Armeeeinsätze im Innern – jenseits des Generalstreiks

November 1918: Zu Kriegsende riefen die Gewerkschaften den Generalstreik aus, worauf die Ordnungstruppen der Armee gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt wurden. Bild: Keystone

Der Generalstreik vom November 1918 wurde ausgelöst durch den Beschluss der Landesregierung, gegen drohende Unruhen in Zürich das Militär einzusetzen. Damit aber goss der Bundesrat erst recht Öl ins Feuer. In keiner politischen Frage war die Arbeiterbewegung so sensibilisiert wie bei inneren Ordnungseinsätzen. Zwischen 1875 und 1914 hatte es 42 militärische Aufgebote gegen Streiks gegeben. In allen sechs lokalen Generalstreiks zwischen 1902 und 1912 hatte die Armee eingegriffen, in zwei Fällen waren Schüsse abgefeuert worden.

Bereits der erste Einsatz hatte 1875 in Göschenen vier italienische Tunnelarbeiter das Leben gekostet. «Die organisierten Arbeiter der ganzen Schweiz gerieten darob in eine furchtbare Aufregung», schrieb Hermann Greulich später, der Kopf des gemässigten Flügels der Arbeiterbewegung: «Man muss es selbst erlebt haben, um noch heute, 20 Jahre danach, in der Erinnerung erschüttert zu werden von der Erbitterung, die selbst ruhige Genossen bei der Nachricht ergriff.» Und im noch weiteren Rückblick urteilte der Sozialhistoriker Erich Gruner: «Kein Zweifel, nichts hat den demokratischen Staat bei den Arbeitern so sehr diskreditiert, als dass er manu militari gegen die Streikenden vorgegangen ist.»

Interessant ist, dass die 200 Polizeieinsätze, die es vor dem Ersten Weltkrieg gab, nicht dieselben politischen Folgen hatten.

«Die Wehrkraft konzentriert sich nach aussen»

In den Augen der Streikenden, von denen viele selbst Soldaten waren, hatte die Armee im Innern nichts zu suchen. Das war ursprünglich auch die Meinung vieler Bürgerlicher gewesen. Als 1873 bei der Totalrevision der Bundesverfassung die Zentralisierung der Armee debattiert wurde, beruhigte der freisinnige Ständerat Johann Kappeler die skeptischen Romands: «Bei den überall angebrachten Sicherheitsventilen wird das Militär im Innern glücklicherweise nur äusserst selten noch eine Verwendung finden müssen. Die ganze Wehrkraft konzentriert sich nach aussen.»

Ein solcher Bürgerlicher war der ehemalige Feldprediger Leonhard Ragaz. Der Einsatz von Truppen gegen einen Generalstreik in Zürich 1912 machte den Theologieprofessor zum Antimilitaristen. Es war allzu durchsichtig, dass die Armee vor allem in Arbeitskonflikten eingesetzt wurde, in denen die Unternehmer am kürzeren Hebel sassen. In der Uhrenindustrie mit ihren fast unangreifbaren Fabrikgebäuden und ihrer leichten Lagerhaltung gab es eine einzige Militärintervention, auf den Baustellen und in den Tunneln deren 24.

Ein Viertel der Soldaten meuterte

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam es zu einigen Verweigerungsaktionen gegen Ordnungseinsätze. Beim Genfer Generalstreik 1902 meuterten 565 Soldaten – ein Viertel der Aufgebotenen. Der spätere General Ulrich Wille schlug darauf vor, künftig nicht mehr lokale, sondern ortsfremde Truppen aufzubieten und eine härtere Gangart gegenüber Meuterern einzuschlagen.

1906 konterte der SP-Parteitag mit dem Beschluss, allen Wehrmännern die Verweigerung des Angriffs auf Streikende zu empfehlen. In der Folge nahm auch die Zahl der Dienstverweigerer zu.

Kavallerie auf der Badenerstrasse

Besonders heftige Auseinandersetzungen zwischen städtischen Streikenden und ländlichen Soldaten gab es beim Konflikt um die Automobilfabrik Arbenz in Albisrieden. Im Sommer 1906 eskalierte dort der Arbeitskampf, nachdem die Kantonsregierung die Streikposten verboten, ein Infanterieregiment sowie eine Dragonerschwadron aufgeboten und die 2411 Offiziere und Soldaten mit scharfer Munition versehen hatte.

Das Bild von berittenen Truppen, welche die Badenerstrasse hinauf Demonstranten verfolgten und diese mit Säbelhieben traktierten, erinnerte an die Kosaken-Kavallerie, die 1905 die Russische Revolution niedergeschlagen hatte. Der Zürcher Dragonereinsatz ging als «Kosakensommer» in die Geschichte ein.

Handgranaten als Pflicht

Während des Ersten Weltkriegs häuften sich ab 1916 die Konflikte um den Ordnungsdienst. Zu einem Skandal wurde die heimliche Vorbereitung eines Truppentransports in die Romandie, wo der General Unruhen befürchtete. Im Sommer kam es in Zürich zu einem Armeeeinsatz gegen die Teuerungsunruhen. Im November 1917 forderten die Zusammenstösse von Demonstranten mit Polizisten vier Todesopfer, worauf Soldaten und Rekruten zum Einsatz kamen. 1918 waren Ordnungstruppen in Zürich beständig präsent – unter kantonaler Hoheit. Bei einer Frauendemonstration gegen Hunger und Teuerung griff die Truppe nicht ein, «weil es sich nur um Weiber handelte», so der Platzkommandant. Nach einem Streik von Bankangestellten im September, der zu einem lokalen Generalstreik führte, war das Bürgertum derart verunsichert, dass es die Landesregierung um eine militärische Intervention ersuchte.

Der befehlshabende Oberstdivisionär Sonderegger liess dann eine Erklärung aushängen, wo es hiess: «Wo aber einwandfrei feststeht, dass aus Häusern geschossen worden ist, wird das Handgranatenwerfen zur befohlenen Pflicht.»

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