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Immer diese Moralapostel

Da will man sich gemütlich die Bundeshaus-Lichtshow anschauen, aber alles, was man gezeigt bekommt, ist der Mahnfinger.

Gut möglich, dass Aline Trede im Publikum war, das sich gegen 20.30 Uhr auf dem dunklen Bundeshausplatz versammelt hatte. Schliesslich hat sie nun ja genügend Zeit, um sich das Parlamentsgebäude von aussen anzusehen.

So, nach diesem durchaus gelungenen Einstieg in diesen Text wollen wir uns jetzt aber um das Wesentliche kümmern – die Lichtshow. Den hartnäckigen Lesern unter Ihnen werden die Kritiken aus den Vorjahren noch in bester Erinnerung sein. 2012 fanden wir alles etwas kitschig, 2013 waren wir von der Story überfordert, 2014 boykottierten wir. 2015 war etwas versöhnlich, aber auch irgendwie doof. Gehen wir etwas genauer darauf ein.

So eine Lichtshow ist ein Anlass für die ganze Familie. Den Kindern tropft vor Faszination der Sabber aus den offenen Mäulern, die Eltern sind froh, dass die Kinder für einmal Ruhe geben und die Eltern der Eltern freuen sich, dass es eine Freizeitattraktion gibt, die ihrem Hör- und Sehvermögen entgegenkommt. Es beginnt dramatisch. Noch bevor die ersten kindlichen Speichelfäden ihren Weg zum Boden finden, scheint sich die Fassade des Bundeshauses zu dehnen. Langsam drücken sich gewaltige Lavamassen durch das Gestein. Das sieht in etwa so aus, als würde das Bundeshaus gerade Mordor gebären. Schliesslich schlüpft jedoch nicht das beliebte Reiseziel aus J.R.R. Tolkins Fantasie, sondern ein veritabler Kometenhagel. Dieser prasselte dann auf das Bundeshaus nieder und richtete gewaltigen Schaden an. Wenn Ihnen dieses Bild bekannt vorkommt: Etwas Ähnliches schwirrte Ihnen wohl am Sonntag nach Bekanntgabe der Wahlresultate im Kopf herum.

Szenenwechsel: Wir befinden uns beim Matterhorn. Aus dessen Felsen bildet sich plötzlich eine steinerne Gestalt. Diese sieht aus wie das Liebeserzeugnis zwischen Jabba the Hutt aus «Starwars» und Pjörnrachzarck aus «Die unendliche Geschichte». Diesem Geschöpf prangt ein beachtlicher Bergkristall auf der Stirn, der ihm bald darauf von skrupellosen Bergsteigern entrissen wird, nicht ohne dabei Flora und Fauna arg zu beuteln. Der Kristall wird darauf zum neu aufgebauten Bundeshaus geschleppt, mit der Absicht, ihn dort einzubauen. Doch in der Zwischenzeit fängt der Steinklops an zu weinen, ein deftiges Gewitter zieht auf und das Bundeshaus wird erneut zertrümmert. Patrioten mit Herz bei der Sache werden sich notiert haben, dass das Bundeshaus innerhalb von wenigen Minuten bereits zum dritten Mal dem Erdboden gleichgemacht wurde. Wer hat bloss dieses Drehbuch geschrieben? Andrea Stauffacher?

Der Plot birgt leider keine Überraschungen mehr. Die Kristalldiebe kriegen kalte Beine und bringen dem Steinklops ihre Beute zurück. Dieser freut sich und schon kehren Pflanzen und Tiere an den Berg zurück. Dann sind alle voll happy. Sämtliche Töne der Farbpalette flimmern über die Fassade. Und das dermassen penetrant, dass der arme Busfahrer, dessen Schicksal es war, zeitgleich den Bundesplatz zu passieren, bis nach Elfenau wohl mehr damit beschäftigt war, seinen epileptischen Anfall unter Kontrolle zu bringen, als den Bus zu lenken. Dazu wummert eine modernisierte Version von Aretha Franklins «Respect» aus den Boxen, sodass auf dem Bundesplatz plötzlich Bacardi-Dome-Feeling herrscht. Bald ist es wieder dunkel, nur ein umweltfreundliches Darwin-Zitat klebt einsam an der Fassade. Ende.

Schon gut, wir wissen es ja. Natur ist toll und wichtig. Aber leider sind wir viel zu abgestumpft, um solch seichter Gesellschaftskritik zu erliegen. Und dann auch noch oberlehrerhaft Darwin zitieren. Da dürfte wohl selbst im Herzen des kleinsten Zuschauers der Wunsch erblüht sein, beim nächsten Berggang etwas Edelweiss zu zertreten.

Martin Erdmann

Martin Erdmann


Publiziert am 22. Oktober 2015

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