Getrübte Aussichten für die Schweizer Wirtschaft

Warum der Export im nächsten Jahr leiden dürfte – und was das für die Arbeitslosigkeit bedeutet.

Die Schweizer Industrie ist von der Nachfrage aus dem Ausland abhängig: Produktionshalle des Maschinenherstellers Studer in Steffisburg BE. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Oft liest man in den letzten Wochen, dass die Konjunktur abflaue. Es wird gar von Rezession gesprochen. Wie beurteilen Sie die Aussichten für die Schweizer Wirtschaft? J.D.

Die Perspektiven der Schweizer Wirtschaft haben sich in den letzten Monaten tatsächlich eingetrübt. Hauptursache ist der internationale Handelsstreit zwischen den USA und China. Dieser ist trotz der Mitte Dezember gefundenen Teillösung längst nicht mehr nur politisches Geplänkel zwischen den Supermächten, sondern brutal in der Realwirtschaft angekommen, wie die Gewinnwarnungen von einigen Börsenfirmen belegen.

Die Weltwirtschaft verliert an Tempo. Das wirkt sich indirekt und direkt auf viele Zuliefer- und Exportfirmen in der Schweiz aus. Sorgen macht mir vor allem Deutschland und generell Europa. Die deutsche Industrie ist in einer schlechten Verfassung. Entsprechend fehlen die Aufträge auch für die hiesigen Zulieferer der deutschen Industriebetriebe. Zusätzlich belastend wirkt der tiefe Strukturwandel in der deutschen Autoindustrie.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Schweizer Franken in den letzten Monaten wieder zur Stärke tendierte, was Produkte aus der Schweiz auf dem Weltmarkt verteuert.

Positiv ist, dass es momentan keine Anzeichen gibt, dass die hiesige Wirtschaft in eine Rezession abgleiten würde. Aber das Wachstum verliert eindeutig an Dynamik, und zwar sowohl bereits in diesem Jahr als auch im kommenden Jahr. Wir können schon froh sein, wenn wir ein Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) von einem guten Prozent erreichen. Auch in ganz Europa, aber auch in China verliert das Wachstum an Fahrt.

Robust erweist sich immerhin noch die Wirtschaft in den USA, die für unsere Exportfirmen nach der EU der zweitwichtigste Markt darstellt. Wegen der tieferen Wachstumsdynamik haben die Notenbanken der USA und Europas ihre Geldpolitik weiter gelockert. Das ist grundsätzlich positiv.

Ich frage mich allerdings, ob diese Politik des billigen Geldes tatsächlich noch gross Wirkung zeigen wird, da die Zinsen bereits seit langem auf extrem tiefem Niveau sind. Positiv sind die tiefen Zinsen immerhin für die Aktienmärkte, weil sie Aktien im Vergleich zu Anleihen weiter attraktiver machen.

Auch in der Schweiz präsentiert sich die Industrie in einem schwachen Zustand und vermeldet tiefere Auftragseingänge. Das dürfte sich im nächsten Jahr negativ auf den Schweizer Arbeitsmarkt auswirken. Wir müssen davon ausgehen, dass die Arbeitslosenquote 2020 wieder leicht anziehen wird. Unter dem Strich dürfte die Arbeitslosenquote mit schätzungsweise 2,5 Prozent aber weiter tief bleiben.

Stabilisierend wirkt indes unsere Pharmabranche mit den beiden Riesen Novartis und Roche sowie weitere Branchenmitglieder, die den konjunkturellen Schwankungen generell weniger ausgesetzt sind und den grössten Exportanteil beitragen.

Angesichts der abnehmenden Wachstumsdynamik dürfte die Teuerung in der Schweiz weiter bescheiden bleiben. Grund für Pessimismus gibt es für die Schweizer Wirtschaft nicht – der Aufschwung verliert aber an Schwung, und wir müssen uns auch im nächsten Jahr mit einer schwachen Konjunktur zufriedengeben.

5 Kommentare zu «Getrübte Aussichten für die Schweizer Wirtschaft»

  • Josef Marti sagt:

    Der CH Wohlstand ist vollkommen abhängig von Roche und Novartis. Die Marionetten in Bern müssen brav spuren sonst werden die Arbeitsplätze nach Asien verlegt.

  • urs brand sagt:

    Alle Jahre wieder das übliche Kaffeesatzlesen wie in der Astrologie so auch betreffend den Börsen.
    Wie waren doch die Prognosen für das Jahr 2019 – und sind diese eingetroffen? EBEN.
    Die allgemeine Weltlage ist dermassen durcheinander, dass schon die kleinste Äusserung eines Trump, Xi, Putin etc. die ganze Welt in Panik versetzen und die Börsen global in den Keller rasseln.

  • Alfons sagt:

    Warum nennt man das Kind nicht beim Namen = Gesundheitsindustrie Wachstum!
    .
    Die Krankenkassenprämien steigen weiter bis zum Exzess. Die hohen Preise werden durch ein Obligatorium (ent)marktet, damit sich auch keine Nachfragesenkung einstellen kann.
    .
    Nur, wem nützt letztlich ein „Wachs(d)um“, das wie auch die Immo – Mietpreise einseitig zu Gunsten der leistungslosen Kapitalerträgen von arbeit zu reich umverteilt und die Exportpreise belastet?
    .
    Irgenwann fliegt der „Kapitalirrsinn (Asseetpreisinfaltion)“ zusammen. Freude herrscht bei 1% ….

  • M. Vetterli sagt:

    “Stabilisierend wirkt indes unsere Pharmabranche mit den beiden Riesen Novartis und Roche sowie weitere Branchenmitglieder…”

    Das ist richtig… allerdings ist der Pharma/Chemiebereich auch nicht unschuldig an der Aufwertung des CHF, welcher sich im kommenden Jahr durchaus weiter verstärken kann. Dieser Bereich trägt gegenwärtig über 45% zu den Exporten bei, beschäftigt aber nur gerade rund 75000 Arbeitnehmer, welche somit nur 1,5% der Schweizer Erwerbstätigen bilden.
    Der Pharma/Chemiebereich trägt zum Wohlstand der Schweiz bei. Allerdings trägt er (indirekt) auch zu einer Schwächung anderer, weniger margenträchtiger, Export-Branchen, bei. Wir (die Schweiz) leben (lebt) nicht nur von der Pharma. Das Klumpenrisiko und die negativen Nebenerscheinungen dürfen nicht ignoriert werden.

  • Jan Dubach sagt:

    Kürzlich hat es geheissen Jobwunder Schweiz, so viele Jobs wie noch nie, alle sind so reich wie nie, allen geht’s so gut wie nie. Frohe Botschaften, es existieren zwar so viele Jobs wie noch nie, dies aber lediglich in lausig bezahlten Teilzeit- und Temporär-Jobs. Je tiefer die Löhne desto mehr Geschäftsmodelle lohnen sich.

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