Gottesmänner mit irdischen Trieben

Säufer und aggressiver Schwerenöter: Reverend Edward Drax Free gilt manchen als das «grösste Ekel der englischen Kirchengeschichte». Bild: Rogues Gallery

Der englische Pfarrer Robert Hawker folgte einer doppelten Berufung. Er sorgte im 19. Jahrhundert für das Seelenheil seiner Schäfchen, wie es sich gehört. Daneben war Hawker (1803–1875) überzeugt, eine Meerjungfrau zu sein. Um dieser Neigung nachzuleben, setzte er sich regelmässig nackt auf einen Felsen und sang seine Hymnen. Eine Perücke aus Seegras krönte sein frommes Haupt, ein öliges Tuch schützte die Beine im kalten Wasser. Gutes Zureden seiner Kirchgänger half nichts, Hawker kehrte regelmässig auf den Felsen zurück, um seine Choräle zu singen. Erst als ihm ein Farmer mit einer Schrotflinte vom Land aus zu verstehen gab, wo Gott hockt, brach Hawker seine meerjungfräulichen Auftritte ab.

Von Wahnsinn bis Genie

Staatsleute, Revolutionäre, Generäle oder gekrönte Häupter zieren meist die gängige Geschichtsschreibung. Dabei gab es viel spannendere Menschen in der Vergangenheit – zum Beispiel die englischen Pfarrer. Diesen Eindruck vermittelt zumindest der eben herausgekommene «Field Guide to the English Clergy» des Autors Fergus Butler-Gallie, seines Zeichens ebenfalls ein Mann des Glaubens. Anhand von drei Beispielen seiner reichen Auswahl lässt sich dieser Befund illustrieren.

Nicht sämtliche Gottesmänner waren dem Wahnsinn so nahe wie der gute Hawker. Aber sie verfügten allesamt durchwegs über sehr viel Zeit, um neben der Bibellektüre ihren irdischen Berufungen nachzugehen. Zum Beispiel der Pfarrer Jack Russell (1795–1883) von der Gemeinde Swimbridge in der Grafschaft Devon. Der Mann machte sich in jungen Jahren als passionierter Fuchsjäger hoch zu Ross einen Namen.

Russell war bei dieser profanen Tätigkeit ein Visionär und erkannte das Jagdpotenzial des Terriers eines Milchmanns in Oxford, dem er zufälligerweise begegnete. Kurz entschlossen kaufte ihm Russell das Hündchen namens Trump ab und begann damit eine Zucht, die bis heute bekannt ist – als Jack-Russell-Terrier. Der Kläffer sollte sein Herrchen überdauern, wenn auch in ausgestopfter Form. Trump ziert bis heute die königliche Tiersammlung auf Schloss Sandringham.

Pornografie, Wein und Barrikaden

Einen Platz in der Geschichte verdient auch Dr. Edward Drax Free (1764–1843) von der Pfarrgemeinde All Saints in Sutton, unweit von London. Er schaffte es, dass die anglikanische Kirche im 19. Jahrhundert einen bis heute gültigen Benimmkodex für Kirchenleute aufstellte.

Drax Free fiel bereits als Student an der Universität Oxford durch eine beneidenswerte Trinkfestigkeit auf, die sich in einer unkontrollierten Zerstörungswut am Mobiliar der ehrbaren Institution entlud. Dennoch schaffte es Drax Free, einen Lehrauftrag zu bekommen, schlug jedoch nach einer besonders krassen Eskapade den Hausmeister windelweich. Drax Free war damit seinen Uni-Job los und wurde als Dorfpfarrer in die Provinz versetzt. Dort dachte er nicht daran, seelsorgerisch tätig zu sein. Er zog vielmehr einen lukrativen Handel mit französischer Pornografie auf und investierte sein Geld in Bordeaux-Weine.

Der Gottesdient als Einnahmequelle

Wenn ihm diese zu kostspielig wurden, gab er einen Gottesdienst, um seinen Schäfchen in den Kirchenstühlen einen ordentlichen Obolus abzuknöpfen. Als auch das nicht mehr reichte, setzte Drax Free – nie um eine Idee verlegen – auf Tierhaltung im Friedhof. Das führte zu Protesten der Gemeindemitglieder, weil die Schweine angeblich zu viele Knochen von Verstorbenen ausbuddelten. Wahr oder nicht, jedenfalls intervenierte zu diesem Zeitpunkt der Bischof und setzte Drax Free als Geistlichen ab. Dieser liess sich das nicht bieten und verbarrikadierte sich mit zwei Pistolen bewaffnet im Pfarrhaus. Die Polizei wollte ihn erst mit viel Geduld aushungern lassen. Er gab indes schneller auf als erwartet – angeblich, weil sich der Vorrat im Weinkeller dem Ende zuneigte.

Der alte Drax Free fand sich in den Armen seines Schöpfers wieder, als er in Oxford betrunken aus einem Pub stolperte und unter die Hufe eines Pferdes geriet. Laut dem Buchautor Fergus Butler-Gallie ging der Geistliche als «das grösste Ekel der englischen Kirchengeschichte» in die Annalen der Ewigkeit ein.