Stalins Tod: Intrigen und Paranoia im Sowjetimperium

Gefürchtet noch im Moment des Todes: Stalin, aufgebahrt in seinem Sarg. Foto: Serge Plantureux (Corbis, Getty)

Der alte Kalte Krieg war besser: Diesen Vergleich hört man heute öfters. Die Sowjetunion sei zwar ein grimmiger Gegner gewesen, aber sie wurde gelenkt von Realpolitikern mit zuverlässigen Massstäben. Ganz anders die jetzige Führung in Moskau: Die ticke eher wie eine Gangsterbande. Zuletzt griff Ex-Oligarch Michail Chodorkowski zum Mafiavergleich und meinte, Russland werde von einem «Verbrechersyndikat» beherrscht.

Wirklich? Die nostalgische Anerkennung passt vielleicht zur Sowjetunion von Breschnew bis Gorbatschow. Vergessen geht dabei eine tiefere Tradition: Bis in die 1960er-Jahre hinein herrschten im Kreml Zustände, die heute jeden mexikanischen Kartellboss erschüttern würden (wozu übrigens auch gehörte, dass man Killer auf politische Gegner im Ausland ansetzte).

Es begann schauderhaft

Unter Stalin konnte jeder staatliche Akt als Dolchstoss eingesetzt werden. Ob Aussenpolitik, Kartoffelzucht oder Strassenbau: Die kommunistischen Politiker interessierte bei jedem Entscheid, wer sich damit ausschalten und hinrichten liesse, notfalls mitsamt Familie. Der britische Historiker Simon Sebag Montefiore hat darüber ein eindrückliches Werk verfasst, «Stalin», aufgezogen als Bericht aus einem degenerierten Königshof.

Denn es begann schauderhaft und endete grotesk. Die Lakaien in Partei und Politbüro schwärzten einander in immer höheren Tempo an und versuchten, sich durch Massakerpläne als besonders kommunistisch zu präsentieren. Mit der Folge, dass nach jeder Intrigenrunde noch üblere Figuren in den Kremlpalast einzogen. Am Ende sollte Nikita Chruschtschow an die Staatsspitze folgen, «unwissend wie der Negus von Äthiopien» (Stalin) – ein Mann, der sich als KP-Chef der Ukraine bereits unter die grossen Verbrecher der Weltgeschichte gemordet hatte.

Weil Chruschtschow aber später, 1956, auf Abstand ging zum Blutsauger Stalin, blieb er im Westen als akzeptabler Politiker in Erinnerung.

Nun lässt sich die Bande im Kino auslachen: In «The Death of Stalin» schildert Regisseur Armando Iannucci die letzten Stunden des Tyrannen als kohlenschwarze Komödie.

«… voll Entsetzen vor dem Tode»

In der Tat endete der Mörder von Millionen hilflos geifernd im Irrwitz. «Ich traue nicht einmal mehr mir selbst»: So erfasste er am Ende seines Lebens die Paranoia, mit der er sein Reich verseucht hatte.

Als Stalin folglich am 1. März 1953 in seinem Schlafzimmer einen Hirnschlag erlitt, passierte – gar nichts. Fast einen Tag lang wagte keiner, der Stille in der Datscha nachzugehen. Als man Stalin dann röchelnd in seiner Pisse fand, wagte es keiner, einen Arzt zu suchen: Denn der Diktator hatte in seinem Misstrauen gerade eine Verhaftungswelle gegen Mediziner losgetreten. Jene Ärzte, die man dann verspätet auftrieb, waren so verängstigt, dass sie ihn nur zitternd untersuchten. Die Minister wagten es zuerst nicht, auch nur Fragen zu stellen nach dem Gesundheitszustand von Stalin. Dann wagten sie es nicht, irgendwas zu entscheiden.

Filmtrailer: «The Death of Stalin», Grossbritannien 2017.

«Das Gesicht verfärbte sich. Die Züge entstellten sich bis zur Unkenntlichkeit, die Lippen wurden schwarz. In den letzten zwei Stunden erstickte er einfach»: So beschrieb Stalins Tochter Swetlana die Agonie. «Offenbar in der letzten Minute öffnete er plötzlich die Augen. … Es war ein furchtbarer Blick, halb wahnsinnig, halb zornig, voll Entsetzen vor dem Tode.»

Kaum war es so weit, kaum war der Tod gewiss, rannten die anwesenden Politiker zu ihren Limousinen – zuvorderst Geheimdienstchef Lawrenti Beria. Alle preschten sie in den Kreml, um sich in die beste Position zu rangeln, die Macht zu ergreifen. Und um alle Unterlagen zu verbrennen, die sie belasten könnten. Denn jeder spürte, dass sie es mit dem Terror zu weit getrieben hatten.

Molotows Mordtheorie

Der ehemalige Aussenminister Wjatscheslaw Molotow behauptete später, Beria habe Stalin vergiftet. Denn der habe gewusst, dass der Diktator ihn als Nächstes hinrichten lassen wollte. Aber das ist zweifelhaft. Und der Mord hätte wenig genützt: Beria wurde wenige Monate nach Chruschtschows Amtsantritt verhaftet und hingerichtet.

Es ist nicht so sehr die Macht selber, die korrumpiert: Es ist eher die Machtgier. Auch dies lehrt die Geschichte von Stalin und seinen Mobstern. Sie zeigt, wie sehr die Fixierung auf einen Mann und die Staatsführung über Loyalitäten ein ganzes Land lähmen können. Und sie lässt ahnen, dass sich der Personenkult am Ende wohl immer gegen den Gefeierten dreht. Der Film «The Death of Stalin» wurde in Russland sofort verboten.