Die Burka – eine sehr europäische Geschichte

Sarajevo_Burka_1941

In europäischer Eleganz: Zajneba Hardaga (r), Rivka Kavilio mit Kindern und einer Schwägerin.

Klar, dieses Bild hat wenig zu tun mit uns. Aber auch klar, weshalb wir trotzdem innehalten: Mit ihren Kopfbedeckungen erinnern zwei dieser Frauen an die Gespenster, welche man uns so gern an die Wand malt.

Ort der Aufnahme ist Sarajevo, Bosnien, 1941. Es gibt Deutungen, wonach die Frau ganz rechts – sie heisst Zajneba Hardaga – ihren Schleier dazu benützt, den gelben Stern der Frau in der Mitte abzudecken. Aber so genau lässt sich das nicht mehr erhärten. Jedenfalls sehen wir sehr gestrenge Musliminnen, die ihr Gesicht in der Öffentlichkeit verschleiern, sowie in der Mitte eine Jüdin mit ihren Kindern.

Kurz zuvor, im April 1941, sind die Deutschen in die Stadt einmarschiert.

Die Flucht geht glücklich aus

Die Verschleierten haben die Frau mit dem Hut – sie heisst Rivka Kavilio – mitsamt ihrer Familie bei sich aufgenommen. Sie verstecken Frau, Mann und Kinder in ihrer Wohnung, obwohl das neue Hauptquartier der Gestapo nur wenige Meter nebenan liegt. Und obwohl in den Strassen von Sarajevo Plakate hängen, die versprechen, dass jeder erschossen wird, der Juden versteckt.

Die Geschichte geht in diesem Fall glücklich aus: Den Untergetauchten gelingt 1942 die Flucht nach Mostar, das zu jener Zeit unter italienischer Kontrolle steht und wo Juden noch eine Chance haben. Bis Kriegsende schaffen sie es nach Palästina.

Vier Jahrzehnte später, im Januar 1984, lädt der Staat Israel die Familie Hardaga ein. In Yad Vashem, der Gedenkstätte des Holocaust, wird Zajneba als eine der «Gerechten unter den Völkern» geehrt, für ihren Mut und den Schutz, den sie den Verfolgten gewährt hat.

Jetzt ist es umgekehrt

Nochmals einige Jahre später belagern serbische Paramilitärs die Stadt Sarajevo. Das alte Ehepaar Hardaga ist ebenfalls eingekesselt, mit ihrer Tochter und ihrem Enkelkind. Und jetzt, im Winter 1993, wenden sich die Kavilios an die Verwalter von Yad Vashem: Könnt ihr etwas tun? Die Hardagas werden aus einem Keller geholt, sie werden aus der beschossenen Stadt zu einem Konvoi von jüdischen Hilfsorganisationen gebracht, über die kroatische Grenze gelotst und nach Israel weitergeleitet. Bei der Ankunft wartet eine Delegation des Staates Israel, und es wartet die Familie Kavilio.

Ein Jahr darauf entschliesst sich die Tochter, zum jüdischen Glauben überzutreten. Sie habe sich immer jüdisch gefühlt, sagt sie später einer englischen Zeitung. «Wir lebten im jüdischen Quartier von Sarajevo und unsere Nachbarn haben mich immer fasziniert. Nach meiner Vorstellung verehrten wir sowieso alle den gleichen Gott.»

Mutter Zajneba, die Frau im kohlenschwarzen Schleier, gibt ihr Einverständnis: «Rede nicht darüber, tu es.»

Das Zusammenleben wurde von aussen zerstört

Aber klar, das Bild hat wenig mit uns zu tun. Kitschig gedeutet, ist es ein Schwarzweissbild von Grosszügigkeit und belohntem Mut: Es lehrt, wie der ganz normale Anstand all die künstlichen Grenzen von Religion und Ethnien überspannen kann.

Oder wir sehen hier, dass eine farbige Stadt jahrzehntelang funktionieren kann: ernsthaft gelebte Toleranz inmitten von – man beachte den Hintergrund – zeitgemässer Eleganz. Das Zusammenleben in Sarajevo kippte nicht in innerlicher Feindschaft. Es wurde von aussen zerstört. Dass die Muslime den Juden halfen, geschah auch, weil sie im kroatischen Staat selber von Ustasa-Rechtsextremisten drangsaliert worden waren.

Vollschleier auf Europäisch?

Wir sehen auf dem Bild aber auch, dass unsere Vorstellungen von gesellschaftlichen Kategorien wohl recht schief sind – erste, zweite, nächste Generation et cetera: einmal so, immer ähnlich. Heute gilt es ja als ausgemacht, dass die Muslime aus dem Balkan eher weltoffen und unorthodox sind: Die unerhörte Vollverschleierung verbinden wir mit einem rustikalen Hindukusch-Islam, mit dem Salafismus oder mit dem Polit-Fanatismus saudischer Art. Aber als Tradition in Europa?

Jawohl, als Tradition. Problemlos finden sich zum Beispiel damalige «Wochenschau»-Filme aus Südosteuropa, wo alle Frauen in ihrer massiven Vollverschleierung ans heutige Afghanistan erinnern. Oder Schwarzweiss-Fotografien, auf die faszinierte Deutsche diese Wesen gebannt hatten.

Wie radikal etwas ist, hängt immer auch von seiner Epoche ab. 1941 hätte man die Frauen auf dem Bild kaum fundamentalistisch genannt, nicht islamistisch, sondern vielleicht traditionell. Oder: orthodox?

Und in den Jahren, die folgten, schliffen sich diese Traditionen ab. Als Zajneba Hardaga in den Achtzigerjahren geehrt wird, lässt sie das Kopftuch weg und zeigt sich mit einer frisch ondulierten Frisur.

Die Geschichte der Familie Hardaga auf der Website von Yad Vashem.