So investieren Sie jetzt richtig

Wer in der Corona-Krise investiert, braucht Diversifikation und Anlagehorizont. Unser Geldberater erklärt, was Corona mit den Märkten macht.

Guter Zeitpunkt oder zu früh? Da der Verlauf der Corona-Krise unberechenbar ist, sollte gestaffelt investiert werden. Foto: Getty Images

Ich möchte 100’000 Franken sowie rund 300’000 Euro oder Dollar selbst in Aktien anlegen. Meine Strategie dabei: nur sehr langfristig. Vor 2030 oder 2035 brauchen wir dieses Kapital nicht. Es ist egal, welche Kapriolen die Papiere zwischendurch machen. Konkret denke ich an Geberit oder Stadler für die Schweiz, für je 20’000 Dollar Alteryx, Nuance, Cognex, Corning oder Skyworks Solutions in den USA sowie noch irgendwas Vernünftiges in Euro. Da habe ich noch keine Idee ausser Lufthansa. Wie sehen Sie das? F.S.

Dass Sie eine langfristige Strategie verfolgen und sich für Ihre geplanten Aktienengagements bewusst einen langen Anlagehorizont von zehn oder mehr Jahren setzen, ist gut und realistisch.

Auch ist es positiv, dass Sie sich mental bereits darauf einstellen, dass Ihre Aktien zwischendurch Kapriolen schlagen, wie Sie es bildhaft ausdrücken. Das wird mit hoher Sicherheit der Fall sein. Nicht nur jetzt, auch in Zukunft muss man sich an den Finanzmärkten auf hohe Turbulenzen einstellen.

Zunächst geht es darum, dass wir die Krise bewältigen und die Unternehmen überleben und wieder Gewinne erreichen können. Doch auch nach der Krise wird die Wirtschaft nicht einfach weitergehen wie vorher. Die Krisenbewältigung dürfte uns wohl noch Jahre beschäftigen.

Dazu kommt, dass die Notenbanken nun gigantische Summen ins Finanzsystem pumpen. Schon jetzt ist klar, dass dies später auch unangenehme Nebenwirkungen haben dürfte. Auch steigen die Schuldenberge wegen der Krise weltweit an. Das wird uns irgendwann noch einige Sorgen bereiten.

Derzeit sind die Kurse tief und bieten meines Erachtens durchaus Einstiegschancen.

Aber wie Sie schreiben, brauchen Sie das Geld, das Sie investieren möchten, lange Zeit nicht und können mit Kursschwankungen gut leben. Damit ist eine wichtige Voraussetzung für Aktienanlagen grundsätzlich gegeben.

Grosse Bedenken habe ich bei Ihren Vorhaben allerdings punkto Diversifikation. Die von Ihnen erwähnten US-Unternehmen sind interessant, aber auch risikobehaftet. Auch Stadler Rail und Geberit in der Schweiz halte ich für gute Firmen, die in ihren Marktsegmenten eine starke Stellung einnehmen und gut aufgestellt sind, um sich auch künftig zu bewähren. Allerdings geht auch an diesen Firmen die Krise nicht spurlos vorbei.

Gar hoch spekulativ stufe ich Ihre Idee ein, Aktien der Lufthansa zu erwerben. Die Luftfahrtbranche steht am Abgrund und dürfte nur mit viel Staatshilfe zu retten sein. Einige Airlines werden pleitegehen. Dabei könnte allenfalls Lufthansa als Gewinnerin hervorgehen, doch eine Garantie dafür haben Sie nicht. Ich würde mir gut überlegen, ob Sie wirklich so hohe Beträge in einige wenige Einzelaktien investieren möchten, die dazu noch beträchtliche Risiken aufweisen, da Sie mit diesem Vorgehen ein enormes Klumpenrisiko eingehen.

In Ihrer Situation würde ich eher den Grossteil des Kapitals breit diversifiziert in verschiedene Anlageklassen wie Anleihen, Aktien, Immobilien und Rohstoffe investieren. In der einzelnen Anlageklasse würde ich wieder eine hohe Diversifikation anstreben, was mittels Fonds und Exchange Traded Funds einfach und kostengünstig möglich ist.

Im Aktienbereich würde ich statt nur ein paar weniger Einzeltitel Indexfonds oder ETFs erwerben, die je zum Beispiel an den Swiss Market Index, den SPI, den Euro-Stoxx-50-Index, den S&P-500-Index, den MSCI-World und den MSCI Emerging Market Index gekoppelt sind. Damit erreichen Sie eine gute Diversifikation.

Darüber hinaus können Sie – sozusagen als Spielgeld – einen Restbetrag immer noch in ein paar Einzeltitel anlegen, von denen Sie sich viel erwarten. Auch so tragen Sie bei einer hohen Aktiengewichtung ein beträchtliches Risiko. Immerhin gehen Sie nicht auch noch ein Klumpenrisiko ein, sondern können die Risiken dank der Diversifikation etwas abfedern.

Da wir zudem nicht wissen, wann die Corona-Krise ausgestanden ist, würde ich nicht alles Geld gleichzeitig anlegen, sondern die Investments staffeln. So senken Sie die Gefahr, dass Sie zu einem schlechten Zeitpunkt gekauft haben.

Derzeit sind die Kurse tief und bieten meines Erachtens durchaus Einstiegschancen. Leider haben wir dennoch keine Garantie, dass die Kurse nicht noch mehr in den Keller gehen.

9 Kommentare zu «So investieren Sie jetzt richtig»

  • Peter Rohner sagt:

    Es freut mich zu lesen, dass Martin Spieler ETFs empfiehlt! Aus meiner Sicht sind ETFs genau die richtige Strategie für jedermann, der sich ein diversifiziertes Portfolio aufbauen und entspannt leben will.

    Einzelaktien, die heute gut dastehen (z.B. Stadler Rail), können schon morgen in Bedrängnis geraten. Deshalb muss ein Portfolio mit Einzelaktien stets beobachtet werden (was ich lästig finde). Ein ETF-Portfolio hingegen kauft man und lässt es ohne eigenes Zutun in Ruhe wachsen (alles passiv). Die Marktperformance ist dem Investieren auf diese Weise gewiss (und die ist in 90 % der Fälle besser als die Performance von aktiven Anlegern).

  • Zufferey Marcel sagt:

    Die Kurse sind tief- ok, und die Bewertungen? Da gibt es alles, von Zoom mit einem KGV von 2011 über Amazon mit 116, ABB mit 31, Facebook 33 oder TUI als Schlusslicht dieser kleinen Auswahl mit 3,5. Growth, Value oder Momentum? Die Coronakrise ist aus Anlegersicht ein Jahrhundertereignis: Entweder macht man riesengrosse Verluste oder umgekehrt enorme Gewinne, die weit über dem liegen, was man in „normalen“ Jahren hätte machen können. Ich würde gestaffelt einsteigen und mich dabei an den jetzt zu erwartenden, makroökonomischen Entwicklungen orientieren: 1. Tech, 2. Zykliker, 3. Tourismus. Hohe Cashbestände sind dabei zwingend nötig, um mögliche Risiken besser abfedern zu können. Sollte aus dem heute noch deflationären Umfeld eine hohe Inflation hervorgehen, kämen 4. noch Banken dazu.

    • Rolf Rothacher sagt:

      Sicher nicht. Die Zukunft der Banken ist höchst ungewiss. Wenn die Regierungen einen zweiten Lockdown anordnen, dürften sehr viele Banken in grosse Schwierigkeiten geraten. Denn dann fehlt das Geld für Immobilien und der Markt bricht nicht nur bei den Gewerbeliegenschaften, sondern auch bei den Mietwohnungen ein. Technologie ist weiterhin sehr teuer. Und der Tourismus hängt längst am Tropf der Politik. Und die setzt, zumindest in Europa, immer stärker auf politische Energiepreise und politische Verhinderung von Mobilität. Keine guten Aussichten für den Tourismus. Denn was den Leuten im Geldbeutel fehlt, drückt sich zuerst in ihren Ferienplänen aus.

      • Marcel Zufferey sagt:

        Warten wir‘s ab: Tech hat mir in den letzten 6 Wochen sehr schöne Gewinne beschert! Das wird zumindest kurzfristig so weiter gehen. Was den Tourismus angeht: Das Seco rechnet bis 2022 mit einer weitgehenden Normalisierung. Zykliker werden sich parallel zu PMI / BIP entwickeln, bzw, einen Teil dieser Entwicklungen weiter antizipieren. Und das deflationäre Szenario anbelangt: Da müssen wir uns sicher noch (ein paar) Jahre gedulden. Die Banken kann man dann kaufen, wenn die Inflation (deutlich) anzieht und entspr. Futures auf Zinserhöhungen hindeuten. Eines ist sicher: Wer ständig Angst hat, kommt nicht weiter.

  • Martin sagt:

    Schade dass Leute mit soviel Geld nicht unternehmerisch tätig sind. Er soll mit 100’000 einen Anteil an einem kleinen Malergeschäft kaufen oder die Mehrheit an einer Zweimann-Zügelfirma o.ä. und loslegen. Firma aufpeppen, Aufträge suchen, Offerten machen, Umsatz generieren, gute Löhne zahlen und wachsen. Das bringt Rendite.

  • Dario sagt:

    Welchen Broker würdet ihr Empfehlen für ETF?

  • Däru sagt:

    Kann jemand ETF Broker empfehlen?

  • Andreas W sagt:

    Diversivikation geht nicht nur in eine Richtung. Man kann auch in Anlagen mit unterschiedlicher Sicherheiten investieren. Vielleicht wird man bei einigen Positionen Geld verlieren, aber bei anderen umso mehr gewinnen.
    Wenn man nun Einzelaktien erwirbt, ergibt das zwar ein Risiko. Aber anders als bei ETFs verdient die Bank nachher nichts mehr wenn keine Transaktionen stattfinden, wenn man 20 Jahre auf den selben Aktien sitzt.
    Alles was es braucht ist Zeit und Nerven;-)

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