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Der wahre Tower of Berne

Für den zweiten Teil der Serie «Hinter verschlossenen Türen» besuchen wir Berns Vorzeige-Befestigungsanlage, den Blutturm. Ein Turm, der überaus gut zu dieser Stadt passt.

Etwas verschupft unter der Brücke und direkt bei der Drogenanlaufstelle an der Aare gelegen, ist der Blutturm eines der weniger geläufigen Ausflugsziele Berns. Schade eigentlich. Denn schon der Name beflügelt die Fantasie eines jeden Entdeckers. Mord, Totschlag, geheime Deals zwischen Spionen mit dunkler Sonnenbrille und hochgezogenem Mantelkragen. Schauplatz eigenartiger esoterischer Riten. Nacktwanderer. Alles scheint möglich.

Gebaut wurde der kleine Rundturm an der Aare ursprünglich als Teil der Stadtbefestigung. Heute, da der Zug nur unmerklich weiter flussabwärts über die Brücke rollt, ist dieser Lebenszweck nur mehr schwer erreichen. Wie das Schweizer Militär erweckt er somit in geringem Masse das Mitleid des Betrachters, wäre er doch nach wie vor ein williger und solider Wehrkörper, hätte ihm nicht die Geschichte auf üble Weise seine Funktion geraubt.

Kommt hinzu, dass der Blutturm seiner geringen Grösse wegen auch nicht übermässig gefährlich aussieht. Im Gegenteil, an diesem sonnigen Frühlingsmorgen liegt er romantisch zwischen blühenden Holunderbüschen und zartem Grün, Gefahr scheint vor diesem Gemäuer nicht mehr auszugehen. Dieser Eindruck bestätigt sich beim Betreten des Turms.

Im Innern des Blutturms lassen sich weder Folterinstrumente noch Gefängniszellen finden, was den Autor doch einigermassen enttäuscht. Das zweistöckige Gemäuer ist schön restauriert und gemütlich eingerichtet, im Obergeschoss wartet sogar eine Bar auf.

Die Geschichten um den Turm seien zum grössten Teil Mythen, klärt mich Turmchef Jonas Schütz auf. So sei der Blutturm höchstwahrscheinlich nie für Folterungen oder Hinrichtungen gebraucht worden und auch der Name rühre wohl von einer Verwechslung mit der Felsenburg her, dem früheren Wohnort des Berner Scharfrichters.

Einziger Beleg für aussergewöhnliche Zwecke: Ab 1806 diente der Turm als Leichenhalle des Anatomischen Instituts der Uni Bern. Damit hat sichs aber auch schon mit Gruselgeschichten, als nächste Nutzerin übernahm die heute noch für den Unterhalt zuständige Pfadi Berna die  Befestigungsanlage. Blut, Tod und andere dunkle Geschichten blieben seither aus, die ungewöhnlichste Nutzung fand sich noch im Feiern vereinzelter Parties im Obergeschoss.

Aber auch damit ist nun Schluss. Brandschutz, Lärmklagen – sogar der kleine, vergessene Turm an der Aare bekam die Härte des Gesetzes zu spüren, wurde vom vergessenen Soldat zum Spielball der Debatten über das Bernische Nachtleben. Seit etwas mehr als einem Jahr ist die Türe zum Blutturm deshalb mehrheitlich verschlossen, nur mehr ausgewählte Anlässe erhalten den Raum zur Miete.

Das Verlassen des Gemäuers beinhaltet somit eine kleine Enttäuschung. Ausser einigen Obdachlosen und vereinzelten Drogensüchtigen scheint hier seit einiger Zeit alles ziemlich ruhig. Und nicht einmal die Vergangenheit ist so aufregend wie erhofft. Weder gross noch gefährlich und sogar der Name eine Verwechslung – Bern halt.

David Streit

David Streit begibt sich auf Entdeckungsreisen in seiner Heimatstadt: Hinter den verschlossenen Türen der Bundesstadt erforscht er Winkel, die der Öffentlichkeit normalerweise verborgen bleiben.


Publiziert am 30. Mai 2014