«Des Mannes Pflicht ist es, dass er sein Weib lieb habe»

Frauen hören einer Predigt von Martin Luther zu. Teil des Wittenberger Reformationsaltars von Lucas Cranach dem Älteren (ca. 1540).

Die Reformation sei für die Stellung der Frauen ein Rückschritt gewesen, legten Mirjam Janett und Jessica Meister hier letzte Woche dar. Eine Laufbahn im Kloster sei den Frauen danach nicht mehr möglich gewesen. Durch die Abschaffung der Marienverehrung sei eine religiöse Bezugsperson für die Frauen verschwunden; geblieben sei ein strenger und unnahbarer «Herr Gott». Die Reformatoren hätten mit ihrer Idealisierung der Ehe die Frauen faktisch in ein Laufgitter gezwängt. Schliesslich hätten sie den Frauen auch eine selbstständige wirtschaftliche Tätigkeit verbaut – und sei es nur als Prostituierte.

Das alles ist nicht falsch, aber einseitig. Ein «einerseits – anderseits» wäre angemessener. Es stimmt, dass durch die Reformation die Religion ihre emotionale Seite weitgehend einbüsste – für die Frauen und die Männer und sehr im Gegensatz zum katholischen Barock. Es gab auch keine Klöster mehr. Aber gerade deswegen konnte man nun nicht mehr Mädchen in ein Kloster einsperren, was zuvor häufig geschehen war. Katharina von Zimmern, die letzte Äbtissin des Fraumünsters, war als Dreizehnjährige von ihrer Familie in dieser Abtei deponiert worden – man hatte sie wohl kaum um ihre Meinung gefragt.

Eheliches Zusammenleben versus «Hurerei»

Die häufigste Lebensform der Menschen zur Zeit der Reformation war – unterbrochen von kurzen Zeiten der Witwen- oder Witwerschaft – die Ehe. Deren Aufwertung durch die Reformatoren, besonders durch Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger mit seiner Schrift «Der christliche Eestand» von 1540 grenzte das eheliche Zusammenleben scharf ab vom ausserehelichen Geschlechtsverkehr («Hurerei»). Der eheliche Sexualverkehr war keine Sünde. Davon ausgehend wurde ein Leitbild entwickelt: Die führende Stellung in der Ehe kam dem Mann zu.

Aber dies war kein Freibrief zur Tyrannei: «Des Mannes Pflicht ist es, dass er sein Weib lieb habe.» Im Eheleben sollen gegenseitige Achtung, Gesprächsbereitschaft, Vernunft leitend sein, nicht Mutwille und Gewalt. Geschlechtsverkehr soll einvernehmlich erfolgen.

Ehegerichte für den rechten Weg

Wie nahe nun das praktizierte Eheleben in der reformierten Welt diesem Ideal kam, lässt sich pauschal wohl kaum feststellen. Immerhin gab es nun die lokalen, um den Dorfpfarrer gruppierten «Ehegerichte», welche mit einer Mischung von Strafen und Ratschlägen Ehepaare auf den «rechten Weg» zu bringen versuchten. Natürlich muten ihre Normen heute fürchterlich altbacken und moralinsauer an. Man darf aber doch vermuten, dass das Leitbild der Reformatoren in erster Linie dem schwächeren Teil in der Ehe genützt hat: den Frauen.

War aber eine Ehe nicht mehr zu retten, so gab es nun den Weg der Scheidung und auch der Wiederverheiratung – im Gegensatz zur katholischen Welt. Mit der Abschaffung des Zölibats wurden zudem aus den Konkubinen der Priester bürgerliche Pfarrfrauen und deren Kinder ehelich. Die Schliessung der Bordelle verringerte die Wahrscheinlichkeit, dass eine Ehefrau von ihrem ungetreuen Gatten mit der damals grassierenden Syphilis angesteckt wurde.

Die verheiratete Frau behielt ihren Namen und ihr Vermögen

An der rechtlichen und wirtschaftlichen Stellung der Frau hat die Reformation im Wesentlichen nichts geändert. In Zürich blieb die Zunftordnung massgebend, welche den Frauen beschränkte wirtschaftliche Aktionsmöglichkeiten bot. Frauenzünfte hat es in Zürich nie gegeben. Die verheiratete Frau behielt ihren ursprünglichen Nachnamen und ihr Vermögen, das aber von ihrem Gatten verwaltet wurde. Die Witwe konnte den Betrieb ihres verstorbenen Mannes weiterführen und auch testamentarische Anordnungen treffen.

Langfristig wichtiger war aber, dass es in der Folge in den reformierten Gebieten der Schweiz – im Unterschied zu den katholischen ­ – zu einem wirtschaftlichen Aufschwung kam. Von diesem profitierten, je nach sozialer Stellung in unterschiedlichem Mass, auch die Frauen.

Manche Einschränkungen der weiblichen Spielräume, die dann zur Forderung nach weiblicher Emanzipation führten, gehen nicht auf die Reformation, sondern auf die Französische Revolution und den in ihrem Gefolge geschaffenen «Code civil» zurück. Hatten die reformierten Ehegerichte noch den jungen Mann, der seine Freundin geschwängert hatte, angehalten, diese zu heiraten, so hiess es nun: «La recherche de la paternité est interdite.»

Natürlich kann man an die Reformatoren den Massstab unserer heute gültigen Normen und Anschauungen legen und sie dafür tadeln, dass sie sich nicht für die Gleichberechtigung der Frau, sexuelle Toleranz, Geburtenregelung oder die Ehe zwischen Homosexuellen eingesetzt hätten. Das fördert vielleicht unsere Selbstgerechtigkeit, kaum aber unser geschichtliches Verständnis.