schliessen
  • Das Schild hängt noch, Pizzen werden aber keine mehr serviert.

  • Wo einst Pizzen gereicht worden sind, wurde nach der Schliessung das ganze Inventar verramscht.

  • Szenen einer Restaurantschliessung.

  • Hier war früher stets mit Javelwasser für Hochglanz gesorgt worden.

Nachruf auf ein Fashion-Opfer

Nach 33 Jahren muss die Pizzeria La Vigna ihre Türen für immer schliessen: Der Nachruf auf einen schrulligen Gastrobetrieb und die Vielfalt in Berns Innenstadt.

Wer abends hungrig durch die Berner Marktgasse flaniert, der wird künftig auch beim Käfigturm oder beim Zytglogge noch einen knurrenden Magen haben: Seit Anfang des Jahres ist das letzte direkt an der Marktgasse liegende Restaurant, die Pizzeria La Vigna, geschlossen. Die Vermieterschaft hatte den Vertrag mit dem Lokal nach 33 Jahren gekündigt.

Wo bisher Pizzen serviert und über die Theke verkauft wurden, wird in Zukunft Unverderbliches, wenn auch nicht weniger Vergängliches feilgeboten. Für Kenner der Innenstadt – ab und zu durch die Hauptgassen zu spazieren reicht für diesen Titel völlig aus – stellt sich da einzig die Frage, ob das neue Geschäft Bern mit Mobiltelefonen oder doch mit Mode beglücken wird.

Kenner, die auf Mode getippt haben, und Liebhaber von Mode dürfen sich freuen: Bern wird noch modischer, die Marktgasse um ein Modegeschäft reicher. Das Einkaufsangebot in der Marktgasse wird dadurch weiter bereichertnigt: In Berns Innenstadt ist derzeit der Einheitslook im Trend. Enttäuschten Liebhabern von Mobiltelefonen sei derweil versichert: Zum nächsten Fachgeschäft ist es auch so nicht weit.

Javelwasser und Pizza

Als das Restaurant La Vigna 1980 seine Türen öffnete, hatten sich in Bern erst wenige Gastrobetriebe auf das Backen von italienischen, mit Tomatensauce bestrichenen und mit Mozzarella bestreuten Fladenbroten spezialisiert. In den dreiunddreissig folgenden Jahren wuchs die Konkurrenz auf dem bernischen Pizzamarkt jedoch stetig an. Dennoch nahmen weiterhin viele hungrige Bernerinnen und Berner die etwas versteckt liegende Treppe an der Marktgasse 63, die zu der im ersten Stock liegenden Pizzeria La Vigna führte, unter die Füsse.

Die Konkurrenten kauften sich Holzöfen, dekorierten das Innere ihrer Betrieb, hoben die Pizzapreise stetig an – und verschwanden meistens irgendwann wieder von der Bildfläche. In der Vigna buk man dagegen weiterhin bieder im schlichten Elektroherd: Die Pizzen ruhten dabei in einem Blech, wie es bereits die Emmentaler-Urgrossmutter für ihre Apfelwähen verwendet hatte. Das Ambiente der Vigna blieb nüchtern und funktionell – dies ein Dritteljahrhundert lang.

Die Pizza Margherita kostete zum Mitnehmen nur 10 Franken und war gleichzeitig richtig lecker – fanden die Meisten. Andere waren von den La-Vigna-Pizzen weniger angetan, auch dies soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Wem sie aber mundeten, der liess sich spätabends beim Warten auf die Pizza auch vom beissenden, ins Hirn steigenden Geruch von Javelwasser den Appetit nicht verderben und hob artig die Beine an, damit die höflich-bestimmte Cameriera den Boden unter den Füssen blitzblank reinigen konnte.

Gescheitert ist der Gastrobetrieb aber nicht an seiner Einfachheit und seiner Schrulligkeit, sondern wohl am Bestreben der Hauseigentümer, mit der Immobilie möglichst viel Ertrag zu erwirtschaften – nicht nur in Bern ein Modetrend. Die Vigna wurde so zu einem Fashion-Opfer der anderen Art.

Basil Weingartner

Als Basil Weingartner vor 12 Jahren nach Bern zog, erhielt er als Begrüssungsgeschenk eine Packung exquisiter Jodtabletten.


Publiziert am 6. Januar 2014

5 Kommentare

  1. Bernerin says:

    Ehrlich gesagt kein grosser Verlust, das Dekor war scheusslich und das Essen bestens Mittelmass.

  2. Heinz Pfister says:

    Ich war ab und zu im “Vini” und habe immer gut gegessen. Mein Liebling war immer die Pizza Funggi mit viel Knoblauch. Super! Meine Freundin fand das dann aber nicht immer lustig daheim. Ich schon 🙂

  3. madison krenger says:

    Ich war mal mit meinem Bruder dort und dem hats gar nicht geschmeckt. Darum denke ich, ist er nicht so träurig.

  4. René Desjaques says:

    Der innenstädtische Einheitsbrei macht eine Stadt austauschbar, es wird ihr ihre Einzigartigkeit genommen. Die Perlen einer Stadt werden so immer mehr in die Aussenquartiere verdrängt, der Charme einer Stadt – in diesem Fall Bern – wird vom unwissenden Besucher verkannt. Schade eigentlich…

  5. eva wüthrich says:

    Die zugegebenermassen ziemlich grässliche Innendekoration hat uns den Appetit nie verdorben. Essen stets gut, reichlich, das Preis-Leistungsverhältnis stimmte. Nun “bereichert” uns die Stadt mit einem neuen völlig unnötigen Modehaus – ätzend.

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  1. Bernerin says:

    Ehrlich gesagt kein grosser Verlust, das Dekor war scheusslich und das Essen bestens Mittelmass.

  2. Heinz Pfister says:

    Ich war ab und zu im “Vini” und habe immer gut gegessen. Mein Liebling war immer die Pizza Funggi mit viel Knoblauch. Super! Meine Freundin fand das dann aber nicht immer lustig daheim. Ich schon 🙂

  3. madison krenger says:

    Ich war mal mit meinem Bruder dort und dem hats gar nicht geschmeckt. Darum denke ich, ist er nicht so träurig.

  4. René Desjaques says:

    Der innenstädtische Einheitsbrei macht eine Stadt austauschbar, es wird ihr ihre Einzigartigkeit genommen. Die Perlen einer Stadt werden so immer mehr in die Aussenquartiere verdrängt, der Charme einer Stadt – in diesem Fall Bern – wird vom unwissenden Besucher verkannt. Schade eigentlich…

  5. eva wüthrich says:

    Die zugegebenermassen ziemlich grässliche Innendekoration hat uns den Appetit nie verdorben. Essen stets gut, reichlich, das Preis-Leistungsverhältnis stimmte. Nun “bereichert” uns die Stadt mit einem neuen völlig unnötigen Modehaus – ätzend.

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