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  • Das lockende Internet-Café.

  • Big Brother.

Internet im Keller

Wohin steigt man, wenn einem die goldene Herbstsonne zuviel wird? Genau, in einen videoüberwachten Altstadtkeller, in dem es sich prima surfen lässt.

Bern ist bekanntlich auch die Stadt der Keller. Kaschemmen, Kinos, Theater, Head-Shops, Konzertlokale: All das findet sich im Untergrund des Weltkulturerbes. Auch dabei: Ein Lokalformat, das vor sagen wir mal vierzehn Jahren noch die Zukunft versprochen hat und nun in Zeiten der Smartphones und der sogenannten «digitalen Bohème» nicht mehr gross von Bedeutung scheint – zumindest hierzulande und für Einheimische. Die Rede ist vom guten alten Internet-Café. Und so verlasse ich den Platz an der goldenen Herbstssonne und suche am Sonntagnachmittag zur besten Sendezeit das Kellerlokal Weblane direkt neben dem Einstein-Haus auf.

«12 moderne Computer mit 17″ Monitor» zählt das Café, wobei Café eigentlich irreführend ist. Denn dringend benötigter Kaffee finde ich im Selbstbedienungskeller nirgends, wohl aber einen Münzautomat, mit dem ich mir meine Zeit im WWW erkaufen kann. Mit 4 Franken 60 Rappen füttere ich diesen, und erhalte auf der Station 5 32 Minuten Zeit. Zeit genug, mir mal ein Headset umzuhängen, das wohlverputzte Kellergewölbe, die ausländischen Pflanzen («Statt Palmen könnten da auch andere Pflanzen stehen») sowie die roten Stühle zu würdigen und den hintergründig rieselnden Format-Pop einzusaugen.

Videoüberwacht von einer Webcam, funkt die in Hochzeiten fünf Personen zählende Mitsurferschaft in die Heimat, einige hacken irgendwas in die Klappertastaturen, drucken Dokumente auf dem Laserdrucker aus und beachten das Rauchverbot. Nur der Kopierer, der ist derzeit ausser Betrieb. Eine ruhige Stimmung herrscht hier vor, wäre da nicht der surrende und mit der Zeit arg strapazierende Ton der Computerstationen. Mr. Big singen derweil in Kuschelrock-Hitmanier «Oh Baby Baby, It’s a wild world», man surft reichlich ziellos weiter, der Countdown beginnt, Zeit zum Nachzahlen, doch ich entscheide mich für die Option Ausloggen, und steige hinauf in die Kramgasse.

Am Abend schalte ich mich via Webcam nochmals ein ins faszinierende Weblane: Verlassen schlummern die sichtbaren Computerstationen vor sich hin, in einem Lokalformat, das dereinst viel Nostalgie – ähnlich wie das Sprachlabor – versprühen und hoffentlich noch lange leben wird.

Benedikt Sartorius

Benedikt Sartorius lebt seit dem Transfer aus dem Oberland in Bern und hat seit einiger Zeit Frieden mit der Stadt geschlossen. Eine gewisse Neigung zum Sandstein- und Laubenallergiker ist aber immer noch spürbar.


Publiziert am 22. Oktober 2012

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