Was Corona für die Konjunktur bedeutet

Trotz Zinssenkung der US-Notenbank dürfte die Wirtschaft stärker unter dem Coronavirus leiden, als wir heute ahnen.

Ungewissheit, auch an der Börse: Ein Wallstreet-Szenenbild vom 18. März während einer Rede von US-Präsident Donald Trump. Foto: Keystone

Es wird momentan viel über die wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus berichtet. Einige Firmen haben schon vor schlechteren Zahlen gewarnt. Die Börse ist nur ein Spiegelbild. Was ist Ihre Meinung: Wie stark schlägt Corona tatsächlich auf die Wirtschaft durch? A.K.

Solange unklar ist, wie stark sich das Coronavirus noch weltweit ausbreitet und wie lange die Epidemie anhält, kann man keine auch nur einigermassen verlässliche Prognose über die genauen ökonomischen Auswirkungen der Lungenkrankheit machen. Aber man kann Annahmen treffen und anhand von Szenarien die Konsequenzen für die weltweite Wirtschaft aufzeigen.

Viele Ökonomen erwarten momentan eine V-förmige Entwicklung der Konjunktur. Das bedeutet, dass die Wirtschaft steil einbricht, wie wir das aktuell gerade erleben, weil Lieferengpässe bestehen, die Verkäufe zurückgehen und je nach Betroffenheit einer Region von der Krankheit weniger konsumiert wird und das Investitions- und Konsumvertrauen sinken.

Man kann davon ausgehen, dass im ersten Quartal das Wachstum der Wirtschaft einbricht. Besonders in China, aber auch in Italien oder Südkorea ist gar ein negatives Wachstum zu erwarten, in anderen Regionen zumindest eine Wachstumsverlangsamung.

Falls China tatsächlich ein negatives Wachstum erreicht, wäre dies das erste Quartal mit einem rückläufigen Wachstum seit über 40 Jahren. Anders als damals ist China heute nach den USA die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt und beeinflusst damit die Weltkonjunktur stark. Immerhin sind in der Zwischenzeit in China die Arbeiter in die Fabriken zurückgekehrt, und die Betriebe laufen mehrheitlich wieder.

Optimisten rechnen denn auch damit, dass die Konjunktur im zweiten Quartal nach dem raschen Einbruch so wie beim Buchstaben V gleich wieder steil nach oben zeigt. Ein Grossteil der Verkäufe und Investitionen, die im ersten Quartal nicht getätigt wurden, würden dann im zweiten Quartal realisiert, so die Annahme.

Persönlich bin ich mir da nicht so sicher. Ich rechne eher mit einer U-Entwicklung der Konjunktur. Das heisst, dass die Wirtschaft etwas länger als nur ein Quartal in der Delle bleibt und erst später wieder anzieht.

Das ist das zweite Szenario, das unter Ökonomen momentan stark diskutiert wird. Angesichts der nach wie vor starken globalen Ausbreitung der Krankheit, dem Fehlen eines breit nutzbaren Medikamentes und keinen Anzeichen, dass die Krankheit gestoppt werden könnte, halte ich das zweite Szenario mit einem U-Verlauf der globalen Konjunktur eher für wahrscheinlich.

Wenigstens besteht Hoffnung, dass sich die Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte wieder auffängt.

Immerhin haben die grossen Notenbanken signalisiert, dass sie alle ihre verfügbaren Mittel einsetzen, um die durch das Coronavirus geschwächte Wirtschaft zu stützen. Ich habe aber Zweifel, dass Zinssenkungen, wie sie etwa die mächtige US-Notenbank vorgenommen hat, in diesem Fall wirklich viel bringen.

Indem die US-Notenbank ausserplanmässig die Zinsen überraschend um einen halben Basispunkt nach unten gedrückt hat, sind viele Marktteilnehmer erst recht erschrocken. Das letzte Mal hat sie in der Finanzkrise so gehandelt. Darum kann man interpretieren, dass die US-Notenbank die Lage der US-Wirtschaft und der globalen Konjunktur als sehr düster einstuft.

Wenigstens besteht Hoffnung, dass sich die Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte wieder auffängt und das Wachstum auf Jahresbasis vielleicht nicht ganz so schlecht ausfällt. Doch auch das trifft nur zu, wenn die Ausbreitung des Virus weltweit eingedämmt und zumindest unter Kontrolle gebracht werden kann.

Ob das wirklich so rasch gelingt, ist aus meiner Sicht ungewiss und damit auch die konjunkturellen Konsequenzen.

12 Kommentare zu «Was Corona für die Konjunktur bedeutet»

  • Fred Mann sagt:

    Ein langgezogenes L ist ebenso plausibel, da viele Unternehmen vermutlich nicht überleben werden und auch der Tourismus wohl auf längere Zeit schwach bleibt. Firmen werden lernen, mit weniger Geschäftsreisen auszukommen, auch bei normalisierter Lage. Außerdem bitte ich Sie, mit dem unsinnigen Begriff „negatives Wachstum“ aufzuhören. Ich bin jetzt 60 und mein Körper beginnt nun auch so langsam, „negativ zu wachsen“.

  • Anh Toàn sagt:

    Ausser V’s und U’s werden auch L’s gesehen:

    Im Flugverkehr z.B. erwarte ich ein L, vielleicht ein von Hand klein geschriebenes, bei dem es von unten wieder leicht nach oben geht: Wenn die Manager erfahren, wie viel sich ohne die dumme Reiserei machen lässt, und wie viel Zeit sie dabei sparen, fliegen die vielleicht auch in Zukunft deutlich weniger. Vor allem aber sind die politischen, gesellschaftlichen Auswirkungen noch unabsehbar, die Amis kaufen Waffen und Munition, und nicht mal der letzte Redneck-Rambo ist so blöd, dass er glaubt, das Virus fern halten zu können mit Sperrfeuer. Aber vielleicht Plünderer, Verzweifelte die nichts mehr zu essen haben. Wird Trump versuchen, die Wahlen nicht abzuhalten? Gibt es sogar Bürgerkrieg?

    • Anh Toàn sagt:

      In der Schweiz werden nützliche Hilfsmassnahmen beschlossen, es wird immer noch einige geben, die durch die Maschen des rasch gestrickten Netzes fallen. Aber darunter ist, wenn kein privates Netz, zumindest noch eine menschenwürdige Sozialhilfe. In den USA kann man nicht mal mehr Plastikrosen für einen Dollar an Strassenkreuzungen verkaufen. Wenn zu viele nichts mehr zu verlieren haben, wird es gefährlich.

  • Dietmar B. sagt:

    Was meinen Sie, wann ist wieder guter Zeitpunkt zum Investieren in den Aktienmarkt? Jetzt oder noch abwarten?

    • Anh Toàn sagt:

      „The trend is your friend“, und im Moment spezifischer die gleiche Börsenweisheit: „Never catch a falling knife“. Warten bis es aufwärts geht. Erst dann und nur gestaffelt einsteigen: Es gibt häufig „Bärenmarkt-Rallies“, die Kurse steigen ein paar Wochen um doch wieder in den Abwärtstrend zu drehen. Wer langsam gestaffelt in steigende Kurse investiert, wird Gewinne verpassen, wenn es tatsächlich aufwärts geht, aber das tut nicht weh, immerhin hat er Gewinne erzielt. Wer in fallende Kurse kauft, kauft eigentlich immer zu teuer, häufig mit grossen Verlusten. Wer gestaffelt in steigende Kurse kauft, kauft einen Teil zu teuer, weil Bärenmarktrally. Aber einen Teil später billiger. Selbst wenn Aktien heute billig wären, können die in zwei Wochen noch viel billiger sein.

      • alfred bühlmann sagt:

        Völlig Ihrer Meinung wegen noch tieferer Kurse mit zwischenzeitlicher Erholungsphasen, aber einen soliden Aufwärtstrend wird es viel später geben als nach der Finanzkrise, da vielmehr Akteure aus heiterem Hinmel überrascht wurden und auch Vielen zum 2.mal nach 2008 total der Garaus gemacht wurde.

  • Dietmar B. sagt:

    Ok, vielen Dank. Macht aus meiner Sicht Sinn. Das einzige Dilemma ist ob es bei Crashes Bärenmarkt rallies gibt? Aber es lohnt sich noch abzuwarten. Obwohl gewisse Aktien bieten bereits Einstiegsgelegenheiten…

  • Zufferey Marcel sagt:

    Cash is King. Und zwar noch eine ganze Weile lang. Die Volatilitäten scheinen sich auf sehr hohem Niveau einzupendeln (VIX 55 bis 75, 80), was bedeutet, dass jeder Kursverlauf an den Aktienmärkten z. Z. reiner Zufall ist. Put/Call-Ratios gehen hüben wie drüben ohne jedes erkennbare Muster so stark hoch und runter, dass einem jeder Gedanke an eine Investition sofort wieder vergeht! Und an den Kreditmärkten zeichnen sich- wenig erstaunlich- auf Seiten sämtlicher Beteiligten z. T. äusserst beunruhigende Entwicklungen ab (CDS & Spreads aller Arten, Volatilität, etc.), kurzum: Wer in diesem Umfeld nichts macht, tut das einzig Richtige! Der Grund dafür ist denkbar einfach: Niemand weiss, welchen Schaden Covid-19 in der Weltwirtschaft anrichten wird. Am Ehesten ein Mittelding zwischen L und U.

    • alfred bühlmann sagt:

      Ihr letzter Satz stimmt sicher, da niemand weiss wie lange die ganze Pandemie weltweit wütet,solange kann der endgültige Schaden nicht annähernd geschätzt werden. Die Kreditmärkte müssen sich auch dem Naturgesetz beugen wonach sich in den letzten 10-12 Jahren bei vielen Staaten/Konzernen die Schulden sich verdoppelt haben: Schulden sind fix. Die Aktivseite ist variabel, kann sich halbieren,vierteilen (beispiel Eröllager,Flugzeugflotten, das ganze weltumspannende billionenschwere Leasinggeschäft, alles war vor 2 Monaten auf höchstem Level, womit die Fallhöhe ungleich höher ist als 2008 oder 1929-1933. Damals gab es all diese Finanzinstrumente und Vernetzungen nicht. Goldman Sachs rechnet mit BIP USA -24 % für nächstes Quartal. Anträge auf Arbeitslosengeld in USA explodieren.Etc.Etc.

  • Wolfgang Brugger sagt:

    Dass in der Coronaepidemie die meisten Leute überaus gelassen bleiben, Regierungen aber Panik machen, das ist doch komisch! Jetzt wissen wir warum. Die Globalisierung mit ständiger Einkommenssenkung durch Import von Billigarbeitern, resultierender Massenarbeitslosigkeit und Etablierung eines riesigen Niedriglohnsektors sowie Kompensation der abgewürgten Inlandsnachfrage durch Exportüberschüsse und Investition des Kapitals im Ausland, das nun Konkurrent ist, stößt an ihre Grenzen. Ohne Nachfrage kein Gewinn, das ist der soziale Kern des Kapitalismus. Die vor Monaten in der BRD geäußerten Forderungen von Altmeier, Konzerne zu stützen, und von Kevin Kühnert nach “Verstaatlichung”, d.h. Aufkauf fauler Firmen, können nun unter Verweis auf die Coronaerkrankung der Wirtschaft umgesetzt werden.

  • alfred bühlmann sagt:

    Herr Spieler,100 %-ig Ihrer Einung mit U-Verlauf,da es diesmal um eine ganz neue Dimension einer Weltkrise die sämtliche Branchen früher oder später massivst beeinträchtigt.Die Finanzkrise ist 2008 war nichts im Vergleich zu dem was jetzt passiert (siehe auch Rohölpreis) da werden zahlreichen Staaten Milliarden an Oeleinnahmen fehlen die sie wiederum nicht für Investitionen zur Verfügung haben. das 2 Billionen-Stützungpaket in USA wird sofort verpuffen, da alle Branchen betroffen, eine beispiellose Ansteckungsgefahr für noch halbwegs gesunde Konzerne wird zur grossen Gefahr einer nie gekannten oekonomischen Abwärtsspirale (alles vernetzt globalisiert)

  • Johnny sagt:

    Es wird so sein wie es immer war.
    Die Anleger machen jetzt – wo alles spottbillig ist wie im Schlaraffenland – in die Hose.
    … und steigen erst wieder ein wenn sich alles verdoppelt hat.

Kommentar

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