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Blattkritik mit der Süddeutschen

Die «Süddeutsche Zeitung» schreibt über Bern. Der Artikel weckt aber einen schrecklichen Verdacht.

Haben Sie es alle schon gelesen? Diesen Text hier, über Bern? Natürlich schon. Wenn ein «renommiertes Blatt» wie die «Süddeutsche Zeitung» gross über die «gemütlichste Hauptstadt der Welt» Bern berichtet, jubelt das Provinz-Hauptstädter-Herz – oder horcht zumindest auf. Und dann sind sie auch noch so nett mit uns, diese Deutschen aus München!

«Hippe kleine Städteschwestern» heisst die Reiseserie, welche sich die Süddeutsche ausgedacht hat. Das ist eine ganz hübsche Thematik. Aarhus statt Kopenhagen, Gent statt Brüssel und eben Bern statt Zürich.

Nun aber trotz all des Lobes der Zeitung für die «mega härzige» Stadt mit ihren «Streber-Gastgebern»: Manöverkritik muss sein. Zuerst das Positive: Die Fakten scheinen grösstenteils zu stimmen. Einstein, Goethe, Toblerone, viel kann man mit solchem Namedropping nicht falsch machen. Dazu das Unesco-Welterbe, das Zentrum Paul Klee, der Bärenpark, der Kindlifresser-Brunnen, der Rosengarten, der Zytglogge, das Münster – damit ist die Sektion «Sehenswürdigkeiten» im Berner Wikipedia-Eintrag auch schon abgehakt. Und um das Kunstmuseum und sein Gurlitt-Erbe ist man gerade als Münchner/in in den letzten Monaten auch kaum herumgekommen. Alles Dinge also, die man auch vom Münchner Schreibtisch aus hätte zusammentragen können. Dass die Süddeutsche aber wirklich mit einer Redaktorin in Bern vor Ort war, muss sie erst noch beweisen. Vielleicht mit den Gastro-Tipps?

Nun denn: Da geht es zum Essen ins Tibits, ins Schwellenmätteli, ins Fugu, ins Lötschberg oder ins Tramdepot (von dort aus habe man einen «weiten Blick über die Stadt»). Auf einen Drink geht man in die Turnhalle (geschenkt), zum Clubben ins Wohnzimmer (ebenfalls geschenkt) oder ins Düdü. Was die Korrespondentin ausgerechnet in die Cuba-Bar geführt hat, bleibt hingegen rätselhaft. Böser Gedanke: Google vielleicht? Dort findet man sicher auch das Marzili, etwas über die Eisbahn auf dem Bundesplatz und die Lauben. Auf das Apfelgold stösst man nicht nur hier ziemlich schnell (natürlich nicht zu unrecht).

Damit ist die These aber noch längst nicht entkräftet, dass die Süddeutsche die «nicht einmal zwei Stunden» Zugfahrt ab Freiburg i.B. gar nicht auf sich genommen hat. Wäre sie tatsächlich vor dem Zyglogge gestanden, hätte sie dann nicht merken müssen, dass Bern zumindest im Fernen Osten nicht derart «tief unter dem touristischen Radar fliegt»? Dass nicht nur die Mahogany Hall oder Marian’s Jazzroom, sondern auch eine ehemalige Reitschule eine nicht unerhebliche Rolle spielt in der Stadt? Oder dass die Dampfzentrale nicht nur wegen einer «netten Idee» Dampfzentrale heisst? Und dass das mit den «Hipstern» in der Matte wohl doch schon einige Jahre (30 vielleicht?) irgendwie vorbei ist?

P.S.: Fairerweise bleibt zu sagen: Im Text wird nirgends behauptet, dass die Reporterin wirklich hier war. Und auch wenn sich Freunde der gepflegten Reisereportage nicht am Text weiden können: Zumindest Bern Tourismus war sicher zufrieden.

Christian Zellweger

Christian Zellweger geht seit 2010 unter den Lauben Berns und schaut, wer auch schaut.


Publiziert am 29. September 2014

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1 Kommentar

  1. Sprossenleiterin says:

    Hm, der Hinweis auf die Autorin untermauert diese Vermutung ja geradezu:

    “Sarah K. Schmidt, Jahrgang 1985, … Bei Süddeutsche.de ist Sarah vor allem am Newsdesk … zu finden. Einmal die Woche reist sie um die Welt, meist allerdings vom Schreibtisch des Reiseressorts aus….”

    Schade, Bürostuhl-Touristin, also. Aber gut, “wer ohne Sünde sei, werfe den ersten Stein”, oder so…

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  1. Sprossenleiterin says:

    Hm, der Hinweis auf die Autorin untermauert diese Vermutung ja geradezu:

    “Sarah K. Schmidt, Jahrgang 1985, … Bei Süddeutsche.de ist Sarah vor allem am Newsdesk … zu finden. Einmal die Woche reist sie um die Welt, meist allerdings vom Schreibtisch des Reiseressorts aus….”

    Schade, Bürostuhl-Touristin, also. Aber gut, “wer ohne Sünde sei, werfe den ersten Stein”, oder so…

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