Mata Hari: Das tödliche Spektakel

History Reloaded

Begehrt auf allen Seiten: Margaretha Geertruida Zelle alias Mata Hari. Foto: Keystone

Die Frau muss aus allen Wolken gefallen sein an diesem Februartag, 100 Jahre ist es her: Nach kurzem Klopfen stürmen Gendarmen in ihr Zimmer im Hotel Elysée Palace. Von den Champs-Elysées wird sie direkt zum Staatsanwalt geführt, der ihr eröffnet, dass sie des Hochverrats angeklagt sei. Draussen herrscht Krieg, pro Tag sterben etwa 5000 Männer auf Europas Schlachtfeldern, fast noch mal so viele Zivilisten kommen um. Mata Hari habe, so der Ankläger in seinem Büro, für die Deutschen spioniert.

Paris, 13. Februar 1917. Spionageprozesse gehören zu den sensationellsten Rechtsfällen einer Gesellschaft – die Franzosen selber hatten es wenige Jahre zuvor beim Fall Dreyfus erlebt. Aber was an diesem Tag beginnt, wird die Fantasie ganz Europas speziell anregen. Mata Hari, geboren 1876 mit dem kreuzbraven holländischen Namen Margaretha Geertruida Zelle, war auf dem ganzen Kontinent bekannt geworden als Tänzerin. Sie hatte eine mysteriöse asiatische Herkunft behauptet und sich auf eine Art ausgezogen, dass man sich beim Zuschauen zeigen durfte.

Mata Hari machte Erotik salonfähig. Foto: Keystone

Frivol im Tarngewand

Damit füllte sie die Theatersäle von Madrid bis Berlin. Sie war eine internationale Prominente, weil sie es schaffte, im orientalischen Tarngewand frivol zu sein und so die feine Gesellschaft genüsslich zusammenzubringen.

Wäre sie nicht als tragische Spionin unsterblich geworden, vielleicht wäre Mata Hari trotzdem im Gedächtnis geblieben – als Frau, die den kunstvollen Striptease akzeptabel machte.

Und die soll Staatsgeheimnisse verraten haben?

Es war, wie wenn Beyoncé heute vor ein Militärgericht geschleppt würde, weil sie den Islamisten Atomgeheimnisse verraten habe: Würden wir es glauben?

Oder würden wir sofort denken, dass da etwas faul ist?

Unschuldig? Naiv? Opfer?

Eben erst veröffentlichte Paulo Coelho, der Populärautor, einen Bestseller über Mata Haris Schicksal. Dessen Kernaussage: Sie wurde verhaftet, verurteilt, hingerichtet, weil sie eine unabhängige Frau sein wollte. Die Unschuldsthesen zogen sich durch all die vielen Filme und Bücher, die in den letzten hundert Jahren über Mata Hari erschienen sind: Sie war ein symbolisches Opfer. Sie war naiv. Sie wurde aus Eifersucht verraten. Sie wurde zur Ablenkung hingerichtet – ein tödliches Spektakel.

Inzwischen sind die meisten Grundzüge des Justizfalles bekannt, dies auch, weil ab den 1990ern weitere Dokumente aus britischen Archiven herauskamen; und man darf sagen, dass Mata Hari wohl wirklich nicht die Hoch- und Spitzenverräterin war, als die sie die Franzosen dann erschossen.

Das Leben der Holländerin liefert Stoff für zahlreiche Bücher und Filme. Foto: Keystone

Sie schlief über die Fronten hinweg

Ihr Fehler: Sie hatte zwischen den Fronten gelebt. Sogar nach Ausbruch des Weltkriegs 1914 reiste sie hin und her über die Grenzen der verfeindeten Staaten. Und dabei landeten hochrangige Deutsche ebenso in ihrem Bett wie hochrangige Franzosen, Briten oder Russen.

Die Deutschen, so viel ist nachweisbar, versuchten die kontaktstarke Tänzerin 1915 in Den Haag als Informantin anzuwerben. Mata Hari nahm Geld dafür, aber informierte zugleich die Franzosen über die Avancen der boches. Doch auch hier wünschte sie Geld für weitere Informationen von der Gegenseite.

Dann, bei einem Aufenthalt in Madrid, erfuhr sie vom dortigen Konsul ein paar Details über irgendwelche Munitionslieferungen und leitete sie den Franzosen weiter. Die Deutschen wiederum dürften davon Wind bekommen haben. Sie versandten ihrerseits Telegramme, laut denen Agentin «H21» diese und jene Informationen geliefert habe. Die Mitteilungen waren auffällig schlecht chiffriert – was bis heute die Vermutung nährt, dass die Deutschen Mata Hari als Doppelagentin erkannt hatten und sie nun ihren eigenen Leuten ans Messer lieferten. Als Rache, weil sie von ihr geschröpft worden waren.

Verdrehungen wie im Agentenroman

Es ist ein Fall mit Verdrehungen, wie sie zur Agentenliteratur gehören. So ging er auch weiter. Als Mata Hari im Juli 1917 vor dem Militärgericht stand, tobte der schrecklichste Krieg, den die Menschheit je veranstaltet hatte. Es gibt bis heute Vermutungen, dass das französische Kriegsministerium, die Anklage und das Militärgericht das bisschen Material, das vorlag, zum grossen Spionageplot aufbauschten. Um eigenes Versagen zu vertuschen. Um abzulenken von den Niederlagen an der Front. Die Zeitungen wussten plötzlich zu vermelden, dass die Holländerin die Deutschen über die neue Superwaffe der Alliierten informiert hatte – die Panzer.

Die Angeklagte wies jegliche Schuld zurück, bis zum Schluss. Doch mehr noch als in anderen Justizfällen geht es in Spionageprozessen um das ob, nicht um das wie viel. Wer verrät, ist Verräter. Und seine Bekämpfung ist eine besonders hehre Aufgabe staatlicher Wachsamkeit. In dieser symbolischen Aufführung kann man kaum je auf ein rationales Urteil hoffen.

Nach zwei Tagen fällte das Kriegsgericht sein Urteil: schuldig in acht Punkten.

Mata Hari vor dem französischen Erschiessungskommando im Oktober 1917. Foto: Keystone

Am Morgen des 15. Oktober bringt man Margaretha Zelle alias Mata Hari in Vincennes vor das Exekutionskommando. Es ist 6 Uhr 45. «Ihr Auftreten zwischen den beiden sie begleitenden Nonnen war von unglaublichem Stolz und, fast möchte ich sagen, ein wenig theatralisch. Sie umarmte ihren Verteidiger und schickte, während sie das Truppenkarree durchschritt, viele Abschiedskusshände in die Richtung, wo zahlreiche offizielle Persönlichkeiten standen»: So berichtet es der befehlshabende Offizier.

«Im Augenblick, wo ich meinen Degen hob, um Feuer zu kommandieren, sah sie mir fest ins Auge und sagte: – Ich danke Ihnen, Monsieur.»

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