Was Bitcoins und Tulpen verbindet

Ein Stilleben mit Blumen von Ambrosius Bosschaert (1614).

Vielleicht landen die Tulpen jetzt wirklich auf dem Komposthaufen der Geschichte. Seit jeher gilt ja die holländische «Tulpenmanie» des 17. Jahrhunderts als Inbegriff eines Spekulationswahns: Dass vernünftige Menschen den Gegenwert eines prachtvollen Hauses einsetzen für Blumenzwiebeln – so etwas liess sich doch kaum noch toppen. Aber momentan geben täglich Tausende Menschen Tausende Dollar oder Franken her für – ja, für was eigentlich? Für Bitcoins. Also für eine Zahlenreihe. Also eigentlich für eine gute Story.

Denn Spekulationsblasen sind nie bloss irgendwelche Überbewertungen, wie sie auf jedem Markt geschehen, sondern es sind weitgehend Luftschlösser, die aus einer faszinierenden Erzählung entstehen. Und sie folgen dabei oft ähnlichen Mustern.

Wer also das Bitcoin-Stück verstehen will, kann auch vom Ur-Hype der kapitalistischen Geschichte lernen. Nach dem Jahr 1630 stiegen in Holland die Preise für Tulpenzwiebeln erst stetig an, dann immer steiler, sodass sie in der Spitze das Zwanzigfache eines durchschnittlichen Handwerker-Jahreslohnes erreichten. Unvergesslich wurde der Fall durch zwei Aspekte: Erstens stürzten sich die Menschen auf etwas so Vergängliches wie Blumen – und zweitens platzte der ganze Traum innert Tagen. Anfang Februar 1637 waren manche Zwiebeln noch Gold wert, Mitte Februar waren sie nur noch Gemüse. Der Traum wurde zum Schock.

Erst Exotik, dann Luxus

Etwas verbindet die damaligen Tulpenzwiebeln mit den Bitcoins, aber auch mit den Internetaktien ums Jahr 2000: Man hatte es mit etwas Frischem, etwas Ungewohntem zu tun. Die Pflanzen der Gattung tulipa waren einige Jahrzehnte zuvor aus dem osmanischen Reich nach Europa eingesickert. Zunehmend avancierte ihre Zucht dann zum Hobby gebildeter und gehobener Kreise – heute würde man von «Trendsettern» sprechen –, und in einer nächsten Stufe lieferten sich die Tulpenfreunde einen fröhlichen Wettbewerb, wer den schönsten Garten habe. Man hatte es also mit einem exotischen Ding zu tun, das zum Luxus- und Prestigeobjekt aufstieg.

Dabei war dieses Ding schon von Natur aus ein bisschen spekulativ: Wer eine Tulpenzwiebel kauft, weiss nicht, ob die Blume schön wird oder ob ihr nicht am Ende Wind und Wetter den Garaus machen. Dass die Zwiebeln in Holland zunehmend verkauft wurden, während sie noch im Boden lagen, war eine ganz logische Folge. Kurz: Es entstand ein Terminhandel, wie wir ihn bis heute auf den Rohstoffmärkten kennen, ob bei Orangensaft, Schweinebäuchen oder Kakao.

Erinnern Sie sich noch an den Swatch-Hype?

Die exotische Blume zog im 17. Jahrhundert einen weiteren Typ Mensch an, nämlich die Sammler. Von Alkmaar bis Amsterdam waren mehr und mehr Leute bereit, Gold- und Silberstückchen hinzublättern für eine besonders schöne Gattung, eine seltene Farbkombination, eine einmalige Ränderung. Insofern ähnelte die bunte Blase, die ab 1630 entstand, eher den Spekulationen mit Swatch-Uhren in den 1980er Jahren als einem klassischen Börsenboom. Auch das Tulpengeschäft wurde dabei mit einem Schuss Marketing befeuert, wobei die Händler ihre Blumen mit wunderbaren Stichen oder wohlklingenden Namen anpriesen, als «Viceroy», «Admirael», «Semper Augustus» oder «Schoone Helena».

Das mag heute, wo man Bitcoins allen Ernstes «Währung» nennt, etwas plump wirken; damals jedoch dürfte es den Markt durchaus angeregt haben.

Die Tulpen waren etwas Neues – also fehlte Erfahrung bei der Preisbildung. Sie wurden in einer Liebhaber- und Sammlerszene herumgereicht – also spielte eine starke emotionale Komponente hinein. Und es könnte eine weitere Parallele bestehen zu modernen Bubbles: Im Holland der 1630er-Jahre gab es erheblichen Reichtum (womit man sich solche Prestigespielereien leisten konnte), zugleich grassierten erhebliche Unsicherheiten (was zu einem waghalsigeren Umgang mit Geld verführte).

Darauf hat der US-Historiker Peter M. Garber hingewiesen: In den Niederlanden grassierte zwischen 1625 und 1640 mehrfach die Pest, mit der Folge, dass die Leute eher bereit waren, rasch mal ein Risiko einzugehen; oder aber sie kamen als Erben schlagartig zu einer Menge Spielgeld.

Die Lektion der Gärtner

Gärtner wissen übrigens, dass der wilde Kauf von Tulpenzwiebeln nicht ganz so verrückt ist, wie er auf Laien wirken mag. Die Tulpe vermehrt sich vegetativ über Tochterzwiebeln – wer also eine hat, kann mit einem geschickten Händchen eine schöne Zucht aufbauen. Ein teures Exemplar mag sich also durchaus als gescheites Investment entpuppen.

Denn was geschah in Holland? Da blieb die Importpflanze aus den Türkenlanden auch nach dem Crash von 1637 eine beliebte Zierde. Die Gärtner pflegten das angesammelte Know-how eifrig weiter, Generation für Generation. Und so kam es, dass die Niederlande heute noch der wichtigste Tulpenproduzent der Welt sind.