Migration auf Kommunistisch

Frauen protestieren in Urumqi, der Hauptstadt der autonomen Region Xinjiang. Foto: Guang Niu (Getty Images)

Es war eine kleine Meldung. Es ging um 461’000 Menschen. Über sie berichtete erst die Parteizeitung Renmin Ribao in Peking, danach bereitete Chinas Auslandsplattform «Global Times» das Thema für das internationale Publikum auf.

Also: In der Region Xinjiang wurden im ersten Quartal des laufenden Jahres 461’000 Menschen umgesiedelt. Bis zum nächsten Jahr sollen nochmals 100’000 Menschen zügeln, sie werden aus den Regierungsbezirken Hotan und Kaxgar in andere Gegenden umplatziert. Wohin genau, wurde nicht vermeldet.

Ziel und Zweck der Aktionen: weniger Armut, mehr soziale Stabilität. In Xinjiang sei die Bekämpfung der Not schwieriger als andernorts, liess sich ein Experte für Sozialfragen in den «Global Times» zitieren. Denn die autonome Region werde nicht nur von wirtschaftlichen Problemen geplagt, sondern auch von «ethnic issues», also von Nationalitätenproblemen.

Dazu muss man wissen, dass Xinjiang stark – allerdings längst nicht mehr mehrheitlich – von Uiguren bewohnt wird, einem turksprachigen Volk meist muslimischen Glaubens. Gelegentlich kommt es zu Ausschreitungen.

Durchpauken und herrschen

461’000 Personen: Die Zahl wirft ein Lichtlein darauf, dass es neben den vieldiskutierten Migrationsformen in unserer Weltregion noch andere grosse Wanderungsbewegungen gibt. Sie sind eher typisch sind für den Kommunismus. Dort sahen und sehen sich die Männer an der Macht immer auch als Völkeringenieure. Von Beginn an gehörte es zum System, durch die Verpflanzung von Menschenmassen erstens ökonomische Megaprojekte durchzupauken und zweitens zu herrschen.

In der UdSSR deportierte Stalin zehn- und hunderttausendfach Kalmücken, Balten, Wolgadeutsche, Ukrainer, Krim-Tataren, Tschetschenen, Inguschen, Armenier aus ihrer jeweiligen Heimat, Welle um Welle, von den 1930ern bis in die 1950er Jahre hinein. Sie wurden zumeist nach Sibirien oder Zentralasien gezwungen.

In der DDR verpflanzte das Ministerium für Staatssicherheit unter Tarnnamen wie «Aktion Ungeziefer», «Aktion Festigung» und «Aktion Kornblume» politisch «Unzuverlässige» aus grenznahen Gegenden in abgelegene Gebiete; rund 15’000 Menschen mussten dabei ihre Häuser räumen, Dutzende Ortschaften und Stadtteile wurden geschleift.

In Vietnam startete die Sozialistische Republik nach ihrem Sieg 1975 sofort ein Verbannungsprogramm: Dabei siedelte die Regierung etwa 100’000 Personen um, insbesondere aus Saigon aufs Land oder von Zentralvietnam an die Grenze zu China; im Gegenzug sandte sie ideologisch gefestigte Familien aus dem Norden in den amerikanisierten Süden: Erziehung durch Migration.

In China stoppte Mao die wild gewordene Kulturrevolution 1968, indem er 16 bis 17 Millionen junge Menschen aus den Städten aufs Land kommandierte, oft in karge Randgebiete. Mit Zwangsumsiedlungen festigte Peking auch die Kontrolle über Tibet – man verschickte Han-Chinesen in den Himalaya und umgekehrt Tibeter aufs flache Land.

Personenfreizügigkeit im Innern

Migration ist auch eine Systemfrage. In Europa und Nordamerika führt die Personenfreizügigkeit über Grenzen hinweg, führt die Wanderung zwischen den Staaten zu Streit, zu Angst, zu Kämpfen, aber auch zu Lösungen in tausend Facetten. Zur kommunistischen Welt gehört indes, dass der Staat sogar innerhalb seiner Grenzen den Platz des Einzelnen festlegt: Seine Bürokratie steuert die Untertanen durch Aufenthaltsbeschränkungen und Wohnsitzberechtigungen, sie bestimmt über öffentliche Leistungen wie Schulen und Spitäler, über Arbeitsstellen, auch über Lebensmittelscheine: Was der Mensch braucht, erhält er nur dort, wo er gefälligst zu leben hat. Die nächste Steigerung in dieser Logik ist dann das Arbeitslager.

Wie die Geschichte jener 461’000 Personen aus Xinjiang zeigt, lebt der Sozialingenieurs-Kommunismus fort, auch nachdem das Management der Wirtschaft liberalisiert wurde: History reloaded. «Wenn die Menschen so organisiert werden, dass sie entfernt von zuhause arbeiten, so hilft dies, dass sie sich besser im übrigen China integrieren», sagte der erwähnte Experte zu «Global Times». «Später nehmen sie ihre neu gewonnenen Fertigkeiten wieder zurück nach Xinjiang.» Migration zur besseren Integration.

Gewiss würde jeder KP-Staat auch Einwanderungsströme aus dem Ausland derart steuern. Allerdings steht er nicht vor dem Problem, dass Menschen vieltausendfach hineindrängen, weil sie sich hier eine bessere Zukunft erhoffen. Aber das ist eine andere Geschichte.