Die Reichen waren auch schon reicher

History Reloaded

Reichtum, der allen gehört: Der Rieterpark in Zürich. Foto: Roland Fischer (Wikipedia)

Schön ist es im Rieterpark, gerade im Spätherbst. Über dem Nordeingang thront das klassizistische Herrschaftshaus der Villa Wesendonck, daneben träumt ein Backstein-Schloss unter Efeuranken und Zypressen, und wer weiterspaziert durch den englischen Rasen, bekommt nach einigen Minuten einen fabelhaften Fernblick über Zürichsee und Glarner Alpen.

Gehen Sie nur rein, Sie können das. Die Parklandschaft gehört der Stadt Zürich, also allen. Doch vor hundert Jahren gehörte das Gelände, rund 70’000 Quadratmeter gross, der Industriellenfamilie Rieter-Bodmer: Zutritt für Unbefugte verboten. Derweil konnten die Grossfamilien der Arbeiter im Chräis Chäib froh sein, wenn es einen Abtritt in der Mietskaserne gab oder die Einraumwohnung einen Holzofen aufwies.

Die grandiose Grünanlage in Zürich-Enge lehrt, wie begrenzt das Gerede von den «Superreichen» ist, die immer reicher werden, von der Ungleichheit, die stetig weiter klafft, von den Armen, die mehr und mehr unter Druck kommen. Das hat zwar etwas, wenn man eher kurzsichtig zurückblickt, aber es übersieht, dass die Schweiz noch ganz andere Zustände erlebt hat.

Wie Ebbe und Flut

Den Blick weiten Daten, die zwei HSG-Ökonomen soeben veröffentlicht haben. Reto Föllmi und Isabel Martínez durchstöberten dazu Steuerstatistiken über Jahrzehnte zurück, und heraus kam: Sowohl bei den Einkommen wie bei den Vermögen war die Schweiz unserer Väter, Grossväter und Urgrossväter nicht besser, sprich: ausgeglichener. Die Grafiken, welche Föllmi und Martínez vorlegen, zeigen im Grunde eine Wellenbewegung: Mal ist die Ungleichheit mässiger, mal schroffer, auf Ebbe folgt Flut. So betrug der Anteil des reichsten Prozents am Gesamteinkommen in den 1970er-Jahren rund 11 Prozent, dann sackte er in den 1980ern ab auf 8,5 Prozent, dann stieg er in den 1990ern stetig an und erreichte 2008 erneut die Marke von 11 Prozent.

Ähnlich gewellt verlief die Kurve bei der Vermögensverteilung. In der Schweiz besitzt das reichste Prozent der Menschen heute zusammen etwa 40 Prozent der Werte. Dieser Anteil ist tatsächlich seit der Jahrtausendwende gestiegen, nachdem er zuvor seit den frühen 1970er-Jahren abwärts getrudelt war. Doch in der – vermeintlich heileren – Papa-Moll-Schweiz der 1950er- und 60er-Jahre hatten die Krösusse im Land zusammen noch knapp 45 Prozent aller Vermögen besessen. Und noch früher war es noch frappanter: 1913, so zeigen die Kurven von Föllmi und Martínez, hatte dem reichsten Prozent der Menschen fast die Hälfte des Gesamtvermögens in der Schweiz gehört. Zum Beispiel der ganze Rieterpark.

Wir sind nicht die USA

Für Experten sind solche Einsichten nicht weiter verblüffend. Schon vor fünf Jahren hatten Forscher der Uni Lausanne unter der Leitung von Marius Brülhart festgestellt, dass sich bei der Ungleichheit in der Schweiz im letzten Vierteljahrhundert im Grunde wenig bewegt hatte. «Die langfristige Entwicklung der Einkommensverteilung in unserem Land ist verhältnismässig stabil», schrieben sie: «Die in der jüngeren Vergangenheit für schweizerische Verhältnisse rekordhohen Ungleichheiten von 2008 lagen immer noch unter dem Niveau der frühen 70er-Jahre.» Denn die Daten besagten eben nicht nur, dass die Reichtumsschere à la longue in einem begrenzten Winkel herumruckelte, sondern auch, dass sie hierzulande tendenziell enger ist als in den meisten anderen Staaten, insbesondere den USA.

Entwicklung der Einkommensschere seit 1981 – gemessen am Gini-Koeffizienten: je höher der Wert, desto ungleicher die Gesellschaft. Quelle: Our World in Data | Oxford University

Dasselbe untermauern jetzt, fünf Jahre später, Reto Föllmi und Isabel Martínez aufs Neue: «Obwohl die Einkommensungleichheit und Topeinkommen immer wieder zu regen Diskussionen rund um Verteilungsfragen geführt haben, ist die Schweiz, was die Einkommensungleichheit der breiten Bevölkerung angeht, ein Hort der Stabilität, gerade auch in internationaler Hinsicht.»

Die Heidi-Welt in unseren Köpfen

Kein Zweifel: Auch die Daten belegen erhebliche Gräben zwischen denen da oben und denen ganz unten. Aber in der allgemeinen Wahrnehmung wird daraus ein viel krasserer Gegensatz – und vor allem einer, der stetig wächst. Denn die spektakulären Milliardensummen, welche die «Bilanz»-Liste der reichsten Familien alljährlich verkündet, fegen den trägeren Eindruck jeder Statistik hinweg. Obendrein konnten sich die Reichsten in den letzten drei Jahrzehnten tatsächlich etwas stärker abheben, auch in der Schweiz, und dies wiederum färbt die politische Debatte ein: In unserem kollektiven Kurzzeitgedächtnis erinnern wir uns bestenfalls zurück über eine Generation, also über zwanzig oder dreissig Jahre, und falls sich in dieser Phase etwas eher verschlechtert hat, dann bilden wir uns ein, dass es davor besser gewesen sein muss.

So einfach ist das. Wenn also ein Politiker der Linken die immer ärgere soziale Ungleichheit anprangert, tut er eigentlich dasselbe wie ein Konservativer, der sich eine heile Heidi-Heimat zurückwünscht: Beide finden, in der Vergangenheit sei es besser gewesen, irgendwie. Beide politisieren mit viel Nostalgie.