Der Warlord aus den Alpen

Ein Schweizer Kriegsunternehmer: Jörg Jenatsch (1596–1639). Foto: Rätisches Museum Chur

Ein Land versinkt im Bürgerkrieg, wird zum Spielball ausländischer Mächte, die ihren Einfluss auszuweiten versuchen, indem sie verschiedene Kriegsfraktionen mit Geld und Waffen unterstützen. Deren Anführer kennen keine Skrupel, um ihre Ziele zu erreichen. Sie stellen Fallen, streuen falsche Gerüchte, hintergehen Verbündete und terrorisieren die Zivilbevölkerung.

Nein, die Rede ist hier nicht vom Jemen, von Syrien oder Libyen, sondern von Graubünden. So präsent in der öffentlichen Geschichtserzählung die Kriege, welche die Eidgenossen gegen Habsburger, Franzosen oder Mailänder führten, so stiefmütterlich werden die inneren Konflikte behandelt, die den Verlauf der Schweizer Geschichte oft stärker prägten.

Graubünden war in der frühen Neuzeit besonders umkämpft. Der Freistaat bestand aus drei Bünden, die sich ihrerseits aus Gerichtskreisen und Gemeinden mit grosser Autonomie zusammensetzten. Der Staat war zudem in zwei Konfessionen und drei Sprachen geteilt. Insbesondere die Religion führte immer wieder zu Spannungen. Die jahrelangen, blutigen Auseinandersetzungen, die als «Bündner Wirren» bezeichnet wurden, wären aber nicht möglich gewesen ohne ausländische Interventionen, welche Teile der Eidgenossenschaft in den Dreissigjährigen Krieg hineinrissen. Der Dreissigjährige Krieg auf dem Gebiet des heutigen Mitteleuropas war am 23. Mai 1618 durch den Prager Fenstersturz ausgelöst worden.

Der Pfarrer, der das Kriegen lernte

Die Königshäuser Spaniens, Frankreichs und Österreichs sowie die Republik Venedig hatten alle ein Auge auf die strategisch wichtige Region zwischen Österreich und Italien geworfen und versuchten sie unter ihre Vorherrschaft zu bringen. Die äusseren Mächte verbündeten sich mit lokalen Akteuren, die mit ihrer Unterstützung Krieg führten. Zweifellos der bekannteste unter ihnen ist Jörg Jenatsch. Für die einen ist er ein Freiheitsheld, für die anderen ein blutrünstiger Schurke. Fest steht: Jenatsch beherrschte die Klaviatur der Machtpolitik in Kriegs- und Krisenzeiten, dass es Machiavelli zur Ehre gereicht hätte.

Schloss Rietberg, wo Jenatsch seinen Rivalen Pompeius von Planta tötete. Foto: Adrian Michael (Wikipedia)

Jenatsch, 1596 geboren, war ausgebildeter Pfarrer, verlegte sich aber schon bald aufs Kriegshandwerk. Er kämpfte zunächst an der Seite der venezianisch-französischen Allianz. Später wechselte er spektakulär die Seiten, konvertierte zum Katholizismus und hinterging die Franzosen, um sich mit den Österreichern zu verbünden. Hinter der Konvertierung zum Katholizismus soll auch das Ziel gestanden haben, einen österreichischen Adelstitel zu erlangen, was Jenatschs gesellschaftlichen Aufstieg aus einfachen Verhältnissen vollendet hätte. Doch so weit sollte es nicht kommen. Am Ende wurde er selber Opfer eines heimtückischen Manövers: An der Fasnacht 1639 betrat eine verkleidete Gruppe ein Churer Wirtshaus, wo Jenatsch mit Freunden zechte. Die Feiernden erwarteten eine musikalische Darbietung, stattdessen zückte einer der Verkleideten eine Axt und erschlug Jenatsch.

Bis heute ranken sich zahlreiche Mythen um den Heeresführer; darunter jener, die Axt, mit der Jenatsch erschlagen wurde, sei die gleiche gewesen, mit der er Jahre zuvor einen seiner grössten Rivalen, Pompeius von Planta, ermordet hatte. Es war nicht das einzige Mal gewesen, dass Jenatsch einen Gegner mit rabiaten Methoden aus dem Weg räumte. Einige Jahre zuvor war ein katholischer Geistlicher unter seiner Aufsicht zu Tode gefoltert worden. Er schreckte nicht einmal davor zurück, einen langjährigen Mitstreiter in einem Duell zu töten.

Er machte aus Buben Soldaten

Jenatsch hat viele Ähnlichkeiten mit Kriegsherren, die heute in Bürgerkriegen mitmischen. Mit Ali Abdullah Saleh etwa, der als Präsident des Jemen gegen die Huthi-Milizen kämpfte, nach seinem Sturz die Seiten wechselte und sich mit ihnen verbündete, bis er vergangenes Jahr von seinen einstigen Gefährten erschossen wurde. Oder mit Chalifa Haftar, der eine bedeutende Rolle im libyschen Bürgerkrieg spielt und gegenwärtig mit seinen Truppen den Osten des Landes kontrolliert. Oder mit kongolesischen oder syrischen Warlords, die um die Kontrolle von Ressourcen kämpfen und dabei immer wieder neue Allianzen eingehen.

Die Ressource im Fall Graubünden war nicht Öl oder Kobalt, sondern das Land selber: Die drei Bünde waren schon früh eine wichtige Verbindung von Norden nach Süden. Während des Dreissigjährigen Krieges erlangte dieser Zugang noch eine erhöhte Bedeutung, besonders das unter Bündner Herrschaft stehende Veltlin, das die einzige Verbindung zwischen den verbündeten Kriegsparteien Österreich und Mailand darstellte und daher von entscheidender strategischer Bedeutung war.

Jenatsch war aber mehr als ein Warlord. Er war ein eigentlicher Kriegsunternehmer. Er heuerte junge Schweizer Männer (beziehungsweise Buben) an und vermittelte sie als Söldner an ausländische Staaten, oder er nahm sie gleich in die eigene Truppe auf, mit der er im Auftrag Venedigs und Frankreichs im Verlauf des Dreissigjährigen Kriegs Schlachten in ganz Europa focht.

Krieg als Geschäft

Die zahlreichen Kriege zwischen den europäischen Mächten machten das Soldwesen zu einem lukrativen Geschäft. Nicht wenige Schweizer gelangten damit zu Reichtum und politischem Einfluss. Im Fall von Jenatsch war beides verknüpft. Krieg war für ihn sowohl ein Geschäft als auch ein Weg, seine politischen Ziele zu erreichen. Er kämpfte im Ausland im Auftrag von Königen und Fürsten, zugleich aber auch im eigenen Land zugunsten seiner protestantischen und später der katholischen Fraktion.

Eine Anthropologin mit dem mutmasslichen Schädel von Jenatsch, 2012. Foto: Archäologischer Dienst Graubünden

Sein Interesse, so betonte Jenatsch einmal in einem Brief, habe immer der Freiheit des Vaterlands gegolten. Eines seiner wichtigsten Ziele war die Rückführung des Veltlins, das 1620 in die Hände Spaniens gefallen war, unter Bündner Herrschaft. Ein Ziel, das durch seinen Verrat an Frankreich und die Allianz mit Österreich erreicht wurde – wenn auch erst nach seinem Tod und nur für kurze Zeit. Ob Jenatsch mit seinem ruchlosen und brutalen Vorgehen seiner Heimat insgesamt nützte, darf indes bezweifelt werden.

Das Ende des Dreissigjährigen Krieges beruhigte auch die Lage in Graubünden. Die strategische Bedeutung der Alpenpässe sank zugunsten ihrer wirtschaftlichen. Statt Warlords kamen Händler, Kaufleute und Handwerker zu Reichtum und Ansehen. Sie eigneten sich nicht so gut für Legenden. Das dürfte für die Bündner aber verkraftbar gewesen sein. Für Syrien und den Jemen sind solche Zustände derzeit noch ein Traum.