Barbarei mit kirchlichem Segen

History Reloaded

Gewalttätiges Christentum: Nominierung eines protestantischen Bischofs in Nazi-Deutschland 1933. Foto: Gamma-Keystone, Getty

Der Erste Weltkrieg gilt als «Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts». Damit meinte der Erfinder des Begriffs, der US-amerikanische Diplomat George F. Kennan, dass insbesondere der Zweite Weltkrieg, die Shoa und der Gulag ohne den Ersten Weltkrieg nicht denkbar gewesen wären. Die vier grössten Verbrechen des 20. Jahrhunderts haben zwischen 1914 und 1945 etwa 100 Millionen Menschen das Leben gekostet. In diese Zeit fielen zusätzlich der Völkermord an den Armeniern, die japanischen Massaker in Asien, Mussolinis Kriegsverbrechen in Abessinien und diejenigen Francos in Spanien.

Der britische Historiker Eric Hobsbawn nannte deshalb die drei Jahrzehnte das «Zeitalter der Katastrophen». Ihnen folgten in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts weitere Katastrophen wie der «Grosse Sprung nach vorn» in China, der Krieg der USA in Vietnam, die Ermordung einer halben Million Linker in Indonesien, die «Killing Fields» in Kambodscha, die Sowjet-Intervention in Afghanistan oder der Völkermord in Ruanda.

«Für Gott und Vaterland»

Seit dem 11. September 2001 werden Gewalt, Krieg und Barbarei besonders mit dem Islam in Verbindung gebracht. Aus Gründen der Fairness und der Prävention lohnt es sich, die religiösen wie säkularen Hintergründe der erwähnten Katastrophen zu benennen. Der allseitige Schlachtruf im Ersten Weltkrieg lautete: «Für Gott und Vaterland». Die Kirchen verliehen ihm religiöse Glaubwürdigkeit. Bereits 1913 wurde am deutschen Katholikentag, der demonstrativ im lothringischen Metz stattfand, der Kreuzzugsslogan «Gott will es» lanciert.

Ein Jahr später zogen die deutschen und die französischen Katholiken gegeneinander in ihre Kreuzzüge. Der eine richtete sich gegen das laizistische Frankreich, der andere gegen das lutherische Deutschland. Der oberste Feldprediger und spätere Kardinal Michael von Faulhaber sakralisierte den Krieg mit folgenden Worten: «Was ist die Fronleichnamsprozession gegen die Aufzüge an den Fronten, was sind alle Glockengeläute und Hochamtsorgeln gegen den Donner der Kanonen und das Krachen der Mörser.»

Die lutherische Kriegsbegeisterung fand ihren Höhepunkt im Herbst 1917, als sich Luthers Thesenanschlag zum 400. Mal jährte. Ein Standardwerk über den damaligen Anglikanismus trägt den Titel: «The Last Crusade. The Church of England in the First World War». Papst Benedikt XV., der sich aktiv um den Frieden bemühte, fand kein Gehör.

Kirche gegen Kommunismus

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Wehrmacht von den deutschen Kirchen und den klerikalen Würdenträgern unterstützt. Einer der lautesten war der erwähnte Faulhaber. Die grösste Sorge von Papst Pius XII. war die Stärkung des Kommunismus durch den Vormarsch der Roten Armee. Dass die Shoa ohne den religiösen Antijudaismus und den christlich-nationalistischen Antisemitismus unerklärbar bleibt, gestehen heute auch die Kirchen ein.

Einen atheistischen Hintergrund hat der stalinistische Gulag. Mussolinis und Francos Kriege wurden von den Kirchen wie vom Vatikan propagandistisch begleitet. Die japanische Barbarei ist eng verbunden mit dem nationalistisch geprägten Shintoismus, in dem der Kaiser als Gottheit galt. Muslimisch waren die jungtürkischen Täter, die 1915 anderthalb Millionen christliche Armenier umbrachten.

Der Krieg, dem in Vietnam 4 Millionen Asiaten und 60’000 Amerikaner zum Opfer fielen, war stark christlich motiviert. Atheistisch war Maos «Grosser Sprung nach vorn», der in den 1960er-Jahren eine Hungersnot mit Millionen von Toten verursachte. Religionslos waren auch die Roten Khmer, in deren «Killing Fields» 1,7 Millionen Kambodschaner ermordet wurden.

In Indonesien brachten 1965 konservative Islamisten mit katholischer Beteiligung und westlicher Unterstützung eine halbe Million Kommunisten und Gewerkschafter um. Der von der sowjetischen Invasion provozierte Afghanistankrieg kostete in den 1980er-Jahren 1,7 Millionen Menschen das Leben. In Ruanda ermordeten 1994 christliche Hutu-Extremisten etwa 900’000 Tutsis und gemässigte Hutus. Ein Grossteil der katholischen Kirche hat damals schwere Schuld auf sich geladen.

Die heiligen Schriften sind nicht das Problem

Bedeutet die auffällig starke Präsenz von Christen bei den grössten Verbrechen des 20. Jahrhunderts, dass das Christentum gewalttätiger und die Bibel gefährlicher ist als andere Religionen oder Weltanschauungen? Kriege und Genozide haben drei gemeinsame Hintergründe: Verabsolutierung eines Glaubens, einer Ideologie oder Identität, starke Interessen und militärische Macht. Die Probleme liegen nicht in heiligen Schriften, sondern in realgeschichtlichen Entwicklungen und gefährlichen Machtverhältnissen.

Je demokratischer, liberaler, sozialer und vor allem ziviler die Gesinnung und Gestaltung eines Gemeinwesens ist, desto besser ist es gefeit gegen barbarische Verirrungen. Die Staaten, die 1914 die Urkatastrophe produzierten, hatten grosse soziale Konflikte, standen im kolonialen Wettstreit, waren materiell wie mental stark militarisiert und pflegten einen religiös aufgeladenen Nationalismus.