Wie Corona selbst sichere Anlagen schwächt

Viele Sparer liessen sich von den hohen Zinsen bei Barrier-Reverse-Convertible-Produkten anlocken – und sitzen nun auf Buchverlusten.

Aussitzen, oder wirds noch schlimmer? Auf Sicherheit bedachte Anleger haben es derzeit schwer. Foto: iStock

Anfang März war ich in fünf Barrier-Reverse-Convertible-Produkte investiert. Als sich die Corona-Krise abzuzeichnen begann, habe ich zwei noch verlustfrei verkauft. Drei habe ich noch, wovon zwei die Barriere berührt haben. Was empfehlen Sie bei solchen Produkten, die die Barriere berührt haben? Halten bis zum Ende und zumindest die Prämien einstreichen? Oder ist das Risiko zu gross? T.W.

In Zeiten rekordtiefer Zinsen wurden Barrier-Reverse-Convertible-Produkte, wie Sie gleich mehrere halten, bei Privatanlegern immer beliebter. Kein Wunder: Sie bieten eine hohe bis sehr hohe Verzinsung bei einem angeblich geringen Risiko. Zumindest hatten viele geglaubt, dass sie mit diesen strukturierten Produkten nur ein kleines Risiko eingehen, und die Banken haben sie in diesem falschen Glauben gelassen, da solche Barrier-Reverse-Convertible-Instrumente gute Umsätze brachten.

Lange ging es auch gut. Oft wurden Fragen nach dem Risiko mit dem Hinweis beschwichtigt, dass man Aktien, die mit dem Produkt gekoppelt sind, nur im schlimmstmöglichen Fall ausgeliefert bekommt, falls eine der Aktien 30 oder je nach Ausgestaltung des Instruments 40 Prozent einbricht, was als eher unwahrscheinlich eingestuft wurde. Der Corona-Crash hat uns einmal mehr brutal vor Augen geführt, dass dramatische Einbrüche sehr wohl passieren können.

Bereits vor der Krise hatte ich gestaunt, wie unbeschwert viele eigentlich auf Sicherheit bedachte Sparer und Anleger sich von den attraktiven Zinsen anlocken liessen und bei Barrier-Reverse-Convertible-Produkten munter zugegriffen hatten, obwohl klar ist, dass in Phasen mit rekordtiefen Zinsen hohe Renditen nie ohne erhöhte Risiken zu haben sind.

Wenn Sie die Produkte jetzt verkaufen, werden aus Ihren Buchverlusten reale Verluste.

Inzwischen sitzen denn auch viele Privatanleger wie Sie bei diesen strukturierten Instrumenten auf hohen Buchverlusten. Denn der Kurs dieser Produkte ist im Zuge des Crashs ebenfalls in den Keller gegangen, weil die mit dem Instrument verbundenen Aktien einbrachen.

Wenn Sie nun die beiden Instrumente verkaufen, werden aus Ihren Buchverlusten reale Verluste. Falls Sie die Produkte indes behalten, profitieren Sie von einer möglichen Kurserholung, weiterhin vom hohen Zins, wissen aber, dass Sie nach dem Ende der Laufzeit nicht mehr das investierte Geld zurückerhalten, sondern jene Aktie, die sich am schlechtesten entwickelt hat.

Bei einem Ihrer zwei Barrier-Reverse-Convertible-Instrumente, das mit den Aktien von LafargeHolcim, Logitech, Lonza und Sika verbunden ist, werden Sie am Ende der Laufzeit wohl im Gegenwert Ihres Investments die Aktien von LafargeHolcim ausgeliefert bekommen. Nun müssen Sie sich die Frage stellen, ob Sie damit leben können, dass Sie diese Papiere dann langfristig in Ihrem Depot haben.

Ihre Verluste begrenzen oder sogar verhindern können Sie nämlich nur, wenn sich die Aktie später wieder deutlich erholt. Ganz so schnell wird dies aber nicht geschehen. Darum müssten Sie genügend Geduld aufbringen können.

Im Fall von LafargeHolcim halte ich das nicht für unrealistisch. Der Zementkonzern ist gut aufgestellt, leidet zwar wohl einige Zeit unter der weltweiten Rezession, dürfte sich nach dem Ende der Rezession aber erholen. Dazu kommt, dass LafargeHolcim bis anhin zu den Aktien gehörte, die eine attraktive Dividende bezahlten. Ob das auch künftig so sein wird, ist angesichts der schlechteren Geschäftsaussichten aber offen.

Allerdings gibt es auch das Negativszenario: Wenn sich die Corona-Krise noch weiter verschlimmern und die Rezession länger anhalten würde, als wir es heute schon annehmen müssen, könnten die Börsen auch nochmals stark einbrechen. Dann wären Sie wohl besser gefahren, wenn Sie Ihre Barrier-Reverse-Convertible-Instrumente selbst zu einem tiefen Kurs abgestossen hätten.

Persönlich gehe ich nicht von diesem Negativszenario aus, würde die Instrumente behalten, den hohen Zinscoupon geniessen und später auf eine Erholung der ausgelieferten Aktien hoffen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass Sie in der Lage und bereit sind, die Papiere länger zu halten, und entsprechend einen mehrjährigen Anlagehorizont haben.

9 Kommentare zu «Wie Corona selbst sichere Anlagen schwächt»

  • Panja Flöte sagt:

    Ich kann mich noch gut an die Diskussion hier zum Thema „Barrier-Reverse-Convertible-Produkte“ erinnern. Viele waren negativ gegenüber diesen Produkten eingestellt, und jetzt haben sie recht bekommen.

    Bei solchen Produkten gewinnen die Banken immer, und im besten Fall werden sie sogar noch ihre schlechten Aktien los. Wirklich ein geniales Produkt (aus Sicht der Banken).

  • David Ricardo sagt:

    „There is no free Lunch“ könnte man hier meinen. In Tat und Wahrheit kriegt jeder einen Teller warme Suppe, wenn’s ums Ganze geht. Die Köche sind das FED und die EZB sowie die Regierungen, welche wieder gewählt werden möchten. Zuwarten mit dem Verkauf kann sich daher lohnen. Besser wäre, die Verluste zu realisieren und anschliessend 70% des Erlöses in einen breit diversifizierten Basket (zB SLI) zu erwerben und auf den Rebound setzen. Mit 30% kann man Arztneimittel erwerben, um die Wunden zu verarzten.

  • Jean Gilette sagt:

    BRC-Produkte oder auch „Struktis“ genannt sind neue Anlageformen, die nach der Crashphase anfangs 2000 als Alternative zum Aktiengeschäft erfunden wurden. Solche Produkte nutzen Banken auch oft um ihre eigenen Aktienbestände abzubauen, denn beim Erreichen einer bestimmten Schwelle verbucht die Bank dem Käufer die Aktien in sein Depot. Bei Struktis ist der Interessenkonflikt zwischen Bank (Produzent) und Kunde (Käufer) gross, da die eigene Bank die Gegenpartei darstellt. Dies sind grundsätzlich schlechte Voraussetzungen für einen Erfolg.

    • Meieriesli sagt:

      Es stimmt nicht, dass die eigene Bank (immer, zwingend) die Gegenpartei ist, kommt halt drauf an welches Produkt man kauft. Man kann auch Fremdprodukte während der Zeichnungsphase zeichnen und damit die Courtage umgehen.

  • Jean Gilette sagt:

    Auch bei den Einnahmen ist ein deutlicher Unterschied zu erkennen. Die Kosten für die Platzierung eines Produkts sind gleich Null, die Vorteile oft enorm. BRCs funktionieren meistens nur bei einem neutralen bis positiven Umfeld. Fällt der Markt, bekommt der Kunde den „Schrott“ geliefert. Einziges Trostpflaster – der Kunde besitzt physisch Aktien. Wer Angst vor der Börse hat kauft Struktis, wer Geld verdien will kauft Bitcoin.

  • Hermann sagt:

    Bitcoin ist noch der viel grössere Schrott! Zwar erreicht Bitcoin immer wieder kurzfristig spektakuläre Höhen, aber nicht weil es Qualität darstellt, sondern weil zu viele meist junge Leute Lügenmärchen glauben (wollen), es ist eine Art legales Schneeballsystem!! Bisher führt kein Weg an Aktien vorbei. Aber bitte selber auslesen! Die Bank hat wenig bis keinen Einfluss, ob ein Titel fällt oder steigt. Es gibt zu viele Anleger mit der Mentalität: „ich will ganz viel Gewinn, aber keinerlei Risiko“! Ist die Produkte-Komplexität zu hoch, passiert zu viel genau das Gegenteil vom Erhofften! Absolute Sicherheit und Sicherheit auf Knopfdruck ist eine Illusion…

  • Molnàr sagt:

    Hohe Rendite gleich hohes Risiko.
    Anleger welche erstens die Produkte nicht verstehen und zweitens nicht mit einem Verlust leben können sollen aufhören zu jammern und die Finger davon lassen.

  • Markus Müller sagt:

    Der Mensch ist rein mathematisch nicht in der Lage, das summierte Risiko von 4 Teil-Risiken einzuschätzen. Die Leistung des Gehirns in anderen Disziplinen ist phänomenal, im Wahrscheinlichkeitsrechnen sind wir totale Nüsse. Aus genau diesem Grund kaufe ich solche Papiere nicht.

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