Die islamischen Wurzeln der europäischen Kultur

Meister des Denkens und der theoretischen Philosophie: Aristoteles (r.) mit Platon auf Raffaels Fresko «Die Schule von Athen». Foto: Corbis/Getty Images

Immer wieder wird heutzutage – in der Politik und in den Medien – eine Dichotomie geschaffen zwischen der arabisch-islamischen und der europäisch-christlichen Welt. Auf diese Weise wird aus dem kollektiven Gedächtnis gänzlich verdrängt, dass wir auch gemeinsame Vergangenheiten, Denkweisen und kulturelle Inhalte haben. Die Folgen dieser Verdrängung sind nicht erst seit den Ereignissen von Chemnitz hinlänglich bekannt. Höchste Zeit, unsere gemeinsame Geschichte zu erzählen.

Diese Geschichte setzt mit dem 8. Jahrhundert ein, als die bedeutenden kulturellen und geistigen Zentren Irak, Syrien und Ägypten unter den islamisch-arabischen Herrschaftsbereich fielen. In diesen Ländern bestand eine hochentwickelte Buchkultur und Wissenschaft, die Tradition der griechischen Philosophie brach hier nie völlig ab. So konnten die islamischen Gelehrten auf den wissenschaftlichen und kulturellen Errungenschaften der Griechen, Byzantiner, Perser, Inder und Juden aufbauen und auch Einflüsse aus China und Afrika aufnehmen.

Dies im Gegensatz zur westlichen Welt: Mit dem Verfall des Römischen Reiches brach die wissenschaftliche Tradition weitgehend zusammen; die Bildung fristete bis zum Hochmittelalter ein Nischendasein.

Arabische Grundlage der Mathematik

Die Wissensschätze, welche die arabischen Gelehrten vorfanden und mit Übersetzungen zugänglich machten, entwickelten sie weiter. Einige Beispiele sollen genügen: Arabische Philosophen brachten die griechische Philosophie mit dem Monotheismus in Einklang. Nur deshalb konnte Aristoteles in der Folge zum Meister des Denkens und der theoretischen Philosophie aufsteigen. Der arabische Gelehrte Alhazen – bekannt auch als Erfinder der Lupe – veröffentlichte seine Erkenntnisse im Buch «Schatz der Optik», welches zur Grundlage für die neuzeitliche Optik werden sollte. Die Schrift «Kanon der Medizin» des Philosophen und Arztes Avicenna galt noch bis weit in die Neuzeit hinein als Standardwerk für die medizinische Ausbildung. Und der Mathematiker Muhammad Ibn-Mūsā al-H̱wārizmī schuf mit seinem Opus nicht nur die Grundlage für die Algebra, sondern stellte auch den arithmetischen Gebrauch unserer heutigen Dezimalzahlen vor, wobei er gleichzeitig die Ziffer Null aus dem indischen in das arabische Zahlensystem einführte.

Als um 1200 die ersten Universitäten in der westlichen Welt entstanden, konnten die christlichen Gelehrten auf den riesigen Schatz der arabischen Wissenschaften zurückgreifen. Eine grosse Übersetzungswelle aus dem Arabischen ins Lateinische setzte ein: Alhazens «Schatz der Optik» wurde genauso übersetzt wie die Werke von Avicenna und jene von Ibn-Mūsā al-H̱wārizmī. Christliche Denker assimilierten Aristoteles problemlos, da seine Schriften bereits mit dem Monotheismus in Einklang standen.

Wenig Verständnis für die Ziffer Null

Da im lateinischen Westen Aristotels‘ Schriften jeweils mit den Kommentaren arabischer Gelehrten – insbesondere jenen von Averroes – gelesen wurden, sah man diesen griechischen Philosophen in der Folge durch eine «arabische Brille». Und der Italiener Leonardo Pisano, auch bekannt als Fibonacci, wurde zu einem der bedeutendsten Mathematiker des Mittelalters, weil er auf seinen Reisen nach Afrika, Byzanz und Syrien die arabische Mathematik kennen lernte. Schliesslich ist es denn auch kein Zufall, dass die Verbreitung der arabisch-indischen Zahlen im lateinischen Westen mit dieser Übersetzungswelle einsetzte, wenn auch die Ziffer Null noch längere Zeit auf Verständnisprobleme stossen sollte.

Diese kurze Geschichte des Mittelalters zeigt, dass jene Kultur, die wir gemeinhin und so selbstverständlich als «europäisch» bezeichnen, erst durch das fruchtbare Zusammenwirken verschiedener Kulturen entstanden ist. An diesen Austausch erinnern uns heute neben den Zahlen noch viele Worte arabischen Ursprungs: Alchemie, Algebra, Algorithmus, Alkohol, Aprikose, …