Herr Rossi sucht das Glück

Giovanni Rossi (r.) und weitere italienische Anarchisten träumen von Anarchie und freier Liebe. Aufnahme: 20. Februar 1890. (Foto: Alamy)

«Theorien, Theorien, Theorien!», empörte sich Ende des 19. Jahrhunderts der leidenschaftliche Anarchist Giovanni Rossi aus Pisa über die sozialistischen Schriften seiner Zeit. Statt an Theorie denkt der junge Freigeist lieber ans Experimentieren, Ausprobieren. «Wer sagt euch, ob die Menschen zu diesem Leben solidarischer Freiheit geeignet sind?» Schon mit 17 Jahren tritt der Sohn eines Anwalts, der 1856 zur Welt kam, der «Ersten Internationalen» bei. Zunächst praktiziert er als Tierchirurg, doch träumt er da schon von Anarchie und freier Liebe, will eine eigene Kolonie in Polynesien gründen.

Rossi kämpft gegen die traditionelle Familie, die nur Egoismen und Kleingeisterei fördere. Eine «Masseneselhaftigkeit» nennt er das Dogma der monogamen Liebe. Anarchie und freie Liebe dagegen seien frei von «seelischer Gemeinheit und Verkommenheit, sondern vielmehr der höchste Ausdruck des Affektlebens».

1877 gründet Rossi eine sozialistische Partei, das Königreich Italien überwacht ihn fortan polizeilich. Ein Jahr später, als der Anarchist Giovanni Passannante den italienischen König Umberto I. in Neapel mit einem Säbel attackiert, nimmt man Rossi fest. Bei einer Hausdurchsuchung seien gefährliche Waffen gefunden worden, heisst es – Rossis Operationsbesteck.

Keine Gesetze, keine Autorität

Als Rossi dann am 20. Februar 1890 von Genua aus aufbricht, um seine Ideen in die Praxis umzusetzen, geht er nicht nach Polynesien, sondern nach Brasilien. Er schafft es, den brasilianischen Kaiser Dom Pedro II. für die erste anarchistische Kommune des Landes zu begeistern. Eine Art Labor.

Benannt nach der Figur eines Romanmanuskripts, das Rossi 1878 verfasst hatte: Cecília. Rossis Ansatz ist ergebnisoffen. Das «Labor» müsse natürlich ausserhalb jener Gesellschaft liegen, die es zu verändern gelte. Ob eine Gemeinschaft auch ohne Staat und ohne Herrschaft existieren kann, lässt sich eben nur ohne Staat und Herrschaft, ohne eine bürgerliche Gesellschaft überhaupt herausfinden. Die Einwohner von Cecília sollen deshalb ohne Gesetze und frei von jeglicher Autorität leben. Auch Geld gibt es in der Kommune nicht.

Kaiser Pedro II. verspricht dem Italiener 1000 Hektaren Ackerland. Doch wenig später wird er gestürzt und die Republik Brasilien gegründet. Die schert sich nicht um die Zusagen des ehemaligen Monarchen. Aber Rossi gibt nicht auf, er kauft selbst das Land, etwa 100 Kilometer entfernt von Curitiba, der Hauptstadt des Bundesstaates Paraná.

Traditionelle Familie als Kern allen Übels

«Architektonisch ist unser Dorf ein kärgliches Ding», schreibt er in seinen «Aufzeichnungen über eine experimentelle anarchische Gemeinschaft». Es gibt nur 20 Blockhütten längs einer Strasse und rund um einen Platz sowie eine Gemeinschaftsbaracke, eine Schule, eine Getreidemühle, einen Fischteich und eine Arztstation. Ein Jahr später, im Juni 1891, zählt die Kolonie schon 250 Siedler.

Rossis Diskurs der freien Liebe ist seiner Zeit voraus, auch was die Stellung der Frau angeht. Sie allein sei die Herrin ihrer Gedanken, ihrer Empfindungen, ihres Körpers. «Ohne Form soll der Kuss sein, keine sozialen Regelwerke sollen die Liebe abschnüren, inkriminieren.» Rossi nennt dieses Ideal den «amorphen Kuss». Immer wieder geisselt er die traditionelle Familie als Sediment der bürgerlichen Gesellschaft. Sie sei der Kern allen Übels: «Wenn es mir gestattet wäre, nach Belieben eine der grössten Plagen aus der Welt zu schaffen – die Religion oder die Wanderheuschrecken, das Privateigentum oder die Cholera, den Krieg oder die Stechmücken, das Vaterland oder das Sumpffieber –, würde ich es vorziehen, die Familie abzuschaffen», schreibt er.

Denn sie sei unvereinbar mit dem sozialistischen Leben. Nachzulesen in einem jüngst auf Deutsch erschienenen Band mit Briefen und Schriften von Rossi.

Armut beendet das Experiment

Konkret manifestiert sich Rossis Ideal in einer Ménage à trois mit der von ihm verehrten Genossin Eleda und ihrem Mann Annibale. Doch nach vier Jahren Kommune scheitert das Experiment der Colônia Cecília. Hauptgrund ist die Armut, zeitweise hungern die Siedler sogar. Zudem schafft die ungewohnte Freiheit heftiges Konfliktpotenzial unter Männern und Frauen.

1907 kehrt Rossi nach Italien zurück und arbeitet in San Remo als Tierarzt. Doch wird er erst 1939, mit 83 Jahren, von der Polizei aus der schwarzen Liste gestrichen. 2016 wurde in Palmeira, dem Nachbarort der einstigen Kolonie, ein Denkmal zu seinen Ehren errichtet.