Vom Bordell zur Frauenbadi

Ein Mann lehrt eine Frau Schwimmen: Gravierte Postkarte Foto: Archive Photos, Getty Images

Schwimmen ist nicht nur ein Sport. Es ist nicht nur ein Freizeitspass und nicht nur eine Überlebenstechnik. Das spüren wir, wenn wieder mal ein Fundamentalist seiner Tochter den Schwimmunterricht verbieten will. Der Sprung ins Wasser wirkt da offenbar moralisch zweifelhaft und kulturell getränkt.

Aber auch unsere lockere «Pack die Badehose ein»-Einstellung ist, historisch gesehen, eine sehr junge Sache. Dies können wir jetzt in einem neuen Buch über die Weltgeschichte des Schwimmens nachverfolgen, verfasst von Eric Chaline. Der englische Kulturhistoriker bemerkt dabei eine eigenartige Spannung: Der Mensch wird enorm stark angezogen vom Wasser, er springt fast natürlich hinein; kein anderes Landtier neigt so stark zum Schwumm, wenige sind sogar körperlich so gut angepasst dafür. Doch gleichzeitig hat sich der Mensch immer wieder vom Wasser abgewendet, hat es gefürchtet, verflucht und verteufelt.

Die Ängste der Wüstenreligionen

Sein Verhältnis zum Schwimmen spiegelt sein Verhältnis zum Körper. Die alten Griechen und Römer lebten zum Meer hin, sie bauten ihre Reiche über das Wasser, sie entwickelten auch eine prachtvolle Bade- und Thermenkultur. Und gleichzeitig stellten die antiken Mittelmeerreiche ganz selbstverständlich nackte Menschen aus, auf ihren Vasen, Mosaiken oder Statuen, ob Mann oder Frau.

Andere Völker indes lebten ins Landesinnere hinein – mit Folgen. So befrachteten die Wüstenreligionen, ob Judentum, Christentum oder später der Islam, den Körper genauso eifernd mit sittlichen Zwängen wie das Baden in der Natur oder den Schwimmsport.

Nackt und fröhlich: Griechisches Fresko in Paestum, Süditalien, ca. 470 vor Christus (Bild: Michael Johanning, Wikimedia Commons)

Zu Jesu Zeiten sprang der Mensch in Europa noch ganz natürlich ins Wasser. Die Römer stellten ganze Paläste für Volksbäder hin, sogar in garstigen Gegenden wie Belgien (Aquae Spadanae, Spa), England (Aquae Sulis, Bath) oder der Schweiz (Aquae Helveticae, Baden).

Mit dem Christentum folgten dann aber Jahrhunderte voller Tabus. Bäder dienten bestenfalls einer kurzen Reinigung und waren sonst – passend zum religiösen Image – verkappte Bordelle. Erst 1587 erschien in England ein Buch, das sich wieder ernsthaft dem Schwimmen widmete und das nasse Treiben sogar empfahl: Der Autor, ein Dozent von Cambridge, hatte erkannt, dass einfach zu viele Menschen in irgendwelchen Flüssen ersoffen: Dagegen müsste man doch etwas tun.

Warum ist der Swimmingpool rechteckig?

Das klang vernünftig. Aber eben: Erst rund 200 Jahre danach begannen die Europäer, das Schwimmen neu zu schätzen – dank der Aufklärung. Die räumte den Weg frei für die Einsicht, dass der Wassersport gut sei für die Gesundheit, obendrein praktisch oder lebensrettend. Logik verdrängte Religion und damit nicht nur die Pfaffenmoral, sondern auch viel Aberglauben. Schliesslich hatten in den Jahrhunderten zuvor stets allerlei Geister, Meerjungfrauen, Wasserschlangen und sonstiges Unterweltgesindel den Menschen davon abgehalten, seine Zehen vorwitzig ins Wasser zu strecken.

Nun jedoch wurde es in den Armeen üblich, dass die Soldaten zum Training ins Wasser gingen – ein wichtiger Schritt, damit das Schwimmen wieder Volkssport werden konnte. Europas erste Swimmingpools seit dem Untergang von Rom entstanden im 19. Jahrhundert, und zwar entstanden sie in den Kasernen. Eric Chaline sichtet hier ein Traditionsdetail, das bis in unsere Welt nachwirkt: Warum sind die Swimmingpools fast immer rechteckig? Weil sie zuerst einmal ein militärisches Ding waren, also der kantigen Ästhetik von Kasernenhöfen und Paradierfeldern folgten.

Lob der Frauenbadi

Wenig später setzte sich obendrein die allgemeinere Einsicht durch, dass der Sprung ins Wasser gut für die Hygiene der Industriearbeiter sei, und so stand der Schwumm plötzlich nicht mehr für Suhl und Sünde, sondern für Gesundheit und Fitness. Ab den 1870ern breiteten sich wieder Volksbäder aus in Europa (wobei Eric Chaline die 1888 eröffnete Zürcher Frauenbadi speziell würdigt: Sie ist eines der ganz wenigen Flussbäder, welche die Zeit überstanden haben und heute noch genutzt werden).

Wir sehen: Die Geschichte des Schwimmens ist auch eine Geschichte der Emanzipation, die zuletzt immer breitere Menschenmassen erfasste: Heute lockt sie jeden Sommer Abermillionen an die Strände, ganz natürlich. Im Wasser, so zeigt sich wieder einmal, kriegt man auch einen freien Kopf.

11 Kommentare zu «Vom Bordell zur Frauenbadi»

  • zweistein sagt:

    Ralph Pöhner: „Wasser, Schwimmen, ähhh Emanzipation. Danke für den Applaus.“

  • Schneider, Dorothe sagt:

    Das erste seriöse Buch zum Thema schwimmen ist von Nikolaus Wynmann, Colymbetes, sive de arte natandi (oder deutsch:) Der Schwimmer oder die Schwimmkunst, 1538

  • C.Corno sagt:

    Wie schön haben es die Fische und andere WasserbewohnerInnen, die müssen keine Burka tragen und haben keine Probleme mit Unterdrückung und Emanzipation.

  • Peter Müller sagt:

    Eine Frauenbadi ist heute gesetzlich nicht mehr haltbar, denn jemand wegen seines Geschlechtes auszuschliessen, geht ja gar nicht 😉

    • Mona sagt:

      Gehen Sie nach Zürich in die Männerbadi. Es gibt auch einige Badis, die in gewissen Bereiche nur Männer und in anderen nur Frauen zulassen.

      • Alberto La Rocca sagt:

        Das ändert nichts daran, dass eine Abteilung der Stadtverwaltung Geschlechterdiskriminierung betreibt, am besten aufzeigbar am Oberen Letten, wo auf Betreiben einer in Kairo lebenden „Künstlerin“ (die geben sich doch gerne „progressiv“ und“emanzipiert“) arabische Verhältnisse eingeführt wurde, zumindest halbwegs: Frauen trifft man selbst in der ehemaligen Männergarderobe …

  • Bebbi Fässler sagt:

    Zu jedem stehenden, römischen Lager einer römischen Legion gehörte ein ordentliches Bad. Besonders am Rhein während des kalten Winters.
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    Wein gehörte auch dazu, Gesang ebenfalls und nette Abwechslung ebenso.
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    Leider ist unklar, ob die römische Legionsbadehose vom Legionär auch bezahlt werden musste! Die Ausrüstung musste der römische Legionär in 20 – 25 Jahren abzahlen und abdienen. Das ein Schild, der Gladius, ein Helm nützlich war, dem widersprach kein Legionär.
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    Aber für die Legionsbadehose bezahlen? Nein da hörte der Spass auf. Die Sesterzen waren ein einem Krug Falerner besser investiert.
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    Es gab Kelten oder Germanen, die verzichteten bei Schlachten ganz auf Kleidung. Zum Glück waren Frauen in der Legion nicht zugelassen, aus gutem Grund!

  • Michael sagt:

    Was ist den das jetzt für eine Überschrift ? Da denkt doch jeder gleich, boh, das Frauenbadi war mal ein Bordell ????? War das im Sinne des Author ? Man liesst darauf den ganzen Artikel durch in der Hoffnung, seine Vermutung bestätigt zu bekommen und wird zutiefst enttäuscht: das zürcher Frauenbadi war nie ein Bordell…..

    • Alfred Frei sagt:

      also hat’s gewirkt. sonst hätten sie den Artikel wohl gar nicht gelesen.

    • Chris Fogg sagt:

      Ging mir auch so. Wollte nur wissen ob die Frauen in die Frauenbad ins Bordell gingen oder nicht.

      • Egon Egici sagt:

        Zürcher Badeanstalten wurden anfangs des 20. Jahrhunderts sehr wohl zur „Unzucht“ (wie das damals hiess) benutzt. Das ging einfach in gemischten Bädern, in denen es private Kabinen gab merklich einfacher als in der Frauenbadi (in der ein Mann ja tendenziell auch doch eher auffallen würde).

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