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  • Der harte Kern der Baustellenfans war schon vor Ort, bevor die ersten Highlights starteten.

  • Pures Spektakel: Maschine gegen Pflasterstein.

  • Echte Fans kennen sie auswendig: Die Baustellenkarte.

  • Werbeplakat für Baustellentouristen.

  • Muss man gesehen haben: Loch im Boden.

  • Was wird wohl als nächstes passieren: Baustellenfan beobachtet das Geschehen.

  • Dinge, die man gesehen haben muss: Eiffelturm, Chinesische Mauer, Niagarafälle und diese Baustelle.

  • Heiss begehrt: Stehplätze für die Marktgasse-Baustelle.

  • Das ist bestimmt eine sehr vorzügliche Schaufel. Man sollte sie mindestens einen Vormittag lang betrachten.

  • Von dieser Brücke aus hat man bestimmt noch einen viel besseren Blick auf die Baustelle.

Die Baustelle und die alten Männer

Die Altstadt ist von nun an Altherren-Gebiet: Die Absperrgitter der Grossbaustelle in der Marktgasse dürften bald von Rentnern belagert werden.

Sie wird kommen. Vielleicht etwas langsam und schlurfend. Aber sie wird kommen – die alte Garde der Baustellenfreunde. Primäres Erkennungsmerkmal: Sie befindet sich immer in der Nähe von Baggern oder zumindest eines Presslufthammers. Die Hände auf dem Rücken verschränkt, Zigarren- oder Pfeifenrauch ausstossend und mit hochkonzentriertem Blick steht sie an Baustellenränder. Sie sind männlich, alt und sind gekommen um zu bleiben: die Baustellen-Beobachter. Natürlich hat das Wort unter ihnen bereits die Runde gemacht – in Bern gibt es jetzt gut etwas zu glotzen.

Die Baustellen-Begeisterung ist schwer nachzuvollziehen. Baustellen nerven. Besonders an solchen Lagen wie der Marktgasse. Baustellen sind laut und hässlich. Was finden diese Herren nur daran? Ist es eine Art masochistischer Voyeurismus? Teilen sie mit den YB-Fans den Spass am Leiden aus Leidenschaft?

Wir werden es wohl nie erfahren. Denn die Baustellen-Beobachter nach ihren Absichten zu fragen, wäre sehr zeitraubend und töricht. Denn egal auf welche Frage, sie werden ihre Antwort mit einer langatmigen Beschreibung eröffnen, wie der Ort der Baustelle vor 60 Jahren ausgesehen hat. Danach folgt in der Regel eine sehr detailreiche Chronologie ihres Lebens und der Leben der näheren Verwandtschaft. Natürlich versteht man davon kein Wort, weil der Bagger nebenan ordentlich Radau macht.

Baustellen ohne alte Männer sind etwa so rar wie etwa künftig der Platz in der Marktgasse. Es ist davon auszugehen, dass um die wenigen Freiräume, möglichst in der Nähe der Absperrgitter, hart gekämpft wird. Denn Plätze in der ersten Reihe sind unter Baustellen-Beobachter begehrt. Vereinzelte Spazierstock-Fechtereien sind nicht auszuschliessen. Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis die Polizei mit dem Verfassen des Baustellen-Konkordats beginnt und die Stadt eine Ausgangssperre für Alte prüft.

Sie finden Baustellen-Beobachter dennoch nicht weiter schlimm? Stellen Sie sich eine ganz normale Situation an Ihrem Arbeitsplatz vor. Etwas ganz Alltägliches. Und jetzt stellen Sie sich vor, dass Sie dabei von einer Horde alten Männern dabei inspiziert werden. Macht Sie das nervös? Finden Sie das sogar etwas unheimlich? Es gibt wohl eine beträchtliche Zahl von Bauarbeiter, die an der Grenze zur Paranoia leben.

Martin Erdmann

Martin Erdmann


Publiziert am 8. April 2013