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Psychedelischer Kitsch im Grossformat

Das Bundeshaus präsentiert sich zu abendlicher Stunde in neuem Licht – natürlich im Namen der Kunst. Das ganze wird als «Kulturevent der Extraklasse» angepriesen. Doch führt die Lichtinstallation wirklich zur kulturellen Erleuchtung oder trügt der Schein? Eine Analyse der acht Szenen.

Bundesplatz, kurz vor 19 Uhr. Es herrscht Kinoatmosphäre. Alle warten darauf, dass das Licht ausgeht. Die Unterschiede zum Lichtspielhaus: Anstatt in weichen Sesseln zu versinken, wird hier in klirrender Kälte gestanden und die weisse Leinwand wurde durch die raue Fassade des Bundeshauses ausgewechselt. Eine Frau hat eine 3D-Brille aufgesetzt. Das ist natürlich Blödsinn. Etwas weiter hinten raucht ein junger Mann Gras. Er wird die kommenden 20 Minuten wohl ziemlich intensiv durchleben. Es wird dunkel.

Intro:

Kennen Sie diese Wolf-T-Shirts? Diese unglaublich hässlichen Paint-Brush-Dinger, auf denen Wölfe in grässlich verunstalteten Landschaften den Mond anheulen? An diese Shirts erinnert der Beginn der Lichtshow. Der Mond scheint auf der Fassade und Schneeflocken fallen. Alles viel zu schön, alles viel zu kitschig. Wölfe sind zwar keine zu sehen, zum heulen ist es trotzdem.

Innovation Uhr:

Natürlich muss dem Schweizer Uhrmachertum eine eigene Szene gewidmet werden. Was sollen sonst bloss unsere aus Asien angereisten Freunde von uns denken? Sollten sie etwa ihre Kamerastative extra auf dem Bundesplatz aufstellen, um dann nicht einmal ordentlich mit Klischees eingedeckt zu werden? Natürlich nicht! An Klischees wurde nicht gespart. Die Szene verwandelt sich von einer Uhrwerk-Ansammlung zur Kuckucksuhr und Heidi hat auch noch ihren Auftritt. Blitzlichter schiessen der Fassade entgegen.

Innovation Milchschokolade:
Jetzt wird aber richtig tief in die Klischee-Kiste gegriffen. Doch sieht man mal vom etwas einfallslosen Konzept ab, wird einem durchaus gute Unterhaltung geboten. Kitsch hin oder her, diese Lichtüberflutung knallt ganz schön auf die Netzhaut. Die riesige farbige Fläche scheint einem manchmal entgegenzukommen, einen manchmal zu verschlucken. Und da ist immer etwas los. Flüssige Schokolade steigt langsam die Fassade hoch, bis das Bundeshaus gänzlich braun ist.

Innovation Technologie am Beispiel Solarenergie:

Der Szenentitel erinnert an Schulbücher. Doch nun folgt die totale Reizüberflutung. Da öffnen sich plötzlich ganze Universen. Alles dreht sich und ist unglaublich bunt. Hippie-Ästhetik pur.

Bau des Bundeshauses:

Endlich etwas für die etwas hemdsärmligeren Zuschauer. Jetzt wird gebaut. Doch das ganze erinnert mehr an Peter Pan als an Helden der Arbeit. Kleine Wesen hüpfen herum und fügen dabei das Bundeshaus zusammen.

Nobelpreisträger:

Jetzt wird den klugen Köpfen des Landes gehuldigt. Aus Kinderportraits entwickeln sich langsam die Gesichter von Schweizer Nobelpreisträgern. Das ganze im Look einer Smarties-Werbung.

Bildende Kunst:

Plötzlich wandern Skulpturen über die Fassade und konfettiartige Lichtpunkte wirbeln herum. Karneval der Künste. Das ganze soll an die weltbekannten Schweizer Künstler des vergangenen Jahrhunderts erinnern. Was würden diese wohl dazu sagen?

Bundestanz:

Nun kommt Leben in die Bude. Wirklich! Die Mauersteine des Bundeshauses beginnen sich zu bewegen. Das ganze wird mit dem Sound von Yello untermalt. Ganz schön verwirrend.

Dann ist plötzlich alles vorbei. Der Bundesplatz ist in Schweigen gehüllt. Kommt da noch was? Abspann? Gratispunsch? Eine Ansprache der Bundespräsidentin über die Befindlichkeit des Landes? Nein. Das Bundeshaus liegt im Dunkeln. So dunkel schien es noch nie.

Martin Erdmann

Martin Erdmann


Publiziert am 2. November 2012