete Wut gegen den Elysée-Palast umschlägt, ist auch dem Zentralismus des Landes geschuldet – und der aufgeblasenen Bedeutung, welche die Franzosen dem Staat zumessen. Entsprechend sind die Présidents de la République mit mehr Macht und Prunk ausgestattet als die Kanzler oder Premiers anderswo, umgeben von einem Hofstaat aus Funktionären mit exklusiven Eliteschul- und Universitätskarrieren.

Das ist bei Emmanuel Macron, dem Aussenseiter, keineswegs anders. Auch er sitzt jetzt auf einem provozierend hohen Thron.

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