Die Mutter aller Pandemien

History Reloaded

Kampf gegen das Virus: Freiwillige Helferinnen des Roten Kreuzes bei der Arbeit in einem Spital in den USA 1918. Foto: Getty

Es ist der 4. März 1918, als sich der Armeekoch Albert Gitchell im Camp Fuston im US-Bundesstaat Kansas krankmeldet. Er klagt über Halsweh, Kopfschmerzen und Fieber. Innert weniger Tage erkranken Hunderte Soldaten im Ausbildungslager der US Army. Ein ganzer Hangar muss als Notlazarett eingerichtet werden. Bald sind 38 Rekruten tot und 1100 schwer erkrankt. Und das ist erst der Anfang einer zunächst unbekannten Seuche, die als Spanische Grippe in die Geschichte eingehen wird. Mit rund 50 Millionen Toten weltweit war sie die schlimmste Pandemie aller Zeiten. Sie forderte dreimal mehr Tote als die Katastrophe des Ersten Weltkriegs (1914–1918).

Albert Gitchell, der überlebte, gilt als Patient null, weil er als erster Erkrankter wegen dieser Grippe registriert wurde. Höchstwahrscheinlich hatte das Influenza-Virus seinen Ursprung in China, bevor die Grippe Anfang 1918 in den USA ausbrach und dann über Truppentransporte nach Europa gelangte und in drei Wellen bis 1920 fast die ganze Welt erfasste. Zur Ausbreitung der Grippe trugen Transporte von Soldaten und Gefangenen sowie Fluchtbewegungen von Zivilisten bei, aber auch Handelsschiffe, die zwischen Nord- und Südamerika, Europa sowie Afrika, Asien und Australien verkehrten. Am stärksten wütete das hochansteckende Killervirus in China und vor allem in Indien.

Anlass für Verschwörungstheorien

Der irreführende Name dieser Grippe ist einem speziellen Umstand geschuldet: In Spanien, wo ein Drittel der Bevölkerung und sogar der König erkrankten, durfte die Presse über die Krankheit frei berichten. Dies im Gegensatz zu den kriegführenden Ländern mit Pressezensur, die ihre Soldaten und Bürger nicht zusätzlich beunruhigen wollten. Nachdem aus Spanien die ersten Krankheitsmeldungen publik geworden waren, war in anderen Ländern Europas bald von der Spanischen Grippe die Rede.

Die Epidemie traf 1918 eine Welt, die vom Krieg zutiefst gezeichnet und erschöpft war. Und sie wirkte sich aus auf Einsatzbereitschaft und Kampfkraft aller am Krieg beteiligten Länder, allerdings waren die jeweiligen Armeen sehr unterschiedlich betroffen. Der deutsche General Erich Ludendorff behauptete später, dass die Spanische Grippe ihm den Sieg geraubt habe. Trotzdem: Auf den Ausgang des Kriegs hatte die Spanische Grippe – entgegen einer nicht selten vertretenen These – wohl keinen entscheidenden Einfluss, wie die deutschen Historiker André Müllerschön und Ralf Vollmuth festhalten.

Grippeopfer in einem Notspital in Kansas 1918. Foto: Keystone

In der Schweiz, wo rund 24’500 Menschen an der Grippe starben, fiel die Influenza in eine Zeit heftiger politischer Auseinandersetzungen, die im November 1918 im Landesstreik ihren Höhepunkt fanden. Die Grippe verschärfte den Konflikt, weil sie von Armee und Bundesrat sowie von Linken und Gewerkschaften instrumentalisiert wurde.

Weltweit zerstörte die Spanische Grippe Familien, brachte das öffentliche Leben zum Erliegen, überforderte sogar die Infrastrukturen von fortgeschrittenen Gesellschaften, und sie richtete immense volkswirtschaftliche Schäden an. Daneben begünstigte sie üble Verschwörungstheorien und irrationale Schuldzuweisungen, etwa gegen Einwanderer, die in den Verdacht gerieten, die Krankheit eingeschleppt zu haben.

Gesundheit wurde zur Staatsaufgabe

Politische Konsequenzen hatte die Pandemie auf dem indischen Subkontinent, wo sie die Graswurzelbewegung um Mahatma Gandhi stärken sollte. In Indien starben rund 20 Millionen Menschen an der Grippe, was den Effekt hatte, dass die indische Bevölkerung sich erstmals gegen die britischen Kolonialherren stellte. Weil den Briten offensichtlich wenig an der Gesundheit der Inder lag, wandten sich diese zunehmend Gandhi zu: eine wichtige Etappe auf dem Weg zur Unabhängigkeit Indiens drei Jahrzehnte später.

Die Pandemie erschütterte auch den Wissenschaftsoptimismus und den Glauben an die Schulmedizin. Die Ärzte waren rat- und machtlos. Denn sie hatten keine Kenntnis von der viralen Natur der Krankheit – Influenza-Viren wurden erst 1933 entdeckt. Und selbst wenn es sich tatsächlich um das seinerzeit vermutete «Grippe-Bakterium» gehandelt hätte – Antibiotika gab es damals noch nicht. In der Not kamen abenteuerliche und nutzlose Therapien zum Einsatz, etwa mit Drogen und Alkohol oder Silber- und Platinspritzen. Jedenfalls trug die Pandemie dazu bei, dass sich eine Alternativmedizin entwickelte.

Weil die Grippe Menschen in schlechter gesundheitlicher Verfassung hinweggerafft hatte, waren die Bevölkerungen zwar dezimiert, aber insgesamt in einem gesünderen Zustand. Die Pandemie setzte auch eine Modernisierung der Gesellschaften in Gang. In den 1920er-Jahren schufen viele Länder Gesundheitsministerien oder bauten sie neu auf. Die öffentliche Gesundheitsfürsorge wurde immer mehr zu einer Staatsaufgabe. Spuren hinterliess die Pandemie auch in der Kunst, etwa in den ersten Horrorfilmen oder in den vom Fieberdelirium beeinflussten Werken des französischen Dichters Guillaume Apollinaire, der zu den prominenten Opfern des Killervirus gehörte.

Die Spanische Grippe hatte also weitreichende Auswirkungen auf Politik, Kultur und Gesellschaft. Sie war nicht nur eine Begleiterscheinung des Ersten Weltkriegs, sondern ebenso ein Faktor, der den Lauf der Geschichte prägte und die Welt veränderte.

Buchtipp: Laura Spinney: 1918. Die Welt im Fieber. 384 Seiten, Hanser-Verlag, 2018, München.

14 Kommentare zu «Die Mutter aller Pandemien»

  • Martin Lerch sagt:

    Zitat: “ irrationale Schuldzuweisungen, etwa gegen Einwanderer, die in den Verdacht gerieten, die Krankheit eingeschleppt zu haben.“
    .
    Solche Halbsätze sind genau das was linken Journalismus ausmacht. Weiter oben steht, wer alles die Ausbreitung der Epidmie ermöglichte, nämlich Bevölkerungsbewegungen quer durch Europa und über die Welt. Und was genau ist vom epidemiologischen her der Unterschied zwischen einem „Einwanderer“ und einem „Flüchtling“.
    Solche Halbsätze sind die gängige Technik, wie linke Journalisten das unbewusste manipulieren um auf aktuelle politische Auseinandersetzungen Einfluss zu nehmen.

  • Herbert Garbe sagt:

    Was mich an diesem Bericht, nicht gerade neu, stört, dass wieder die Enwanderer thematisiert werden, in welchem Lande denn? Und das sie angeblich verdächtigt wurden, ganz ähnlich wie die Berichterstattung heute, dass Einwanderer stets die Opfer sind und nicht, dass sie auch nicht heimische Keime mitbringen, den die einheimische Bevölkerung nicht gewachsen ist…

  • Martin Frey sagt:

    Ein hochspannendes Thema. Medizinisch, epidemiologisch, sozial, politisch, die damalige Grippepandemie hat neue Erkenntnisse und Veränderungen gebracht, die bis heute nachwirken. Auch die Bedeutung der Verbreitung solche Keime durch die Globalisierung, darunter am meisten unterschätzt die Schifffahrt, hat seither noch beträchtlich zugenommen und ist heute ein kaum kontrollierbares Problem.
    Was nicht ganz korrekt dargestellt ist: die damalige Grippe hat zwar auch Menschen in schlechter gesundheitlicher Verfassung dahingerafft, welche nach dem 1. WW häufig anzutreffen waren, sie war aber insbesondere auch ein vitales Problem für junge, an sich gesunde Menschen, darunter viele Kinder, mit auf diesen Erreger völlig unvorbereitetem Immunsystem. Was bis heute eher unterschätzt wird.

  • Ralf Schrader sagt:

    ‚In den 1920er-Jahren schufen viele Länder Gesundheitsministerien oder bauten sie neu auf. Die öffentliche Gesundheitsfürsorge wurde immer mehr zu einer Staatsaufgabe.‘

    Dieser erfreulichen Tendenz waren nur wenige Jahrzehnte beschieden. Mit dem Beginn des Neoliberalismus wurden Gesundheitsfürsorge und Krankenversorgung Schritt für Schritt aus dem hoheitlichen in den privatwirtschaftlichen Sektor verschoben, bis aus dem einstigen humanitären Gesundheitswesen eine profitable Krankheitsbewirtschaftung wurde.

    In der Schweiz markierte das KVG 1996 diesen bisherigen Tiefpunkt der institutionalisierten Medizin und der Gesundheitsfürsorge.

    • pepe müller sagt:

      Gratuliere, ein sehr treffender Kommentar! Madam Dreyfuss hatte uns damals unermüdlich erklärt, dass wir nur das KVG annehmen müssen und die Prämien werden merklich sinken. Seitdem haben sich unsere Prämien ver-FÜNF-facht. Meine erste KK-Prämie nach Annahme des KVG lag bei 67.50 CHF heute bezahle ich 340 CHF bei der gleichen Krankenkasse! So viel zum Thema: Lügen der Politiker!

    • R. Wenger sagt:

      Nach dem Muster der SUVA hätte eine zentrale Krankenversicherung Vorteile. Die teure Jagt nach guten Risiken würde wegfallen. Auch diese Kosten schlagen auf die Prämien durch.

    • Monique Schweizer sagt:

      Schrader: Die Annahme des KVG ist doch nach wie vor eine Höhepunkt der medizinischen Versorgung in der Schweiz, auch wenns halt etwas teurer geworden ist!
      .
      Hätten wir Ami Zustände, wo man sich bei gewissen schweren Vorerkrankungen lieber gleich bei Exit anmelden kann, weil sich die KK weigert einem aufzunehmen oder sonst in den alten Bewerbungsunterlagen penibel genau irgendwelche Formfehler sucht, damit sie einem die Leistungen verweigern kann, das wäre echt übel!
      .
      Merci Madame Dreyfuss – bien fait!

      • Stefan Fink sagt:

        Sorry Frau Schweizer aber genau solche Zustände haben wir schon und das mit KVG. Im Bereich Zusatzversicherung oder Halbprivat. Die Unterschiede sind nicht nur in der Unterbringung zu sehen sondern bei den Medikamenten, Ärzten und vor allem bei den möglichen Therapieformen. Wer heute mit 30 angibt, dass er mal zum Beispiel eine Begleittherapie in Anspruch genommen hat, wird nie mehr eine Zusatzversicherung abschliessen können.

      • Monique Schweizer sagt:

        Fink: Das ist mir bewusst, dass im Bereich der Zusatzversicherungen schon eine „amerikanisierung“ stattgefunden hat und ich diese auch nicht als sehr glücklich empfinde.
        Nur ob man gar keinen Schutz mehr hat wie Mio Amerikaner oder eben eine Grundversicherung hat, ist nach wie vor ein wesentlicher Unterschied.
        Dass gewisse Halbgötter in Weiss Privatpatienten bevorzugen ist ein Aergernis, zum Glück noch nicht alle völlig auf dem Rafftrip.

  • pepe müller sagt:

    In Zeiten in denen Medien den Menschen erklären können, dass zwei (2) Flugzeuge in zwei (2) Hochhäuser fliegen und deshalb drei (3) Hochhäuser in sich zusammenfallen, können die Systemmedien natürlich auch alte Märchen wieder ausgraben, in denen es eine spanische Grippe-Pandemie gab!

    • Olaf Ganz sagt:

      Stimmt. Nicht nur die spanische Grippe, der ganze 1. Weltkrieg ist ein Ammenmärchen, es hat ihn in dieser Form nie gegeben. Vom 2. Weltkrieg und all seinen angeblichen Begleiterscheinungen wussten wir es ja schon seit einer Weile. Genauso die sog. Atombombenabwürfe – das ist ein gigantisches Vertuschungsmanöver, um die Ufo-Abstürze in Japan zu verheimlichen.

      • Martin Frey sagt:

        …und nicht zu vergessen, die Gaskammern, die hat es auch nie gegeben. Adolf lebt noch, habe ich gehört, wie Elvis und Bin Laden. Sie gingen letzthin Hand in Hand durch Neverland. 🙂
        Ganz viele ganz glaubwürdige Blogs und Foren bestätigen all das, jawohl!

    • Monique Schweizer sagt:

      Pepe: Das soviel an Vorstellungskraft nicht alles unter Ihren Aluhut passt kann ich mir schon vorstellen!
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      Und wieso soll die spanische Grippe die Mutter aller Märchen sein? Damals gabs ja noch nicht mal Impfungen mit denen die pöhse Pharmaindustrie hätte abzocken können.
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      Und wieso ist nicht die Pest 1346/53 das Mutter aller Märchen?
      Damals haben Ihre Aluhutvorfahren massenweise Katzen getötet, weil sie meinten die seien vom allmächtigen Satan befallen. Dies wiederum hat den Ratten gut ins Konzept gepasst, die ihre natürlichen Feinde losbekamen und so die Pest gut verbreiten konnten über ganz Europa!

  • pepe müller sagt:

    Wohl eher: Die Mutter aller Märchen!

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