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Schnee, wir haben die Nase voll

Er meint wohl, er sei etwas Besonderes, bloss weil er vom Himmel kommt. Uns reicht es, wir haben dem Schnee einen Brief geschrieben.

Lieber Schnee,

wie tief bist du bloss gefallen? Du weisst doch ganz genau, was wir meinen! Wo warst du in der Adventszeit? Wo warst du an Weihnachten? Wahrscheinlich irgendwo in den Bergen! Uns niederes Volk scheinst du sowieso gerne zu meiden. Bei denen dort oben kommst du auf Wunsch wie aus der Kanone geschossen, uns lässt du im Regen stehen. Jetzt hast du aber doch noch den langen Weg bis zu uns hinunter auf dich genommen. Als sei nichts gewesen, liegst du uns plötzlich zu Füssen.

Meinst du, wir kennen deine Masche nicht? Du lässt uns so lange warten, bis wir dir kaum böse sein können, wenn du dann doch noch auftauchst. Wie könnten wir dir auch widerstehen? Wie gerne beobachten wir dich aus dem Fenster, wie du mit deiner leuchtenden Reinheit die ganze Stadt verzauberst. Doch der Zauber hält nicht lange an, bald zeigst du dein wahres Gesicht. Während wir uns Morgen für Morgen aus unseren Betten hieven und zur Arbeit eilen, bleibst du einfach liegen. Du fauler Sack lässt dich gehen, bekommst schwarze Ränder und gelbe Löcher. Am liebsten würden wir uns vor die Tür stürzen und dich einfach wegschieben, kriegen dann aber kalte Füsse.

Und wie du uns gegeneinander ausspielst! Tu nicht so scheinheilig, du weisst genau, wovon wir sprechen – dem Schneeball! Der klingt zwar nach einem magischen Winterfest mit Pferdekutschen vor Märchenschlössern, ist letztendlich aber nur ein einfach herzustellendes Wurfgeschoss. Wer wurde von so einem nicht schon kalt erwischt? Ja, lieber Schnee, du bist gewissermassen die Ruag der Natur.

Und was für schlimme Freunde du hast! Zum Beispiel dieses Eis, ein aalglatter Typ! Er zieht nachts um die Häuser, und wer den Fehler macht, auf ihn zu stehen, den legt er kurzerhand flach und lässt einen danach einfach liegen. Wie weh uns das tut, ist ihm egal, so kalt ist er. Dabei funktioniert er wie all die harten Jungs: Würde man ihm etwas Wärme geben, finge er sofort an zu schmelzen. Trotzdem, lieber Schnee, wie kannst du so einen Schuft bloss immer decken?

Nein, weisser Freund, solche wie dich können wir hier nicht gebrauchen. Trotzdem fallen wir jedes Jahr aufs Neue auf dich hinein. Höchste Zeit, dass die Politik aktiv wird. Wann wird die Schneefallgrenze endlich gesetzlich festgelegt?

Allen Sonnenschein der Welt wünscht dir,

dein Hauptstädter

Martin Erdmann

Martin Erdmann


Publiziert am 30. Januar 2015

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