Der Kleinkrieg um Weihnachten

History Reloaded

In der Rolle des Bewahrers: US-Präsident Donald Trump vor Weihnachtsschmuck. Foto: Getty Images

Die Geschichten ähneln sich: Da wird ein altes Weihnachtssymbol abgehängt, ein Christkindli entsorgt, ein Ereignis umbenannt. Man macht den «Weihnachtsmarkt» zum «Wichtelmarkt» (so geschehen im deutschen Gotha) oder zum «Wintermarkt (wie in München oder Solingen). Sankt Nikolaus darf plötzlich nicht mehr in die Schulen rein (so soll es in der Nähe von Wien geschehen sein); eine Kindergärtnerin wird gefeuert, weil sie den Sinn von Weihnachten erklärt hat (dito); und andernorts ist plötzlich die traditionelle Krippe auf dem Dorfplatz weg (so in der belgischen Gemeinde Holsbeek).

Was folgt, ist grosse Aufregung und eine grosse Frage: Wer sind wir eigentlich, um Himmels willen?

Denn natürlich erhebt sich sofort grosses Geschrei in den sozialen und anderen Medien, fallweise auch bei wahlkämpfenden Politikern. Ein Schweizer Beispiel bot der Gemeinderat von Neuenburg, der vorletztes Jahr die Krippe vor dem Rathaus verschwinden liess: Die Weihnachtstanne der Stadt solle nicht mehr von religiöser Symbolik umzingelt sein. Auch da hagelte es erregte Proteste samt Petition, worauf die Stadväter subito umschwenkten. Josef, Maria und das Jesuskind haben nun auch in Neuenburg wieder ihr offizielles Krippchen.

Alle Züge einer Urban Legend

Bei genauerem Hinsehen merkt man erstens, dass viele dieser Storys kreuzfalsch oder schief sind (siehe etwa hierhier und hier); das macht das Phänomen schon mal interessant. Zweitens sind sie keineswegs neu, sondern ein Dauerbrenner, stets untermauert mit neuen Beispielen aus einem anderen Ort: Die Fabel vom bedrohten Christkind hat Züge einer Urban Legend.

In den USA ist der «War on Christmas» seit rund 15 Jahren ein winterlicher Dauerstoff auf dem Propagandasender Fox News; auch Donald Trump versprach in mehreren Wahlkampfauftritten, dass er der Entheiligung von Weihnachten nicht länger zusehen werde.

«Der Kulturkrieg um Weihnachten dreht immer auf, wenn das Land sozialen Wandel und Unruhe erfährt»: So fasste es die «Washington Post» unlängst zusammen. Interessant ist einfach, wie sich der Gefechtslärm ändert. Vor einem Jahrhundert, 1920, wetterte kein Geringerer als der Automagnat Henry Ford gegen derartige Rankünen – schuld waren da halt einfach die Juden: Sie wollten Weihnachten als Schulfeiertag abschaffen oder Christmas-Lektionen in den Klassen verbieten, so die Behauptung.

Und wer war’s im Kalten Krieg?

Später dann, in der Modernisierung der 1950er bis 1970er, versuchten die Anhänger einer sauberen Trennung von Staat und Religion, die Weihnachtssymbolik aus Schulen, Gemeinde- und Staatsgebäuden zu drängen – und nun folgte die Kalte-Krieg-Reaktion: Eifrige Bewahrer des Christfestes meinten, sie müssten hier gegen die zersetzende Kraft von Sozialismus und Kommunismus anfechten.

Der Stern von Bethlehem zeigt uns offenbar, von wo gerade der Untergang des Abendlands droht. Aktuell lautet eine Kernthese der Weihnachtsscharmützel also: Wir machen voreilige Bücklinge vor irgendwelchen Islamisten (beziehungsweise vor deren naiven Helfern).

Wer hats verboten? Die Puritaner

Das ist die eine Seite. Zugleich plätschert von der Gegenseite stetig die Kritik, es werde zu viel Tamtam gemacht um das Christfest – womit dessen wahrer Kern den Bach runtergehe. Auch da: Same procedure as every year. Das Lamento von der Konsumorgie erklingt seit einer halben Ewigkeit, angedeutet finden wir es schon bei Gottfried Keller.

Als erste geisselten eifrige Protestanten das Lichterfest, Calvin verbot es in Genf 1550 zusammen mit mehreren katholischen Feiertagen, in England zog die republikanische Regierung von Oliver Cromwell 1647 nach, in Amerika waren es ausgerechnet die puritanischen «Pilgerväter», die Weihnachten zur Hölle wünschten. Denn wo stand in der Bibel, dass man Jesu Geburtstag feiern solle? Und dass die Kirche ihr Weihnachten einfach einem heidnischen Lichterfest aufgepfropft hatte, stiess den Vertretern der reinen Lehre besonders sauer auf.

«Wir sagen wieder ‹Merry Christmas›»: Donald Trump verteidigt «jüdisch-christliche Werte» gegen «Political Correctness». Video: Time (Youtube)

Aber auch fromme Katholiken hatten ihre liebe Mühe damit, dass Weihnachten seit dem 19. Jahrhundert zum Volksfest aufstieg – und dabei angelsächsisch eingefärbt wurde. Zum spektakulären ökumenischen Gipfel kam es 1951, als sich in der Stadt Dijon katholische und reformierte Priester zusammenschlossen, um den «Père Noël» in einem symbolischen Akt zu verurteilen; danach wurde eine bärtige Figur an der Tür der Kathedrale verbrannt. Claude Lévi-Strauss veröffentlichte später eine Analyse dieses Falles: Der berühmte Ethnologe erkannte hier einer Reaktion auf den Siegeszug der USA und auf deren Konsumkultur.

Im Krieg um Weihnachten, so zeigt sich, brechen Fragen auf, die wir unterm Jahr kaum mehr beachten: Wie öffentlich soll die Religionssymbolik noch sein? Wie selbstverständlich ist sie? Wir wägen ab, wie sehr wir uns noch als Teilnehmer einer Tradition empfinden. Und auch, wie bewusst wir den Kern des Festes feiern wollen. Wobei, ganz nebenbei, gleich noch tieferliegende Spaltungen hervorbrechen.

Fröhliche Weihnachten? Selbstverständlich. Aber vergessen wir dabei nie: Weihnachten ist eine ernste Sache.