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Gepflegtes Austreten

Ein Pissoir wird geadelt: Das Urinal am Zytglogge verwandelt sich kurzum in eine Filmkulisse.

Andernorts dürfte eine saftige Busse erhalten, wer gegen städtische Wahrzeichen uriniert. Nicht so in Bern. Hier kann sich selbst der feine Herr an einem von Berns Tourismusmagneten ganz legal erleichtern: Die Rede ist vom Zytglogge-Pissoir, diesem hochoffiziellen Blasenerleichterungskabäuschen. Das Zytglogge-Pissoir ist einigermassen berühmt, es gibt sogar Online-Hingehempfehlungen, es dient als politisches Vehikel für Non-Profit-Organisationen, und es hat seinen eigenen Abschnitt im Wikipedia-Eintrag über den Zytglogge.

Doch in den vergangenen Tagen dürfte sich die Kundschaft gewundert haben, weshalb der Zugang zum Urinal mit Holzverschlägen abgesperrt war.

Hatten sich Touristen über den Anblick von Herren beschwert, die beim Verlassen des Pissoirs unfein an ihrem Reissverschluss herumnestelten? Obwohl an der Wand gut sichtbar steht: «Es wird gebeten, die Kleidung im Innern der Anstalt zu ordnen»? Beklagten sich Frauenverbände über die Ungleichbehandlung in Sachen WCs im öffentlichen Raum? Tatsächlich müssen Berns Damen, wenn sie am Zytglogge der Drang überkommt, bis zur Münsterplattform gehen, um Erleichterung zu finden. Unfair, höchst unfair.

Egal wie legitim diese Anliegen auch gewesen wären, der Grund ist ein anderer. Die Erkundigung bei den Berner Stadtbauten, den stolzen Besitzern des Zytglogge-Urinals, bringt es an den Tag: Die jährliche Instandsetzungsaktion im Pissoir wurde heuer leicht vorgezogen. Denn das Pissoir muss glänzen, dem besonderen Lokus stehen grosse Ehren bevor: Am Freitag wird er zur Filmkulisse. Und zwar nicht etwa als Nebenschauplatz. Nein, er darf einen der Protagonisten spielen in einem Beitrag über «Stille Örtchen» von «NZZ Format».

Ob es auch Kundenbefragungen geben wird, oder gar einen launigen Einstieg mit versteckter Kamera, und ob die Frauenverbände die Plattform nutzen werden, um lautstark und mit Transparenten auf ihr Anliegen Aufmerksam zu machen – all das konnte leider nicht in Erfahrung gebracht werden. Nur eins ist sicher: Das Zytglogge-Pissoir wird sich von seiner besten Seite zeigen. Schliesslich war es jetzt ausgiebig in der Maske.

Hanna Jordi

Hanna Jordi lebt in Bern seit 1985. Etwas anderes hat sich bislang nicht aufgedrängt.


Publiziert am 26. April 2013

4 Kommentare

  1. Philipp Ritterschifferschaffermann says:

    das sieht lustig aus. aber wo schifft man da rein – in das runde, frontseitige loch?

    • Hanna Jordi says:

      Das sollte man sich vermutlich nicht wagen. Nein, im unverbarrikadierten Zustand verschwinden die Männer hinter dem Sichtschutz. Dort gibt es dann, so habe ich mir erzählen lassen, Emaille-Schüsseln.

  2. irene feldmann says:

    hier ists, the special TREAT for men………….hihihi……..noch ein bisschen geduld und ihr könnt erleichtert sein……………..

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  1. Philipp Ritterschifferschaffermann says:

    das sieht lustig aus. aber wo schifft man da rein – in das runde, frontseitige loch?

    • Hanna Jordi says:

      Das sollte man sich vermutlich nicht wagen. Nein, im unverbarrikadierten Zustand verschwinden die Männer hinter dem Sichtschutz. Dort gibt es dann, so habe ich mir erzählen lassen, Emaille-Schüsseln.

  2. irene feldmann says:

    hier ists, the special TREAT for men………….hihihi……..noch ein bisschen geduld und ihr könnt erleichtert sein……………..

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