Österreich 1938: Nicht alle riefen «Heil Hitler»

History Reloaded

Triumphfahrt im offenen Wagen: Adolf Hitler lässt sich nach seiner Machtübernahme in Österreich feiern. Foto: Keystone

Was sich rund um den 12. März 1938 in unserem Nachbarland zutrug, ist gar nicht so klar: Österreich wurde deutsch, gewiss – aber war das freiwillig? Oder doch nicht ganz? Es habe sich um «einen seltenen Grenzfall zwischen Annexion, Fusion und Okkupation» gehandelt, befand eine österreichische Historikerkommission mehr als 60 Jahre später.

Jedenfalls veränderte der Einmarsch der Deutschen den Alltag der Bürger schlagartig und fundamental, selbst im – von Wien aus gesehen – entlegenen Winkel des ländlichen Vorarlberg. Nicht nur die jüdische Bevölkerung und die wenigen Gewerkschafter sahen sich in lebensbedrohlicher Bedrängnis, sondern auch die örtliche Machtelite.

Angst und Anpassung

«Das Begriffspaar Angst und Anpassung kennzeichnet die Stimmung unter den bis März 1938 herrschenden Eliten wohl am zutreffendsten», heisst es in einem Aufsatz der Johann-August-Malin-Gesellschaft. Die Organisation, benannt nach einem Gewerkschafter, pflegt das Andenken an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus: «Dass die neuen Herren mit einigen milder und mit anderen brutaler umgingen, hing meist nicht vom Verhalten beim Einmarsch in den darauffolgenden Tagen, sondern vom politischen und persönlichen Verhalten in den vorausgegangenen Jahren christlich-sozialer Alleinherrschaft ab.»

Wer sich rechtsstaatlicher Tradition verpflichtet fühlte, versuchte in den folgenden Wochen in «zurückgezogener Unauffälligkeit» zu leben. Die Nazis beobachteten die ehemalige Machtelite Vorarlbergs mit Argwohn.

«Gau Vorarlberg/Tirol»

Innerer Rückzug nützte im Einzelfall wenig. Die neuen Machthaber hatten ein gutes Gedächtnis und rächten sich an all denen, die ihre Machenschaften in der Illegalität nicht geduldet hatten; denn der Nationalsozialismus war in Österreich bis kurz vor dem Einmarsch verboten gewesen. So kam der Dornbirner Polizeikommandant Hugo Lunardon ins Konzentrationslager Dachau, später nach Mauthausen, wo er zwei Jahre nach der Machtübernahme verstarb.

Andere hatten mehr Glück, so der ehemalige Landeshauptmann Otto Ender, der zwei Wochen nach dem Einmarsch in Bregenz festgenommen wurde. Er wurde über Innsbruck nach Wien transportiert, wo ihn die Gestapo freiliess, nachdem er eine Erklärung unterzeichnete, nicht mehr in den «Gau Vorarlberg/Tirol» zurückzukehren und sich politischer Aktivitäten zu enthalten.

Der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938: ORF-Dokumentation (2013)

Auch Widerstand gegen das neue Regime ist dokumentiert. Dazu gehörte der erwähnte Gewerkschafter Johann August Malin, der sich als «Anwalt der kleinen Leute» einen Namen machte. Er wurde im Frühjahr 1942 von der Gestapo verhaftet und ein halbes Jahr später wegen «Wehrkraftersetzung» hingerichtet, weil er Verfolgten zur Flucht in die Schweiz verholfen hatte.

Aber der Widerstand war nicht organisiert. So zitiert die Malin-Gesellschaft ein Schreiben aus dem Jahr 1941, das im Innsbrucker Reichssicherheitshauptamt zirkulierte: «Es gibt derzeit in sicherheitspolitischer Hinsicht keinen Grund zu besonderer Besorgnis.» Die «streng katholische» Bevölkerung im Vorarlberg wende sich nicht den «marxistischen und kommunistischen Kreisen» zu.

Rebellion aus christlicher Überzeugung

Das war allerdings eine teilweise Fehleinschätzung. Zwar kam es zu keinem Volksaufstand, aber einzelne Menschen rebellierten wegen ihrer christlichen Überzeugung. So der Gitarrenbauer Ernst Volkmann aus Bregenz. Er verweigerte den Fahneneid ebenso wie den Eintritt in die Wehrmacht und wurde im Sommer 1941 im Gefängnis von Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Die Judenverfolgung erreichte Vorarlberg nicht erst mit dem Einmarsch der Deutschen. Die Gegend kannte den Antisemitismus – wie andere in Österreich – schon lang. Die Gemeinde Hohenems am Rhein war Zentrum des jüdischen Lebens; sie verzeichnete seit Mitte des 19. Jahrhunderts einen Rückgang der Bevölkerung wegen judenfeindlicher Übergriffe, wie Unterlagen des Jüdischen Museums belegen. Mit dem «Anschluss» 1938 wurden nun jüdische Familien systematisch verfolgt und nach Wien in Ghettos geschickt. Viele von ihnen erwartete dort die Weiterreise in ein Konzentrationslager.