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Da könnte ja jeder kommen

Der Stadtpräsident tut es, und wir wollen es auch: Wunschzettel verfassen zur Zukunft der Stadt. Bis Bern den institutionalisierten Bürgerdialog einführt, springt der «Hauptstädter» in die Bresche.

So ein Plätzchen im Stadtpräsidium ist doch eine feine Sache. Während das Gros der Legislaturziele 2013 bis 2016 auf bieder-herkömmliche Weise vom Gesamtgemeinderat vorgestellt wurde, machte sich Alexander Tschäppät seinen Sonderstatus zunutze und präsentierte zum Schluss seinen «persönlichen Wunschzettel». Eine Verschiebung der Kontakt- und Anlaufstelle für Drogenabhängige zugunsten eines Treffpunkts für die jüngere Jugend würde er begrüssen, aber auch ein gemeinsames S-Bahn-Netz für die Region Schweiz oder – wer wünscht sich das nicht – einen Meistertitel für YB.

Eines Stadtpräsidenten Wunschliste zum Legislaturbeginn ist natürlich von Natur aus ein zwiespältiges Vergnügen. Jeder Wunsch ist eine Aufforderung an sich selbst, eine Art Auto-Imperativ. Wir sind trotzdem neidisch. Auch wir hätten gern eine Plattform, auf der wir unsere Herzenswünsche für die Stadt deponieren könnten, als verbindliche Direktive oder unseretwegen auch nur als vagen Denkanstoss, Haupstache, wir würden erhört. Klar, wir sind Bürgerinnen und Bürger der Schweiz, wir können durchaus Einfluss nehmen, wir haben Geschichten wie die Initiative, die Petition oder das Referendum, und zu fast jedem Kreiselumbau dürfen wir in der Mitwirkung unseren Senf dazugeben. Doch diese Massnahmen sind leider arg reglementiert und alles andere als niederschwellig. Viel schöner muss es doch sein, die eigenen Wünsche formulieren zu können, ohne sich mit lästigen Machbarkeitsfragen, Kostenabwägungen und Mehrheitspotenzial herumschlagen zu müssen.

In dieser Hinsicht sind wir wahrlich schlecht bedient. Die Schweiz, das wird für viele jetzt ein Schock sein, stand sich vor lauter direkter Demokratie selbst im Weg in Sachen Bürgerdialog. Während in Deutschland Gemeinden von der Stadt Leipzig bis hin zu Niederneuchingen Bürgerwettbewerbe, Volksbrainstorming und Steuerzahlerumfragen florieren, ja sogar die Kanzlerin selbst im Rahmen einer Online-Offensive zum «Zukunftsdialog» aufrief, geht in Bern in Sachen Mitmachpolitik enttäuschend wenig. Dabei muss man gar keinen Master in Partizipation 2.0 haben, um Ideen und Vorschläge in der Bevölkerung abzuholen. Vorortsgemeindepräsident Luc Mentha etwa bietet eine Sprechstunde für Bürgerinnen und Bürger an und konfrontiert sich dort regelmässig mit Parkplatzbegehren und Spielplatzrenovationswünschen. Fürwahr vorbildlich.

Uns fehlt ein institutionalisierter Kummer- und Innovationskasten. Noch. Denn die Vorteile der Volkspartizipation liegen auf der Hand. Dem als Kundenportal getarnten Marktforschungsinstrument Migipedia gelang es mithilfe des Dialogs, bahnbrechende neue Produkte zu lancieren. Nach dem Willen des Volks wurde hier etwa die bestrickende Zahnpasta mit Mojito-Geschmack geboren. Bei der Umfrage zur Duftnote der neuen Handcrème («In welche Duftwelt soll dich die neue Sommer-Handcrème entführen?») standen lange so findige Varianten wie «Johannisbeerkuchen mit Meringue» oder «Pfirsiko» (Pfirsich-Aprikose) hoch im Kurs. Und wo der Schuh bei der deutschen Bevölkerung drückt, fand auch Bundeskanzlerin Angela Merkel in Windeseile heraus: So sollen etwa Cannabis legalisiert, Waffengesetze gelockert und Fernsehgebühren gestrichen werden. Aus mancher Menschen Sicht alles legitime Anliegen.

Wir sind sicher, dass die Bernerinnen und Berner dieser Innovationskraft in Nichts nachstehen würden. Was darfs denn sein? Mehr Damentoiletten im öffentlichen Raum? Ein 50-Meter-Becken auf der Schützenmatte? Neue Leibchen für YB? Eine engere Bepflasterung der Gassen, damit die Absätze nicht mehr derart Schaden nehmen? Frühlitauisch? Mehr Stepptanzdarbietungen im Kulturangebot? Eine Mono-Rail durch die Innenstadt gegen den Verkehrsinfarkt? Bis es die Bernerinnen und Berner ihrem Stadtoberhaupt gleichtun und Wunschzettel verfassen dürfen, könnte es noch eine Weile dauern. In der Zwischenzeit dürfen Sie ihre Ideen gerne in der Kommentarspalte des «Hauptstädters» deponieren.

Hanna Jordi

Hanna Jordi lebt in Bern seit 1985. Etwas anderes hat sich bislang nicht aufgedrängt.


Publiziert am 5. Juli 2013

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6 Kommentare

  1. Martin says:

    Entfernt die Reitschule und stellt dort etwas hin was das Auge nicht täglich quält.

  2. Matthias Stürmer says:

    Was die Autorin sich wünscht hat einen Namen: Open Government (http://de.wikipedia.org/wiki/Open_Government) und natürlich nicht Migipedia…

    Andere Städte machen schon lange vorwärts (siehe Zürich http://www.zueriwieneu.ch, Belin berlin.opendataday.de, Wien data.wien.gv.at etc.), nur Bern bleibt stehen. Kein Wunder, ist ja schon E-Government seit Jahren sträflich vernachlässigt bei uns. Politisch ist es auch ein schwieriges Thema, denn für ein seriöses Open Government Vorgehen bräuchte es halt auch etwas Finanzen. Für mehr Bürgerpartizipation ist momentan niemand bereit was auszugeben – schon gar nicht, wenn auch Macht und Auftritt verloren gehen könnte.

  3. Stefan Theiler / Dr. Folamour says:

    Das Dorf Montmatre avancierte im 19. Jahrhundert auch deswegen zum Vergnügungsviertel für PariserInnen weil man dort keine Weinsteuer kannte.
    Warum auch nicht das unabhängige Kleingewerbe in den Seitengassen der Unteren Altstadt von unnötigen Beschränkungen und Gebühren entlasten? Zum Beispiel die Nutzung des Vorplatzes (Gasse) für alle Geschäfte kostenlos erlauben.

    Oder in der Brunngasse die ehemaligen Pferdestahlungen (heute Garagen) umnutzen in Handwerkerbetriebe, Ateliers, Mini-Museen und Gastronomiebetriebe? Siehe 83-jähriger Alexander Wilds Zsa Zsa Bar und Chinese Takeaway.

    Und wüsten andere Menschen die Aussicht am Münsterplatz und die Begegnungszone Altstadt nicht mehr zu schätzen als die vor ihren Flachbildschirm sitzendenen Zahlenjongleure der Finanz- und Volkswirtschaftsdirektion?

  4. Paul Rohner says:

    Der Bericht von Hanna Jordi stinkt mir etwas stark nach billigem Wohnsuch Inserat.

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  1. Martin says:

    Entfernt die Reitschule und stellt dort etwas hin was das Auge nicht täglich quält.

  2. Matthias Stürmer says:

    Was die Autorin sich wünscht hat einen Namen: Open Government (http://de.wikipedia.org/wiki/Open_Government) und natürlich nicht Migipedia…

    Andere Städte machen schon lange vorwärts (siehe Zürich http://www.zueriwieneu.ch, Belin berlin.opendataday.de, Wien data.wien.gv.at etc.), nur Bern bleibt stehen. Kein Wunder, ist ja schon E-Government seit Jahren sträflich vernachlässigt bei uns. Politisch ist es auch ein schwieriges Thema, denn für ein seriöses Open Government Vorgehen bräuchte es halt auch etwas Finanzen. Für mehr Bürgerpartizipation ist momentan niemand bereit was auszugeben – schon gar nicht, wenn auch Macht und Auftritt verloren gehen könnte.

  3. Stefan Theiler / Dr. Folamour says:

    Das Dorf Montmatre avancierte im 19. Jahrhundert auch deswegen zum Vergnügungsviertel für PariserInnen weil man dort keine Weinsteuer kannte.
    Warum auch nicht das unabhängige Kleingewerbe in den Seitengassen der Unteren Altstadt von unnötigen Beschränkungen und Gebühren entlasten? Zum Beispiel die Nutzung des Vorplatzes (Gasse) für alle Geschäfte kostenlos erlauben.

    Oder in der Brunngasse die ehemaligen Pferdestahlungen (heute Garagen) umnutzen in Handwerkerbetriebe, Ateliers, Mini-Museen und Gastronomiebetriebe? Siehe 83-jähriger Alexander Wilds Zsa Zsa Bar und Chinese Takeaway.

    Und wüsten andere Menschen die Aussicht am Münsterplatz und die Begegnungszone Altstadt nicht mehr zu schätzen als die vor ihren Flachbildschirm sitzendenen Zahlenjongleure der Finanz- und Volkswirtschaftsdirektion?

  4. Paul Rohner says:

    Der Bericht von Hanna Jordi stinkt mir etwas stark nach billigem Wohnsuch Inserat.

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