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  • Sie ist Teil des Bärner-Meitschi-Mythos: Ursi Andress. (Bild: Keystone)

  • Doch Bern ist voller Bubenwunder. In «Silberwald»: Saladin Dellers als Waldarbeiter auf Abwegen. (Bild: zvg)

  • Berner Giele haben keine Angst, sich hässlich zu machen: Nils Althaus in «Dällebach Kari».

  • «Verdingbub»-Shooting-Star Max Hubacher.

Das Berner Bubenwunder

Warum sich die Bernerinnen nicht gegen den Bärner-Meitschi-Mythos wehren, liegt auf der Hand. Doch wieso lehnen sich die übergangenen Berner Männer nicht dagegen auf? Grund genug hätten sie.

Was wurde nicht schon alles über die Berner Frauen gesagt, gesungen, geschrieben. Respektable Journalisten haben sich zum Mythos der schönen Bernerin weit aufs Glatteis gewagt und dort waghalsige Pirouetten gedreht. Nik Hartmann vollführt im Interview mit Jaël Malli während einer Live-Sendung ungelenke Bockssprünge, und als vergangenes Jahr die amtierende Miss Bern Alina Buchschacher zur Miss Schweiz gekürt wird, verfangen sich die Medienhäuser unisono in der selben zirkulären Argumentationsschlaufe: Die Schönste ist Alina Buchschacher – Alina Buchschacher ist ein Bärner Meitschi – Bärner Meitschi sind die Schönsten.

So abgelutscht diese Litaneien auch sind, immerhin schmeicheln sie dem Ego der Bernerin. Das lässt sie sich allerdings nicht anmerken. Sie zieht es vor, sich vornehm aus der Diskussion herauszuhalten. Das ist verständlich. Denn sie weiss: Es ist ein wackliger Thron, auf dem sie sitzt, schliesslich speist sich ihr gutes Image aus einer obskuren Mischung aus Marzilimärchen, Vreneli vom Guggisberg und Ursi Andress. Sie weiss: Unternähme eines Tages jemand den aufrichtigen Versuch, den Mythos der schönen Bernerinnen wissenschaftlich zu erhärten, per Gesichtsvermessungen, BMI-Tabellen und Charmeindizes, dann würde sich der Mythos am Ende vielleicht als Lüge herausstellen. Und dann stünde sie dumm da, die Bernerin. Also lieber schweigen und wissend lächeln, wenn wieder Reden über Bärner Meitschi geschwungen werden.

Dagegen ist es viel erstaunlicher, dass sich die Berner Männer in diesem Diskurs noch nicht zu Wort gemeldet haben. Als Berner Bube muss die Leier von den fabelhaften Stadtgenossinnen doch hart am Selbstvertrauen schürfen: Was haben die, was wir nicht haben? Sind wir nicht genauso «natürlich», bewegen nicht auch wir uns mit einer «leicht hüftsteifen absichtslosen Grazie»? Sind nicht auch wir von einer «nachlässigen Schönheit»? Verfügen nicht auch wir über den «heimlichen Wahn»? (Zitate: Mingels, Guido 2007) Ihnen allen, den Übergangenen, für selbstverständlich Genommenen, Unbesungenen sei versichert: Ihr seid all das, und noch viel mehr.

Bern ist voller Bubenwunder. Ein Beispiel: Im Frühjahr 2012 versammelt sich die Schweizer Filmgilde in Luzern, um den Filmpreis zu feiern. Nominiert in der Kategorie «Bester Hauptdarsteller» sind drei junge Männer: Max Hubacher, Nils Althaus und Saladin Dellers, allesamt Berner. Ein Zufall? Wohl kaum. Natürlich ist es denkbar, dass die interkantonale Konkurrenz im direkten Vergleich abgestunken hat, oder dass es insgesamt ein schlechter Jahrgang für den Schweizer Film war. Doch selbst in diesem Fall muss man doch festhalten, dass die drei schlicht solide Arbeit abgeliefert haben. Alle drei haben sie einem Schwerenöter ein Gesicht gegeben. Haben gezeigt, wie man das Glück Kraft einer gewissen Schenkelklopferkadenz (Dällebach-Nils), eines unknickbaren Rückgrats (Verdingbub Max) oder guten Kerns (Saladin Dellers als «Silberwald»-Fast-Fascho) auf seine Seite zwingt, für eine Weile zumindest.
Und trotzdem hat damals niemand geschrien: Berner Giele, wie talentiert sie sind! Sie haben keine Angst, Emotionen zu zeigen! Sich selbst hässlich zu machen! Per künstlicher Lippenspalte! Per Kahlrasur!

Nein. Weil sich keine gängige Kategorie bot.

Deshalb hier der Vorschlag: Auch die Berner Männer sollen ihren Thron haben, den Berner-Bubenwunder-Thron, eine All-Metapher, immer arg an der Grenze zur Überstrapaziertheit, die sich sofort anbietet, sobald wieder ein Berner Mann Tolles geleistet hat, sich gegenüber Mitmenschen tadellos verhalten, der Bartmode individuell Rechnung getragen, die Maturaprüfung bestanden, DSDS gewonnen, eine saubere Platte veröffentlicht, die Pasta al dente hingekriegt hat. Der Berner Mann hat seinen eigenen Mythos verdient. Es sei denn, er ist durchaus zufrieden mit seiner Rolle als Gefährte der sagenumwobenen Bernerin.

Hanna Jordi

Hanna Jordi lebt in Bern seit 1985. Etwas anderes hat sich bislang nicht aufgedrängt.


Publiziert am 24. September 2012

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