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  • Bären im Bahnhof.

  • Hirsche stampfen durch die Stadt. Franz Hohlers Endzeitvision «Die Rückeroberung» (Zytglogge-Verlag) wurde von Karin Widmer bebildert.

  • Eine kleine Querulantin: Die Schlange nach ihrer «Anhaltung».

  • Pannen, Defekte, Brände: Der Cisalpino ist ein Pendler-Schreck. (Keystone)

  • Der Kampf Mensch gegen Tier hat meist den gleichen Sieger – bisher.
    (Bild: AP, Franka Brun)

Die Tierwelt schlägt zurück

Schlangen im Zug, Biber in Thun, freie Wildbahn im Tierpark. Gedanken zum Umgang mit der Tierwelt und zur Zukunft der Spezies Mensch.

Einmal abgesehen von den berüchtigt pannenanfälligen Cisalpino-Kompositionen («Wir bitten die Reisenden, den Ersatzzug zu benutzen») ziehen die Intercity-Züge der SBB meist unbeirrbar ihres Weges. Und so vermag auch kein – etwas ungeschickt – mitten im Grauholztunnel platzierter Metallschrank die Schienenfahrzeuge unserer nicht mehr ganz so staatlichen Bundesbahn aufzuhalten. Dazu braucht es dann schon Undinge enormeren Ausmasses: Beispielsweise ein Monster von einem Schuppenkriechtier, von einer Schlange.

Schlüpfte doch ein solches Ungeheuer von Getier am Mittwochmorgen mir nichts dir nichts aus einer Lüftungsöffnung eines im Berner Bahnhof zur Weiterfahrt nach Basel bereitstehenden Intercity-Wagons. Beim Tier handelte es sich um eine Hausschlange – 30 Zentimeter lang und völlig ungiftig. Der Zug blieb zwecks Einfangen des Tieres und der Überprüfung des Wagons in Bern – und mit ihm die 450 Menschen, die nach Basel reisen wollten.

Alle mussten sie eine halbe Stunde warten: Gestresste Pharma-Manager, die ihre Lohntüte für die während des Konkurrenzverbots geleistete «Beratertätigkeit» abholen wollten; Bundespolitiker, die eben mal ihrem Basler Medienbetrieb einen Besuch abstatten wollten; Familien, die im Basler Zoo Zerstreuung jenseits aller martialische Bärenfamilienidylle suchten.

Die Hauptstädter-Redaktion war ob der Polizeimeldung zum Vorfall angenehm belustigt, man erinnerte sich an «Snakes on a Plane». In jenem Hollywood-«Meisterwerk» muss sich der Pulp-Fiction erprobte Samuel L. Jackson in einem Flugzeug mit allerlei herrlich ekligem Geschlängel herumschlagen. Niemand in der Hauptstädter-Redaktion will den Film übrigens gesehen haben, dies sei hier angefügt.

Doch seit der Schreibende auch von in der Thuner Innenstadt hausenden Biber Kenntnis hat, ist ihm nicht mehr zum Scherzen zu Mute. Er erinnerte sich an Franz Hohlers Geschichte «Die Rückeroberung» (die ungleich dramatischer ist als das eben erwähnte Hollywood-Geblödel). Der Zürcher Schriftsteller erzählt darin, wie auf dem Nachbarsgebäude, gleich vor seinem Arbeitszimmer, Adler zu nisten beginnen – mitten in einer Schweizer Grossstadt. Und es bleibt nicht bei diesem Zwischenfall: Schon kurz darauf bevölkern Heerscharen von Wildtieren die Städte – Menschen gegenüber reagieren sie aggressiv. Die Natur schlägt zurück.

Wird dieses apokalyptische Szenario nun etwa Tatsache; sind Schlange und Biber deren erste Vorboten? Behalten letztlich also doch jene Pessimisten Recht, die ein baldiges Ende der Menschheit prophezeiten? Um vom Gegenteil nicht restlos überzeugt zu sein, genügt ein Blick in Raketenschächte, auf ansteigende Thermometersäulen oder in Richtung Mühleberg.

Beim Ende der Menschheit inmitten von filmreifen Explosionen dabei zu sein, dürfte nicht sonderlich angenehm sein. Von einem wilden Tier zerfleischt und zetrampelt zu werden, stellt sich unsereins aber nicht merklich komfortabler vor. Zumal gerade die Nutztiere nicht allzu gut auf unsere Spezies zu sprechen sein dürften. Und es gibt derer viele: Alleine in der Schweiz werden jährlich rund 55 Millionen Tiere gezüchtet, geschlachtet und verspeist.

Doch was interessieren Adler, Hirsche, Kühe und Hühner, wenn es ein Wappentier zu betrauern gilt.

Basil Weingartner

Als Basil Weingartner vor 12 Jahren nach Bern zog, erhielt er als Begrüssungsgeschenk eine Packung exquisiter Jodtabletten.


Publiziert am 4. April 2014