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An alle Neider

Am Samstag hat auf dem Bundesplatz die Miss-Schweiz-Wahl stattgefunden. Wenn Sie sich darüber aufgeregt haben, sind Sie wahrscheinlich arm und hässlich.

Liebe Draussengebliebene

Es nervt! Nur weil Sie bloss dann in Kontakt mit rotem Teppich kommen, wenn Sie Ihren fürchterlichen Fusel verschüttet haben, müssen Sie doch nicht immer vor Neid aufheulen, wenn wir es uns wieder einmal gut gehen lassen. Sie machen es uns wirklich nicht leicht, einfach nur schön und reich zu sein. Sehen Sie doch bloss, wie die niedere Gesellschaft die Miss-Schweiz-Wahl zugerichtet hat! Mittlerweile will ja nicht einmal mehr das SRF live übertragen.

Da der Zeitgeist Tugenden wie Schönheit und Reichtum nicht mehr zu schätzen weiss, gelten Missen-Anlässe plötzlich als etwas trivial oder gar oberflächlich. Mon Dior, welch ein Unsinn! Aber lassen Sie uns Ihnen ein Geheimnis anvertrauen: Immer wenn unsere Glamourwelt etwas an Glanz zu verlieren droht, greifen wir zu einem simplen Mittel – wir sammeln Spenden. Am besten für etwas mit notleidenden Kindern oder so. Wer jetzt noch Kritik an unseren Veranstaltungen übt, nimmt den Tod von unschuldigen Kindern in Kauf, haha.

Bitte verkriechen Sie sich bei den künftigen Miss-Schweiz-Wahlen wieder in Ihrer Mietwohnung, um sich auf Ihrem geleasten TV-Gerät ein wenig an den Bildern unserer glamourösen Welt zu laben. Wenn Sie wollen, können Sie sich während der Gala auf dem Bundesplatz die Beine in den Bauch stehen und uns zusehen, wie wir über den roten Teppich schweben, um uns vor der Wahl bei einem geschlossenen Dinner zu stärken.

Verschonen Sie uns jetzt bloss mit dieser Öffentlicher-Raum-Debatte. Der Bundesplatz gehört jetzt uns. Get over it, Darling. Demokratie ist doch bloss für Leute, die zu wenig schön und reich sind, um ihren Willen durchzusetzen. Aber Politik ist doch eh voll unsexy. Zum Glück hat der Moderator der Missen-Show das nochmals verdeutlicht, indem er darauf aufmerksam gemacht hat, dass politische Gespräche im Swiss Dome nicht erwünscht sind.

Wieso wir uns überhaupt in Bern niedergelassen haben? Gute Frage, denn Bern ist nicht gerade für High-Society-Anlässe bekannt. Die Stadt selber muss ja sogar sparen. Und sparen ist für uns Reiche etwa so sexy, wie ohne Pelzmantel zum Pferderennen zu gehen. Dennoch amüsieren wir uns hier prächtig. Das liegt hauptsächlich an diesem Tschäppät. Er ist hier eine grosse Nummer, und wir haben ihn auch schon bei «Glanz und Gloria» und in der «Schweizer Illustrierten» gesehen. Er ist ein grosser Bewunderer der Glamourwelt, empfing uns mit offenen Armen und hat sogar extra die Marktleute vom Bundesplatz weggeschickt, damit der Swiss Dome auch Platz hat. Jetzt plärren Sie doch nicht rum, schliesslich hat Tschäppät dann an der Gala Applaus für die Marktleute gesammelt. Klassischer Move, etwa so wie für irgendwelche Kinder zu sammeln, haha.

Ach ja, und dann haben wir uns auch noch Frauen angeschaut. Aber nicht einmal das scheint man heute noch zu dürfen. Wandern Sie doch ins Kalifat aus, wenn Sie nackte Haut so daneben finden. Wir finden Frauenkörper eben dermassen gut, dass sie prämiert gehören. Also nur wenn sie schön sind. Wieso sollten wir hässliche Frauen prämieren? Die sollen ihre Zeit doch lieber für andere Sachen nutzen. Zum Beispiel Emanze werden oder studieren. Irgendwie müssen die ja später einmal zu Geld kommen. Sich, wie eine normale Frau, einen reichen Mann zu angeln, wird wohl nicht klappen, haha.

Schöne Grüsse von drinnen

Die Reichen und Schönen

Martin Erdmann

Martin Erdmann


Publiziert am 13. Oktober 2014