Keine Geschichte ohne Frauen

History Reloaded

Rosa Bloch nach einer Rede vor dem Zürcher Kantonsrat 1918. Foto: Sozialarchiv Zürich

Kürzlich wurden Sie hier dazu aufgerufen, unter dreissig bedeutenden «Figuren» der Schweizer Geschichte Ihre Favoriten zu küren. Wenig überraschend figurierten auf der Liste – abgesehen von drei Frauen – lediglich Männer. Das Argument des Autors und Historikers? Er mache keine Geschichte, sondern vermittle sie nur. Eine Replik von 30 Historikerinnen.

Erstens gab es in der Vergangenheit durchaus «mächtige» und «einflussreiche» Frauen. Nur galten diese in der Geschichtsschreibung für sehr lange Zeit schlicht als nicht relevant und wurden darum ignoriert. Oder kennen Sie etwa Katharina von Zimmern (1478–1547) oder Mileva Marić (1875–1948)? Nein? Die erste war die letzte Äbtissin von Zürich. Während der Reformation verzichtete sie freiwillig auf all ihre Macht und bewahrte damit die Stadt vor bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Die zweite war als Wissenschaftlerin und erste Ehefrau von Albert Einstein wohl massgeblich an dessen Theorieentwürfen beteiligt. Gewürdigt wurde sie kaum.

Es hat sich so einiges geändert

Dies führt zum zweiten Punkt: Der Ausschluss von Frauen aus der Geschichte hat auf einer weiteren Ebene Tradition. Geschichtsmächtig waren bis weit ins 20. Jahrhundert vor allem «grosse» Männer und ihre «grossen» Taten. Bekannterweise scherten sich die damaligen Herren Historiker keinen Deut um die Geschichtsmächtigkeit von Frauen; es sei denn, diese waren Familienmitglieder oder Verwandte von wichtigen Männern oder übten ausnahmsweise Rollen aus, die üblicherweise Männern vorbehalten waren. Als sich im 19. Jahrhundert die Geschichtswissenschaft an den Universitäten etablierte, waren Frauen in unserer Gesellschaft den Männern klar untergeordnet. Ihr Platz war im Haus und in der Reproduktion. Für die Historiker uninteressant.

Seither hat sich glücklicherweise so einiges geändert. Mit der Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie der Geschlechter- und Alltagsgeschichte sind die verschiedensten Bevölkerungsteile sowie Akteure und Akteurinnen in den Fokus der Forschung gerückt, sodass Historikerinnen und Historiker heute nicht nur über den weissen, reichen und erfolgreichen Mann schreiben, sondern auch über Arbeiterinnen und Arbeiter, Menschen mit Migrationshintergrund, Dienstmädchen oder sozial engagierte Bürgersfrauen. Geschichte von unten heisst das Stichwort.

Unsere Geschichte und das Werden unserer heutigen Gesellschaft sind nicht zu verstehen, ohne die Bevölkerung in ihrer Vielfalt zu berücksichtigen. Schliesslich hat kein Mann alleine die Gesellschaft von heute geschaffen.

Nehmen wir Anny Klawa-Morf, nehmen wir Rosa Bloch

Letztlich geht es darum, welche und wessen Geschichte wir uns heute erzählen wollen. Nehmen wir etwa die Arbeiterin Anny Klawa-Morf (1894–1993). Mit ihr werden die Kämpfe der Arbeiterschaft um die Jahrhundertwende sichtbar, denen wir massgeblich unsere heutigen «humanen» Arbeitsbedingungen verdanken. Wegen ihres politischen Einsatzes wurde sie immer wieder beruflich schikaniert, auch eingesperrt – und gab doch nie auf. Oder nehmen wir die Sozialdemokratin Rosa Bloch (1880–1922), die während des 1. Weltkriegs lauthals gegen Hunger und Nahrungsmittelknappheit protestierte und schliesslich die Herabsetzung des Milchpreises erzwang. Es gäbe unzählige weitere solche Beispiele.

Wer hat also die Macht zu definieren, welche Personen und Leistungen als erinnerungswürdig gelten und welche nicht?

Die Art und Weise, wie über Geschichte geschrieben wird, wer als erwähnenswert gilt und welche Interessensschwerpunkte gewählt werden, ist nicht in Stein gemeisselt, sondern von der Perspektive der Historikerin oder des Historikers abhängig. Allen Forschungen zum Trotz wird in den Medien noch immer das Narrativ des weissen, reichen und erfolgreichen Mannes aufrechterhalten und unreflektiert fortgeschrieben. Unter dem Deckmantel «objektiver» Geschichtsschreibung zu behaupten, fünfzig Prozent der Bevölkerung seien in der «Geschichte» nicht wichtig gewesen, reproduziert genau jene misogyne Haltung des 19. Jahrhunderts, die sich wie ein roter Faden durch unsere Geschichte zieht und unser Denken bis heute prägt.

Insofern ist es wenig erstaunlich, dass der imaginierte «Urvater» der Schweiz, Wilhelm Tell, Platz auf einer solchen Liste findet, nicht aber Mileva Marić oder Rosa Bloch.

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