Der Ire, der die Schweiz befreien wollte

Charles Edward Jennings lebte für die Revolution: Punktierstich von Johann Adolph Darnstedt. Foto: Wikipedia

Schüler kennen die wichtigsten Schweizer Generäle: Guillaume-Henri Dufour im Sonderbundskrieg, Ulrich Wille im Ersten und Henri Guisan im Zweiten Weltkrieg. Aber kaum jemand hat von General Charles Edward Jennings Saul De Kilmaine (1751–1799) gehört. Er war ein irisch-französisches Raubein und kurze Zeit «Generalissimo» der Schweiz. Vor allem aber wollte er nur das Beste für die Welt, sie aber nicht für ihn.

Der in Irland geborene Kilmaine liebte die Revolution. Er hasste die imperialen Engländer, und er bewunderte Napoleon, in dessen Diensten er kein Scharmützel ausliess. Denn der Ire war überzeugt, dass Napoleon und seine Soldaten zum Segen der Menschen für die «Egalité» in Europa kämpften. Kilmaines moralische Ansprüche waren ziemlich hoch.

Erste kriegerische Erfahrungen sammelte der Tausendsassa mit 21 Jahren im französischen Kolonialkrieg in Senegal. Das entspricht zwar – aus heutiger Sicht – revolutionären Idealen nicht ganz. Aber im 18. Jahrhundert herrschte die Überzeugung, dass die zivilen Errungenschaften der Europäer die «rückständigen» Schwarzen allemal erleuchteten.

Kilmaine kam moralisch noch besser auf seine Rechnung, als er von Afrika nach Amerika reiste. Er schloss sich dort den aufständischen Truppen an, die den britischen Kolonialherren Saures gaben und das grossartige Land der Freiheit für fast alle gründeten.

Dann ging die Reise für den Haudegen zurück nach Frankreich, wo er sich der Revolution zuwandte und in ihrem Dienst gegen die anstürmenden Truppen der Preussen kämpfte, denen ein bürgerliches Europa ein Graus war. Der Impetus der Revolutionäre war selbst dann nicht aufzuhalten, als die politischen wie die militärischen Verhältnisse in Frankreich chaotisch waren. So musste Kilmaine im Sommer 1793 als Kommandant der französischen Nord-Armee den Rückzug gegen die anstürmenden Briten und Preussen antreten. In Paris wurde ihm das als Meuterei ausgelegt. Er fiel in Ungnade, blieb aber ein Revolutionär.

Die Krönung der Karriere blieb ihm verwehrt

In der Zeit des Terrors von Maximilien Robespierre kam Kilmaine mit seiner Frau in den Kerker. Das war etwas undankbar, nachdem sich der Mann in mehr als 40 Schlachten für die Franzosen geschlagen hatte. Spätestens im feuchten Loch hätte selbst ein Revoluzzer seines Schlags ins Grübeln kommen können, nicht aber Kilmaine. Er freute sich vielmehr, dass er der Guillotine mit Glück entging und kannte keine Zweifel an der guten Sache. Seine Überzeugung reichte so weit, dass er im Mai 1795 einen Aufstand von Teilen der Pariser Bevölkerung niederschlug, als diese sich wegen der schlechten Ernährungslage gegen die Revolutionäre erhoben hatten.

Kilmaine träumte in den Jahren danach, seine irische Heimat endlich von den Engländern zu befreien, denn das Land gehörte damals zu Grossbritannien. Er wollte den Aufständischen auf der Insel mit französischen Truppen zu Hilfe eilen. Die militärischen Anläufe misslangen indes kläglich, denn die Rebellen waren unter sich zerstritten, die französische Hilfe viel zu bescheiden.

Doch Kilmaine bleib unermüdlich, selbst als seine Gesundheit mit 48 Jahren zusehends angeschlagen war. Dank seinen militärischen Meriten kürte ihn das Direktorium, die revolutionäre Regierung Frankreichs, im Frühjahr 1799 zum «Generalissimo» der Schweiz. In dieser Funktion sollte er mit den französischen Truppen in die Schweiz einmarschieren, auch wenn sich nicht alle Bergler nach diesen sehnten.

Der Schweizer Posten war als Krönung von Kilmaines Karriere gedacht. Er sollte das Land zu einer «Republik der Helvetier» formen – eine Reminiszenz an die angeblichen Urschweizer keltischer Herkunft. Als Romantiker freute er sich ungemein, dass ihm diese Aufgabe übertragen wurde. Denn er liebte die Alpen und wollte nur das Beste für deren Bewohner. Leider vergeblich, denn «Kilmaine the brave», so sein Übername, konnte seine letzte Aufgabe nicht mehr erfüllen. Er musste das Kommando krankheitshalber abgeben und verstarb kurz darauf. Es blieb seinem Nachfolger André Masséna beschieden, die Schweiz in die Zeit der napoleonischen Mediation – oder besser Besatzung – zu führen.