Amerikas erster Trump

Niemand rechnete mit seiner Präsidentschaft, am wenigsten er selber: Millard Fillmore (1800–1874). (Foto: Mathew B. Brady)

Der 4. Juli 1850 ging als heisser Tag in die amerikanische Geschichte ein. US-Präsident Zachary Taylor litt derart unter der brütenden Hitze, dass er kalte Milch trank und jede Menge Kirschen schluckte. Das ging damals und geht bis heute schlecht zusammen. Drei Tage später war der Politiker an einer Gastroenteritis gestorben. Sein Nachfolger war Vizepräsident Millard Fillmore.

Wie der US-amerikanische Präsident Donald Trump für viele Europäer kein Leuchtturm der politischen Umsicht ist, nervten sich die Zeitgenossen Mitte des 19. Jahrhunderts über Millard Fillmore (1800–1874). Laut seinem Biografen Paul Finkelman «stand er bei den grossen Herausforderungen der Zeit immer auf der falschen Seite – moralisch und politisch». Populäre Websites wie «Shitty presidents» ziehen Parallelen mit dem jetzigen Amtsinhaber: Was Trump die mexikanischen Einwanderer, seien Fillmore die Katholiken generell.

Millard Fillmore war ein übler Bursche

Tatsächlich eröffnet seine politische Biografie Abgründe: Die sektenartige Gruppierung, Anti-Masonic Party, politisierte den jungen Mann; ihr einziges Anliegen war der Kampf gegen die Freimaurer, ein etwas dünnes politisches Programm. Fillmore machte sich im Staat New York jedoch bald einen Namen als Anwalt und engagierter Vertreter regionalpolitischer Interessen – er kam aufs nationale Parkett. Als Kompromisskandidat rivalisierender Fraktionen der damaligen Liberalen, der Whigs, schaffte es Fillmore 1848 aufs Ticket des Präsidentschaftskandidaten Zachary Taylor, der ihn nach seiner Wahl weitgehend ignorierte. Niemand rechnete je mit einem Präsidenten Fillmore, am wenigsten er selber. Er wäre ohne die Kirschen-Milch-Episode nie ins Amt gekommen.

Die Sklavenfrage dominierte die damalige politische Auseinandersetzung. Zumal dahinter der Interessenkonflikt zwischen dem quasifeudalen, protektionistischen Süden stand und dem liberalen, auf freien Welthandel setzenden Norden. Fillmore lavierte. Er wollte die Regelung der Leibeigenschaft den einzelnen Gliedstaaten überlassen, und er setzte sich für den Fugitive Slave Act ein. Dieses Gesetz verbot die Unterstützung Geflüchteter und verlangte, dass sie wieder ihrem «Eigentümer» zugeführt wurden. Fillmores Sowohl-als-auch-Strategie zahlte sich nicht aus, die Whigs nominierten ihn nach seiner Amtsdauer nicht mehr. Wiederum wandte er sich einer obskuren politischen Gruppierung zu, diesmal den Know Nothings oder American Party, für die er erfolglos als Präsident kandidierte. Diese Partei kämpfte vor allem gegen irische und deutsche Katholiken, die aus sozialer Not nach Amerika zogen. Alles in allem also: Millard Fillmore war ein übler Bursche.

Fillmores Qualitäten in der Aussenpolitik

Oder doch nicht? Fillmore setzte sich für die Aufnahme des Antisklavenstaates Kalifornien in die Union ein und widersetzte sich dem Beitritt des Baumwollstaates Texas mit seiner konservativen Gesetzgebung. Den amerikanischen Bürgerkrieg konnte Fillmore zwar nicht verhindern, aber zumindest verzögern. Als es doch zu Kampfhandlungen kam, stellte er sich kompromisslos hinter die Unionisten. Fillmore bereiste zudem 1856 Europa und besuchte ausgerechnet den Papst.

In dieser Zeit, als Fillmore abwesend war, nominierten ihn die Know Nothings – Papstbesuch hin oder her. Auch in der Aussenpolitik war Fillmore wesentlich geschickter, als man denken könnte. Er erkannte als einer der Ersten, dass Asien für das junge Amerika mindestens so wichtig war wie Europa. Der Yale-
Historiker Fred I. Greenstein sieht Millard Fillmore deshalb in einem positiven Licht. Er verweist auf dessen Geschick, zahlreiche Dispute mit Mexiko sowie mit Frankreich und Grossbritannien beigelegt zu haben, ohne dass es zu Gewalt kam. Greenstein betont den politischen Umbruch unmittelbar vor dem Bürgerkrieg, Verwerfungen, die zu dem heutigen 2-Parteien-System führten.

Millard Fillmore mag kein toller Politiker gewesen sein, aber es gibt zumindest zwei Sichtweisen Nachgeborener auf seine Amtszeit. Wer weiss, vielleicht kann auch Trump etwas Gnade von der Geschichte erwarten?